Stand: 23.12.2017 12:30 Uhr  - NDR Kultur  | Archiv

Aus dem Osten kommt das Licht

Morgenland
von Elger Esser
Vorgestellt von Stefanie Groth

"Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: 'Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.'"

So steht es in der Weihnachtsgeschichte des Matthäus-Evangeliums geschrieben. Die Sternendeuter aus dem Osten, von denen die Rede ist, sind uns geläufiger als die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland. Morgenland - ein wundervoll poetischer, aber ebenso angestaubter Ausdruck, von dem es sich heutzutage nicht mehr schickt, ihn zu verwenden, wenn man vom Nahen Osten spricht. Und doch ist es eben jene konfliktbehaftete Region, die die Wiege des Christentums und damit auch unserer Weihnachtstradition ist.

Es fällt schwer, das eine mit dem anderen in Verbindung zu bringen, kriegen wir doch stets nur die tragischen, brutalen, zerstörten Seiten dieser Region zu sehen. Der Fotograf Elger Esser setzt dieser Wahrnehmung etwas entgegen mit einem Bildband, der ganz bewusst den Titel "Morgenland" trägt.

Rötlich verhangen ist der Himmel über dem See Genezareth, verhangen von Schwaden aus Wüstensand, die durch die Luft flirren, als würden sie einen Tanz aufführen.

In einem letzten, langen Atemzug neigt sich der Tag in der Wüste Negev dem Ende zu. Die Sonne sendet ihre letzten Strahlen über den Horizont, tupft einen kleinen Fleck Erde in ein Farbenspiel aus rot und grün. Drumherum hat die Dunkelheit schon alles verschluckt.

Majestätisch und doch unwirklich bahnt sich ein Segelschiff seinen Weg über den Nil, gleich einer Fata Morgana. Keine Passagiere an Deck, nur drei Bootsmänner, die das hintere der zwei großen beigefarbenen Stoffsegel einholen.

Das Licht zwischen Wasser und Himmel

Ex oriente lux. Aus dem Osten kommt das Licht. Dieses lateinische Schlagwort kommt einem unweigerlich in den Sinn, blättert man durch den Bildband "Morgenland" des Fotografen Elger Esser. Bilder von Küsten im Libanon, in Israel, vom Nil. Das sonst so wilde Wasser fließt in diesen Bildern ganz ruhig dahin, Richtung Horizont, wo es schließlich eins wird, ein fließender Übergang zwischen Wasser und Himmel. Kein Mensch weit und breit und alles in gleißendes Licht getaucht. Ein Licht, ganz warm und sanft. Ein Licht, das man so nur im Nahen Osten zu sehen kriegt.

Ex oriente lux - ein Spruch, der sich ursprünglich auf den Sonnenaufgang bezog; später auf das Christentum übertragen wurde, dessen Wiege der Nahe Osten ist. Das von Europa aus betrachtet folglich aus dem Osten, dem Morgenland kam - und mit ihm die Erleuchtung, so der Glaube.

Esser bietet damit einen Blick auf den Nahen Osten, der unter den Nachrichten-Schlagzeilen von Krieg und Terror völlig abhanden gekommen ist. Seine Fotografien ermöglichen einen frischen Blick auf die Region. Menschen sucht man in ihnen oft vergeblich. Unschuldig, zeitlos, entgrenzt, fast schon heilig wirken seine Aufnahmen von nahöstlichen Landschaften, die einen in den Bann, ja fast in das Bild hinein ziehen.

Ruhe und Frieden statt politischer Konflikte

Man möchte wissen, was sich hinter den massiven Felsmauern von Akko in Israel befindet. Will in den Ruinen spazieren gehen, die Esser im Libanon fotografiert hat. Den Schnee berühren, der die Straßen von Bischarri meterhoch blockiert, dem Geburtsort des Poeten und Malers Khalil Gibran.

Essers Fotografien sind befreit vom Ballast politischer Konflikte und Entwicklungen, unverstellt vom Horror der Nachrichtenbilder. Stattdessen: Ruhe. Und Licht. Und Frieden.

Kaum ein Begriff scheint ferner zu liegen, denkt man an den Nahen Osten. Doch ist "Frieden" der Begriff, der Elger Essers Bildband "Morgenland" am besten auf den Punkt bringt - und das, was man der Region am sehnlichsten wünscht. 

Morgenland

von
Seitenzahl:
180 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
131 Farb- und Duotonetafeln. Mit Texten von Osnat Zukerman Rechter und Özkan Ezli - Deutsch, Englisch
Verlag:
Schirmer / Mosel
Bestellnummer:
978-3-8296-0797-1
Preis:
58,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 24.12.2017 | 17:20 Uhr

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