Cover des Buchs "Der verlorene Sohn" von Olga Grjasnowa © Aufbau

Eine Geschichte von Verlust und Entwurzelung

Stand: 03.09.2020 16:00 Uhr

Für ihren Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt", erhielt Olga Grjasnowa 2012 den Klaus-Michael-Kühne-Preis des Harbour Front Literaturfestivals. Weitere Bücher folgten, darunter der Bestseller "Gott ist nicht schüchtern" über den syrischen Bürgerkrieg. Nun erscheint wieder ein neuer Roman der 1984 in Baku geborenen Autorin: "Der verlorene Sohn". Auch ihn wird Olga Grjasnowa beim Harbour Front Literaturfestival vorstellen.

von Katja Weise

Nordkaukasus, Sommer 1839. Der neunjährige Jamalludin wird von seiner Mutter geweckt: Er ist der älteste Sohn des Imams Schamil, der im Nordkaukasus seit Jahren erstaunlich erfolgreich gegen die russischen Eroberungsversuche kämpft. Jetzt ist die Lage jedoch kritisch und Jamalludin muss sich von der Familie verabschieden. Er wird den Russen als Pfand übergeben - für die Dauer der Verhandlungen.

Jamalludin wusste genau, wer er war - Schamils Sohn, der Nachfolger seines Vaters, und nach dessen Tod würde er, Jamalludin, über den gesamten Nordkaukasus herrschen. Mit Gottes Hilfe wären die Russen bis dahin längst besiegt und falls nicht, wäre es an ihm, diese Aufgabe zu Ende zu führen.

Doch der Zar hat andere Pläne: Er gibt die Geisel nicht wieder heraus, sondern nimmt den Jungen in seine Obhut, lässt ihn in einer russischen Kadettenanstalt erziehen, um ihn seinerseits später als loyalen Alliierten auf den kaukasischen Thron setzen zu können.

Das Kind als Geisel dient dem Machterhalt des Zaren

"Diese Geschichte um Jamalludin habe ich sehr zufällig in einem anderen Roman gefunden. Dann habe ich recherchiert und mir ist aufgefallen, dass es sehr viele Leute schon vor mir bearbeitet haben, aber mir erschien die Geschichte trotzdem unwiderstehlich und eigentlich für meine Themenkomplexe, auf die ich immer wieder zu sprechen komme, doch passend. Weil es eigentlich ein historischer Roman ist, aber auf der anderen Seite ist es extrem gegenwärtig", erklärt die Autorin.

Mit dem Leben zwischen und mit mehreren Kulturen, mit Flucht und Vertreibung beschäftigt sich Olga Grjasnowa bisher in all ihren Romanen. Jamalludin verliert vollkommen unvorbereitet Familie und Heimat, findet sich in einer ihm fremden Umgebung und Kultur wieder. Fünfzehn Jahre lang wird er aus dem Nordkaukasus nichts mehr hören.

Jamalludin hortete Erinnerungen an sein Zuhause, denn er wollte, dass sie möglichst lange reichten. Er rief sich das Gesicht seiner Mutter, seines Vaters, seines Bruders und den Geruch seines Pferdes ins Gedächtnis. Dann ging er die Reihenfolge der Häuser in seiner Straße durch, aber als er sich nicht mehr daran erinnern konnte, wem das Haus am großen Tor des Auls gehörte, wusste er, dass er gegen die Zeit verloren hatte. Leseprobe

Grjasnowas Schreibstil ist gleichzeitig geradlinig und detailverliebt

Es gelingt ihm nicht, Russland auszusperren: Der Sohn des den Zaren nach wie vor bekämpfenden Imams Schamil wird Teil der Gesellschaft, ist auch oft zu Gast am Hof in St. Petersburg. Am Ende seiner Ausbildung tritt er sogar in die Armee ein. Trotzdem bleibt er immer der "andere".

Auf knapp 400 Seiten erzählt Olga Grjasnowa von diesem außergewöhnlichen Leben - ausführlich und trotz des geradlinigen Stils detailverliebt. Lustvoll schildert sie die prunkvollen Bälle am Hof, kritisch die rücksichtslose Eroberungspolitik des Zaren. Nicht alle Episoden sind dabei in gleichem Maße wesentlich für das Anliegen der Autorin. So strauchelt auch der Leser zwischendurch ein wenig angesichts der Fülle von Geschichten, obwohl Jamalludin nie aus dem Blick gerät, Jamalludin, der "verlorene Sohn".

Ein Roman über Entwurzelung, Großmachtstreben, Antisemitismus

"Er konnte es sich nie aussuchen, er hatte nie wirklich eine gesicherte Identität, eine Identität, zu der er sich selber von sich aus bekannt hätte. Ihm ist es immer von jemandem oktroyiert worden. Er durfte nie der sein, der er sich eigentlich gewünscht hätte", sagt die Autorin.

Entwurzelung, Großmachtstreben, Antisemitismus - Olga Grjasnowa findet viele gegenwärtige Themen. Mit dem ihr eigenen empfindsam-sachlichen Ton ist sie nah dran an ihrem Protagonisten und treibt die Geschichte bis zum bitteren Ende unermüdlich vorwärts. Denn Jamalludin verliert noch einmal alles, als er nach fünfzehn Jahren zu seiner Familie zurückkehrt und nun deren Kultur und Sprache nicht mehr versteht:

In Russland war es leicht, Ressentiments gegen die Russen zu haben. Doch hier war es anders, hier sehnte er sich nach seiner Vergangenheit, so wie er sich in Russland nach der Kindheit gesehnt hatte und beide unwillkürlich idealisierte. Lesung

Weitere Informationen
Die Autorin Olga Grjasnowa im Porträt. ©  picture alliance Foto: Dave Johnston | EdinburghElitemedia

Olga Grjasnowa über ihr Buch "Der verlorene Sohn"

Entwurzelung, Migration, das Leben mit mehreren Kulturen - diese Themen beschäftigen Olga Grjasnowa in all ihren Roman. So auch in dem neuen Buch "Der verlorene Sohn". mehr

Der verlorene Sohn

von Olga Grjasnowa
Seitenzahl:
383 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-351-03783-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.09.2020 | 12:40 Uhr

Gepräch mit Olga Grjasnowa

Die Autorin Olga Grjasnowa im Porträt. ©  picture alliance Foto: Dave Johnston | EdinburghElitemedia

Olga Grjasnowa: "Der verlorene Sohn"

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