Stand: 03.11.2017 13:21 Uhr

Dänischer Sklavenhandel

Die Hoffnung
von Mich Vraa, aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Vorgestellt von Annkathrin Bornholdt
Bild vergrößern
Mich Vraa, geboren 1954, hat unter anderem Bücher von Jonathan Franzen, Ernest Hemingway und Don DeLillo ins Dänische übertragen.

Das Schicksal der Sklaven in den amerikanischen Südstaaten ist zurzeit ein großes literarisches Thema. "Underground Railroad" von Colson Whitehead gewann dieses Jahr den Pulitzer-Preis und ist international ein großer Erfolg. Auch der Roman "Heimkehren" der in Ghana geborenen Amerikanerin Yaa Gyasi erzählt von der Brutalität des Sklavenhandels. Nun hat ein dänischer Autor sich ebenfalls diesem Thema gewidmet. Mich Vraa schildert in seinem neuen Roman "Die Hoffnung" den Sklavenhandel aus dänischer Perspektive.

Eine gefährliche Seereise

Im Jahr 1802 tritt die 15 Jahre alte dänische Kapitänstochter Maria eine Seereise an. "Ich werde mit der Hoffnung in See stechen! Zusammen mit Vater, der, seitdem ich auf der Welt bin, nie mehr gesegelt ist. Schon bald werden wir beide an Bord der Fregatte gehen und Kopenhagen verlassen", schreibt sie euphorisch an ihre Mutter.

Maria ahnt nicht, dass diese Reise, die eigentlich nur nach Jütland führen soll, einen ganz anderen Verlauf nehmen wird. Dass der Skipper ihres Vaters ganz andere Pläne mit der Fregatte "Hoffnung" hat, als nur Tee und Tabak nach Skagen zu liefern.

Marias Vater Anton Frederiksen wird vom Skipper Wilfred Bernt überwältigt, landet unter Deck und beginnt zu ahnen, was die Mannschaft im Schilde führt: "Bernt will Schwarze holen. Er will sie übers Meer nach Westindien bringen. Wie immer… Er hat niemals damit aufgehört." Und das, obwohl die dänische Krone die Sklaverei längt offiziell verboten hat.

Vokabular gibt das damalige Weltbild wieder

Das Besondere an diesem Buch ist, dass es nur aus Briefen, Tagebucheinträgen und historischen Dokumenten besteht. Die Geschichte setzt sich aus all diesen Puzzleteilen zusammen. Das ermöglicht dem Autor Mich Vraa, das Vokabular der vergangenen Zeit zu nutzen. Die Wortwahl der Figuren gibt das damalige Weltbild wieder. Unterdrückung, Misshandlung, Verachtung und Grausamkeit finden ihren Niederschlag in der Sprache. Es ist eine Zeit, zu der Menschen dunkler Hautfarbe würdeloser behandelt werden als Vieh und ihr Leben nicht mehr wert ist, als die Arbeit, die sie verrichten können.

Wilfred Bernts privates Logbuch, Fregatte Hoffnung, Juli 1803:
Liegen vor Anker an der Küste des Holländers. Afrika stinkt nach Tod! Warten darauf, einhundertfünfzig Neger zu verladen. Das Zwischendeck hungert nach schwarzen Schweinen…" Leseprobe

Veränderte Sicht auf den Sklavenhandel

Streckenweise ist es kaum zu ertragen, Sätze wie diese zu lesen. Dennoch entwickelt dieser Roman einen ganz eigenen Sog. Auf einer zweiten Ebene lernt man den jungen Humanisten Mikkel Eide kennen. Er bezieht um 1823 - also 20 Jahre später - auf der westindischen Insel Sankt Thomas eine Hütte auf dem Anwesen des Pflanzers Jan Marcussen, um dort ein Buch über die Geschichte und Situation der Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen zu schreiben:

"Zucker ist das Resultat menschlicher Schinderei. Zur Zeit der Ernte sterben so gut wie täglich Männer, Frauen und Kinder oder werden verstümmelt. Niemand hier nennt sie Sklaven, obwohl viele in Kopenhagen das Wort verwenden, als wäre es eine alltägliche Vokabel. Hier spricht man von ihnen als Neger oder Unfreie." Leseprobe

Maria, gefangen auf dem Sklavenschiff, und Mikkel Eide zu Gast bei dem Plantagenbesitzer Jan Marcussen - sie beide werden bald ganz persönlich in die Geschichte der Sklaven hineingezogen: Maria, weil sie erfährt, dass sie eine sogenannte Mulattin ist. Mikkel Eide, weil er sich in eine junge Sklavin verliebt. Am Ende zeigt sich, wie all diese Schicksale miteinander verwoben sind.

"Die Hoffnung" ist ein spannendes, geschickt komponiertes und flüssig geschriebenes Buch. Es bringt einen einmal mehr zum Nachdenken darüber, wozu Menschen fähig sind - auch heute noch.

Allerdings ist dieses Buch überwiegend aus Sicht der Weißen geschrieben, seien es Befürworter oder Gegner der Sklaverei. Wirklich nah kommt man den dargestellten ausgebeuteten Menschen nur selten. In seinem Nachwort sichert Mich Vraa zu, dass er in seinem nächsten Roman genau diese Perspektive einnehmen will.

Die Hoffnung

von
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00155-6
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.11.2017 | 12:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Mich-Vraa-Die-Hoffnung,diehoffnung106.html

Mehr Kultur

01:02
NDR 1 Welle Nord

1918 - Aufstand der Matrosen

04.11.2018 20:15 Uhr
NDR 1 Welle Nord
48:26
NDR Info

Unterleuten (4/6)

21.10.2018 21:05 Uhr
NDR Info
30:46
NDR Info

Manila - Stadt der Gegensätze

21.10.2018 07:30 Uhr
NDR Info