Stand: 01.03.2017 14:35 Uhr

Die Stimme der Bestie

Der Tod so kalt
von Luca D'Andrea, aus dem Italienischen von Verena v. Koskull
Vorgestellt von Andrea Heußinger
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Luca D'Andrea wurde 1979 in Bozen geboren - und lebt dort noch heute.

Skifahrer lieben sie, für Wanderer und Bergsteiger sind sie ein Eldorado: die Dolomiten, ganz im Norden Italiens. Von dort kommt ein Thriller zu uns, der direkt nach seinem Erscheinen in Italien in die Top Ten der Bestsellerlisten einstieg und derzeit in 35 Sprachen übersetzt wird. Geschrieben hat ihn ein junger Mann, der die Südtiroler Bergwelt kennt wie seine Westentasche, denn sie ist seine Heimat. Als Journalist hat Luca D'Andrea unter anderem bereits die Bergrettung für das italienische Fernsehen porträtiert. Dabei wuchs in ihm die Idee für ein Buch. "Der Tod so kalt" ist D'Andreas erster Roman.

Eine tödliche Lawine

Jeremiah Salinger ist neu in Siebenhoch. Der Liebe wegen ist er mit Tochter Clara und Ehefrau Annelise in deren Heimatdorf in Südtirol gezogen. Zu Hause in den USA war Salinger ein aufgehender Stern am Dokumentarfilmhimmel. Sein Vorhaben, einen Film über die Hubschrauberrettung der Dolomiten zu drehen, endet im Desaster:

Zu warm, hatte Moses gesagt. Zu warm bedeutete: Lawine. Der Schrei Gottes. Und die Lawine hatte sich Manny geholt. Und mit Manny, der am Seil der Winde hing, hatte sich die Bestie den Ec135 gekrallt, ihn zu Boden gezogen und zerschmettert wie ein lästiges Insekt. Wieso hatte Moses das Seil nicht gekappt? Diese Frage stellten sich Carabinieri und Journalisten gleichermaßen. Nicht aber die Helfer, die mich retteten. Sie wussten es. Es steht alles in den Regeln. Das Seil der Winde wird nicht gekappt. Weil man in den Bergen niemanden zurücklässt. Niemals. Leseprobe

Fünf Tote, Salinger ist der einzige Überlebende.

Panik und Albträume nach dem Unfall

Anders als seine Figur hat der Autor vor einigen Jahren erfolgreich einen Film über die Bergrettung gedreht. Auch vieles andere in D'Andreas Roman existiert wirklich, zum Beispiel die Bletterbachschlucht, die bald im Zentrum der Geschichte steht.

Nach seiner Rettung leidet Salinger unter Panikattacken und Albträumen, immer wieder hört er das, was er "die Stimme der Bestie" nennt. Seiner Tochter zuliebe reißt er sich zusammen und beginnt, mit ihr Wanderungen zu machen:

Die Bletterbach-Schlucht ist eine 3D-Doku, die vor zweihundertachtzig Millionen Jahren beginnt, in einem Zeitalter namens Perm, und bis in die Trias hundert Millionen Jahre später reicht: vom großen Sterben der Meeresbewohner und Amphibien bis zur Ära der großen Saurier. Ein prähistorischer Zoo, zu dem ich mit Clara, die mit blonden Zöpfchen und pastellfarbenen Wanderschuhen auf dem Beifahrersitz saß, an jenem frühen Oktobernachmittag in dem guten Glauben aufbrach, dass die Dinge allmählich wieder auf die Schiene kamen. Leseprobe

Einheimische vermuten einen Mord

Doch dann belauscht Salinger ein Gespräch über das Bletterbach-Massaker: Im Jahr 1985, während über der Gegend ein gewaltiges Unwetter tobte, wurden in der Schlucht drei junge Siebenhocher auf grausamste Weise niedergemetzelt. Den Täter vermutete man im Bekanntenkreis, doch die schrecklichen Morde wurden nie aufgeklärt.

30 Jahre später beginnt nun Salinger unangenehme Fragen zu stellen. Sein eigener Schwiegervater hatte die Toten damals gefunden, gemeinsam mit drei weiteren Männern aus dem Dorf, von denen zwei bereits tot sind.

Das Setting ist alles andere als innovativ: Die imposante Kulisse der Berge, ihre wortkargen Bewohner mit ihren archaischen Bräuchen - und ein Fremder, der in diese eingeschworene Gemeinschaft eindringt:

"Schauen Sie. Ich möchte nicht, dass Sie sich fremd fühlen. Sie sind der Schwiegersohn vom alten Mair. (...) Sagen wir, Sie sind noch hinter der Linie. Aber sehr viel näher dran als ein einfacher Tourist. Ich will ehrlich sein. In Siebenhoch gibt's eine Menge Zank. Eine Menge. Und meine Aufgabe ist es (...), Probleme zu vermeiden. Zumindest sehe ich das so." Er machte eine kurze Pause. "Ich weiß, was die Leute über Sie sagen. Vor allem nach dem Unglück am Ortler." Leseprobe

Spannende Geschichte mit einem verschenkten Ende

Die Dorfbewohner machen Salinger für den Tod der Bergretter verantwortlich, vor allem aber wollen sie die Vergangenheit ruhen lassen. Die zunächst versteckten Drohungen werden immer offener. Für den Protagonisten selbst wird die Suche nach der Wahrheit zur Obsession, in deren Verlauf er sogar seine Ehe aufs Spiel setzt.

D'Andreas Schreibstil ist erfrischend und garniert mit vielen kreativen Einfällen, all seine Figuren hat er sorgfältig beschrieben. Dazu eine gute Komposition, der Rhythmus der Geschichte, die mehr als eine Volte schlägt, die kurzen Kapitel, das schnelle Springen zwischen verschiedenen Schauplätzen - all das erzeugt atemlose Spannung. Und die Auflösung? Völlig überraschend, in ihrer Beiläufigkeit aber auch ein bisschen verschenkt.

Der Tod so kalt

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
DVA
Bestellnummer:
978-3-421-04759-5
Preis:
14,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 03.03.2017 | 12:40 Uhr

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