Guntram Vesper im Garten © picture alliance / Swen Pförtner/dpa Foto: Swen Pförtner

Nachruf auf Guntram Vesper

Stand: 22.10.2020 17:22 Uhr

Der Schriftsteller Guntram Vesper ist tot. Er starb im Alter von 79 Jahren in seiner langjährigen Wahlheimat Göttingen.

von Jan Ehlert

Die Einladung kam überraschend: Guntram Vesper war 26 Jahre alt, hatte erst drei Gedichtbände veröffentlicht, als ihn Hans-Werner Richter fragte, ob er an der legendären Gruppe 47 teilnehmen wollte. Trotz einiger Bedenken sagte Vesper zu, dort vor den versammelten Schriftstellern und Kritikern zu lesen: "Und zwar unter dem Titel, der schon das Programm ist: Einladung, meiner Hinrichtung beizuwohnen." Denn in seinem Text verarbeitete Vesper literarisch die Einladung in den Gasthof Pulvermühle.

"Du schaust Dir auch das Foto an, solide Gebäude aus deutscher Feudalzeit. In denen wirst Du also drei Tage zubringen, wie? Aber als Du auf der Rückseite des Zettels Verse findest, wächst Deine Zuversicht. Auch der Wirt ist ein Dichter: 'Hast Du satt das Weltgewühle, dann reise in die Pulvermühle. Hier kann der Gast in frohen Stunden als Mensch in der Natur gesunden.'" (Auszug)

Frohburg wird Vespers literarisches Lebensthema

Das Treffen in der Pulvermühle, das 1967 stattfand, sollte das Ende der Gruppe 47 sein - für Vesper war es jedoch erst der Anfang seiner Karriere. Drei Jahre später wurde er nach Leipzig eingeladen, zur Buchmesse, um über das Leipziger Völkerschlachtdenkmal zu schreiben. Doch Vesper hatte andere Pläne: "Es zog mich nicht zum Völkerschlachtdenkmal, sondern nach Frohburg. Das war damals noch nicht gestattet, wenn man zur Messe nach Leipzig war. Ich fand aber Verwandte, die mich mit eigenem Kennzeichen nach Frohburg fuhren."

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Guntram Vesper © dpa Foto: Erwin Elsner

Guntram Vesper im Porträt (2016)

Guntram Vesper wurde 1947 in Frohburg geboren. In seinen Texten und Gedichten kommt er immer wieder auf seine Heimatstadt zurück. Der Roman "Frohburg" ist das Ergebnis einer lebenslangen Recherche. mehr

Eine wegweisende Entscheidung: Denn Frohburg sollte Vespers literarisches Lebensthema werden. Hier hatte er die ersten 16 Jahre seines Lebens verbracht, bis zur Flucht seiner Familie aus der DDR in den Westen. Und hierhin sollte er immer wieder zurückkehren. Bereits in einem seiner frühen Gedichte setzte er dieser Stadt ein Denkmal.

"Frohburg ist eine kleine Landstadt von viereinhalbtausend Einwohnern in Sachsen, auf halbem Weg zwischen Leipzig und Karl-Marx-Stadt, abseits und allem ausgesetzt wie tausende von Orten in Deutsdchland." (Auszug)

Vespers Werk vom unergründlichen Bösen durchzogen

Für Vesper aber wurde es der eine, besondere Ort. 1985 fasste er diese "Besessenheit", wie er selbst sie nannte, in seinem Text "Über Frohburg und sich selber schreiben" fast schon programmatisch zusammen. "Wozu sind wir erzogen worden, von wem, mit welcher Geschichte? Jedes Schreiben über seine ersten 15, 20 Jahre muss dieser Frage nachgehen", heißt es darin. Und so taucht die Stadt immer wieder in seinem Werk auf. In Form von Jugendanekdoten über erste Lektüren und erste Lieben, aber auch in Form von albtraumhaften Erinnerungen.

"In manchen Nächten meiner Kinderzeit sprangen die hungrigen Ratten aus den Abfallgruben von Frohburg und gaben ihre Mordlust an die ganze Stadt weiter. Man konnte vor Hass nicht schlafen." (Auszug)

Auch Vespers Werk ist durchzogen von dem unergründlichen Bösen, das immer wieder plötzlich hervorbrechen kann: "Was ist ein Schuster, wenn er Schuhe macht. Ja, aber wenn er seiner Frau den Schädel einschlägt, dann wird er interessant", erzählte er.

Göttingen wird zur Wahlheimat

Die zweite wichtige Stadt in Vespers Leben wurde Göttingen in Niedersachsen. Hier lebte er seit seinem Studium, hier entstanden die meisten seiner Werke. "Die Illusion des Unglücks" und "Kriegerdenkmal ganz hinten" zählen zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen. Doch seinen größten Erfolg erzielte er erneut mit "Frohburg". So lautete der Titel seines Romanes, in dem all sein Wissen über Stadt und Umgebung zusammengeflossen sind.

Ein Werk, für das er 2016 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Mehr als 1.000 Seiten dick - und doch längst nicht alles, was er erzählen wollte. "Hätte ich weiter geschrieben, wäre ich in der Gegend von fast 2.000 Seiten gelandet", sagte er bei der Vorstellung des Buches. Bis zuletzt lebte Vesper in Göttingen, bis zuletzt hat er dort weiter geschrieben. Nun ist er dort im Alter von 79 Jahren gestorben.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.10.2020 | 18:30 Uhr

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