Stand: 12.05.2020 09:52 Uhr  - NDR Kultur

Die Geburtsstunde von Pippi Langstrumpf

von Martina Kothe

Millionen von Kindern sind mit den Geschichten von Pippi Langstrumpf aufgewachsen. 1945 erschien der erste "Pippi Langstrumpf"-Band in Schweden. Astrid Lindgren erfand die Figur, die praktisch wie eine Kriegswaise lebt - die Mutter tot, der Vater verschollen -, während der Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Pippi ist nicht nur das starke wilde Mädchen mit den verrückten Einfällen, sondern auch ein Kind des Krieges, das sich mit Verlust, Tod und Einsamkeit auseinandersetzen muss.

"'Erzähl von Pippi Langstrumpf', sagte Karin. Sie hatte den Namen in diesem Moment erfunden und ich fing an von Pippi zu erzählen. Es war ja ein merkwürdiger Name und deshalb wurde es ein merkwürdiges Kind", beschrieb Astrid Lindgren einmal die Entstehung der Figur Pippi Langstrumpf. 1941 lag Astrid Lindgrens Tochter Karin krank im Bett und ihre Mutter erzählte ihr von den Abenteuern von Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Zu Karins zehntem Geburtstag hatte Astrid Lindgren alle Geschichten von Pippi Langstrumpf aufgeschrieben, um sie ihrer Tochter zu schenken. Aus Astrid Lindgrens Tagebuch:

Heute ist Karin 10 geworden, ihr fünfter Geburtstag, den wir im Krieg feiern. (…) Sie bekam das "Lesebuch der Volksschule" in drei Bänden, ein Buch über Pelle Svanslös sowie das Manuskript von Pippi Langstrumpf in einem hübschen, schwarzen Ordner.

Das tapferste, stärkste, mutigste Mädchen der Welt, das ohne Eltern, mit ihrem Pferd und ihrem Affen in der Villa Kunterbunt wohnt, wurde mitten im Zweiten Weltkrieg geboren. Zu einer Zeit, da Astrid Lindgren notierte: "Die Menschheit hat den Verstand verloren."

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So erscheint Pippi Langstrumpf einem beinahe wie die nötige Medizin, die Rückbesinnung auf das, was unser Leben so wunderbar machen kann: Freiheit. Unabhängigkeit. Mut. Kindheit. Und nicht zu vergessen: Das rothaarige, sommersprossige Mädchen mit den abstehenden Zöpfen und den merkwürdigen Kleidern übernimmt Verantwortung für ihr Leben. Sie sorgt für ihre Tiere, sie ist Tommy und Annika die beste Freundin, die man sich nur wünschen kann - und sie beugt sich keiner Konvention.

"Geisteskranke" Heldin

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Eine Kinderbuchheldin und ihre Schöpferin: Astrid Lindgren mit der Pippi-Darstellerin Inger Nilsson.

"Als das Manuskript in Reinschrift geschrieben war, kam es mir in den Sinn, es doch einem Verlag zu zeigen", erzählt Astrid Lindgren. "Ich selber fand, dass Pippi eine gefährliche Sache war und ich unterzeichnete meinen Brief an den Verlag mit folgenden Worten, daran erinnere ich mich: 'In der Hoffnung, dass sie nicht das Jugendamt alarmieren.'"Das Jugendamt wurde zwar nicht alarmiert, dennoch sorgte diese ungewöhnliche Kinderbuchheldin für kontroverse Debatten. So bezeichnete der schwedische Literaturkritiker und Psychologieprofessor John Landquist das Buch als geschmacklos, die Autorin als fantasielose Dilettantin und die Heldin als geisteskrank. Wie gut, dass unsere Jubilarin sich solche Anfeindungen nie zu Herzen nahm.

Pippi Langstrumpf: Genauso mutig wie die Jungs

Besonders an Pippi Langstrumpf waren nicht nur ihr Name, ihr unkonventionelles Leben und ihre Kraft - besonders war auch, dass hier ein Mädchen beschrieben wurde, mindestens genauso mutig und wild, wie es in der Literatur und dem sogenannten wirklichen Leben bis dato den Jungen vorbehalten war.

Astrid Lindgrens Biografin Margareta Strömstedt schreibt:

Astrid Lindgren weiß, dass jedes normale Kind in der Vorpubertät gefährlich lebt, ja gefährlich leben will. Von jeher hat dies vor allem für die Jungen gegolten, aber hier überschreitet Astrid Lindgren die Geschlechtergrenzen. Ihre Mädchen - von Pippi bis Ronja - fordern die körperliche Gefahr ebenso ernsthaft heraus wie die Jungen.

Und sie selbst sagt: "Ich glaube, ich schreibe, um mich selbst zu trösten. Ich kann es einfach nicht ertragen, dass Kinder es schwer haben. Es ist schwer, ein Mensch zu sein, nicht wahr? Und das muss es vielleicht sein. Aber ich finde, dass unschuldige kleine Kinder glücklich und geborgen sein sollten. Zumindest solange sie Kinder sind. Ich schreibe, um zu vergessen, dass es leider nicht immer so ist."

Man sollte in diesen Tagen nicht nur die 75-jährige, immer junge Pippi Langstrumpf feiern, sondern natürlich auch ihre Schöpferin. Keiner konnte über Kindheit so schreiben wie Astrid Lindgren, wer ihre Bücher als Kind gelesen hat, den lassen sie nie wieder los - was für ein Geschenk.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 09.05.2020 | 14:40 Uhr