Stand: 20.11.2018 10:00 Uhr

Martin Walsers Lebensbilanz

von Cornelia Zetzsche

In seinem 92. Lebensjahr hat der Schriftsteller Martin Walser, der seinen ersten Roman "Ehen in Philippsburg" im Jahr 1957 veröffentlichte und seither kontinuierlich auf dem Buchmarkt präsent ist, ein weiteres Buch herausgebracht. Im vergangenen März, zum 91. Geburtstag, erschien "Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte", ein Roman über einen Verzweifelten, der zwei Frauen liebt. Das neue Buch heißt "Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung" und enthält Illustrationen seiner Tochter Alissa Walser.

Martin Walser: "Spätdienst: Bekenntnis und Stimmung" (Buchcover) © Rowohlt
Martin Walsers neues Buch "Spätdienst" enthält mehr Stimmungsbilder als Handlung.

Martin Walser schreibt um sein Leben. Ein neues Buch jeden Winter und eine Großtournee dazu, rastlos bis ins hohe Alter. Das nächste Buch ist schon in Arbeit, da erscheint gerade "Spätdienst". "Es ist ja bei mir ziemlich spät, und dann hab' ich eben zu diesem Wort Zuflucht genommen. Und wenn ich jetzt noch einen Dienst tue, dann ist es ein Spätdienst", so erklärt der Autor, wie er auf den Buchtitel gekommen ist.

Diesmal kein Roman allerdings, das muss erlaubt sein, kein Plot, keine Handlung, kein Zürn, kein Halm, Meßmer oder Percy, nur ein lyrisches Ich, ein Alter Ego zwischen Alltag, Glück, Zweifel und Verzweiflung. Heiter, schwermütig, berührend ist das, auch sehr intim.

 "Da ist nochmal alles, was ich je empfunden und gemacht und getan habe. Es ist noch einmal alles aufgeboten und zwar: Es sollte schön sein. Ob Gedicht oder Prosa, das Prinzip ist eine Ausdrucksgelungenheit. Deshalb braucht es keine Handlung, sondern es muss sich lohnen, das zu lesen", findet Walser.

Glücksmomente mit einigen Seufzern

"Spätdienst" ist, was es verspricht: "Bekenntnis und Stimmung" in späten Jahren, Projektions- und Identifikationsfläche für Leser. Es gibt rare Glücksmomente, der Ton scheint gelassener als in früheren Büchern, und dennoch ist diese Lebensbilanz getönt von viel Schwärze, wenig Lichtpunkten und einigen Seufzern über die "Existenzstrapazen". Seinen schwäbischen Dialekt, die Wörter von früher, kann Walser nur noch mit drei Menschen sprechen.

"Am meischte bin i dahuomm i deana Wirtr vu friar, wo i ezz numma heer. Friar hodd ma zu friar au idd friar gseed. I de sell Zidd hodd ma friandr gseed. I deara Zidd bin I dahuomm, bloss ka nes kuom me saga." Leseprobe

"Ohrenmüde", "beschimpfungsmüde" ist dieses Ich. Vergessen lernen wäre das Schönste, aber die Erinnerung lässt sich so wenig abschütteln wie der Hader mit sich selbst und mit alten Gegnern, alles Kritiker, alle in angriffslustigen Vierzeilern namentlich genannt, keine Freunde - nirgends, im Buch wenigstens, dafür Fremdheit, Einsamkeit, Versäumnisse, Widersprüche, auch die Einsicht, selbst gezündelt zu haben. Und - das Alter.

Schreiben als Kraftquelle

Über ein Jahr hinweg gehen die Zeilen, aber der Herbst bestimmt diesen "Spätdienst". Vergänglichkeit ist in allen Dingen, doch dem Tod widerspricht Walser: "Ich sage dem Tod ins Gesicht, ich glaube Dich nicht. Der Tod kommt nicht vor als eintönige Siegesveranstaltung einer Lebensvernichtung, sondern er kommt vor, wenn er vorkommt, als ein Streitpartner. Es wird ihm widersprochen."

Was bleibt, sind Glücksmomente in der Natur, Sonnenlicht, der Herbst als liebste Jahreszeit, "Blätterschönheit. Sterbepracht", der Regen. Immer wieder Lebensgier und Todesahnung. Und der See, Schauplatz der Romane, prägende Landschaft und zeitlebens Anker und Angelpunkt, Kraftquelle fürs Leben und Schreiben im "schönsten Arbeitszimmer der Welt" mit weitem Blick auf die Spiegelfläche vor den hohen blauen Bergen.

Ich teile das grüne Glas
des Sees und schwimme
den Perlen nach und frage,
ob das das Glück sei. Leseprobe

Spätdienst: Bekenntnis und Stimmung

von Martin Walser
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-07407-4
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.11.2018 | 12:40 Uhr

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