Stand: 13.03.2018 16:24 Uhr

Die Renaissance der Verschwörungstheorien

Nichts ist, wie es scheint
von Michael Butter
Vorgestellt von Claas Christophersen

Wer erst einmal den großen Plan verstanden hat, der hinter dem Chaos der Ereignisse steckt, sieht überall untrügliche Zeichen. So schafft es dann die US-Popsängerin Beyoncé in ein riesiges Komplott - und als Beispiel auch in das Buch "Nichts ist, wie es scheint" des Amerikanisten und Kulturwissenschaftlers Michael Butter.

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Michael Butter seziert in "Nichts ist, wie es scheint" Verschwörungstheorien.

2013, in der Halbzeitpause des "Super Bowl", des Finalspiels der American-Football-Liga. Höchste Einschaltquoten für Beyoncés düster-lasziv wirkende Show. Eine Fundgrube für Verschwörungstheoretiker. Besonders als sie mit den Händen eine Raute formt. Das sieht aus wie eine Pyramide, das Erkennungszeichen der Illuminati, die angeblich die Geschicke der Welt lenken. Und das mit der Raute kennen wir Deutschen doch ganz gut.

Theorien zur Mondlandung, zur Kennedy-Ermordung, zum 11. September

Beyoncé und Angela Merkel als Illuminati - das mag absurd klingen. Belächeln sollte man angebliche Komplotte trotzdem nicht gleich, findet der Autor des Buches Michael Butter: "Es gibt viele Verschwörungstheorien - etwa zur Mondlandung, zur Kennedy-Ermordung oder zu den Anschlägen des 11. September 2001, die zumindest auf den ersten Blick sehr überzeugend wirken. Diese Theorien sind attraktiv, weil sie verschiedene Funktionen erfüllen für Individuen und für Kollektive."

"Bedrohliches Wissen"

In seinem Buch schreibt der Tübinger Amerikanistik-Professor, dass die aktuelle Renaissance der Verschwörungstheorien zum einen mit dem Erstarken populistischer Bewegungen zusammenhängt. Eine ebenso entscheidende Rolle spielt das Internet: Verschwörungstheorien, die vermeintlich von der Bildfläche verschwunden waren, werden wieder sichtbar gemacht.

Butter verfällt an keiner Stelle des Textes in einen schrillen Alarm-Ton. Er will aufklären. Das ist die große Stärke dieses Buches - insbesondere wenn der Kulturwissenschaftler eine zeitgeschichtliche Perspektive einnimmt. Noch bis in die 1950er-Jahre hinein seien Verschwörungstheorien unhinterfragtes Alltagswissen gewesen. Erst danach habe sich das in den USA, aber auch in Europa, geändert. "Unter dem Eindruck des Holocaust und dann auch der Kommunistenhetze in den 50er-Jahren in den USA, die ja beide sehr stark von Verschwörungstheorien motiviert worden waren, erkannte man, dass diese auch gefährlich sein können", so Butter. "Man begann dann damit, gegen Theorien dieser Art aktiv zu argumentieren, sie als eine Art gefährliches, bedrohliches Wissen darzustellen."

Symptom für eine tiefer liegende Krise

Aber mittlerweile breiten sie sich eben wieder aus - begünstigt von rechtspopulistischer Elitenkritik und der Furcht vieler Menschen, in der Globalisierung abgehängt zu werden, und befeuert von den Echokammern des Internets. Da schimpfen die einen über die angeblichen Handlanger von Komplotten, und die anderen versichern sich ihrer liberalen Weltsicht. Öffentlichkeit sei fragmentiert, befindet Butter, und damit zeige sich der hysterische Diskurs über Verschwörungen und Verschwörungstheorien als ein Symptom für eine tiefer liegende Krise demokratischer Gesellschaften. Denn wenn Gesellschaften, so Butter, "sich nicht mehr darauf verständigen können, was wahr ist, können sie auch die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts nicht meistern."

Dialog ist ein erster Schritt

Damit endet das Buch ziemlich düster. Was da vorerst nur bleibt für den Umgang mit Menschen, die an allerlei Verschwörungen glauben, ist immerhin das Gespräch, der Dialog, wenn er sich dann doch noch mal ergibt. "Was oft hilft, ist, einfach nachzufragen oder auf kleine Details abzuzielen", findet Butter. "Wie genau sehen Sie das denn? Wie genau würde das zu dem passen, was Sie da gesagt haben? Das führt oft nicht unbedingt dazu, dass die Leute dann sofort überzeugt werden und sagen: Ja, Sie haben Recht, und das ist alles falsch. Aber ich glaube, dass man dieser Fragmentierung vorbeugt in dem Sinne, dass die Leute sich gehört und ernst genommen fühlen. Und das kann auf jeden Fall ein erster Schritt sein."

Nichts ist, wie es scheint

von
Seitenzahl:
271 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3518073605
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.03.2018 | 19:00 Uhr

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