Iris Hanika © picture-alliance / Erwin Elsner Foto: Erwin Elsner

Leipziger Buchpreis an Iris Hanika: "Ein ungewöhnliches Buch"

Stand: 28.05.2021 16:47 Uhr

Der Preis der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Belletristik geht in diesem Jahr an Iris Hanika für ihren Roman "Echos Kammern". Maren Ahring aus der Literaturredaktion von NDR Kultur hat die Preisverleihung verfolgt.

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Frau Ahring, wie war das, so eine digitale Preisverleihung?

Maren Ahring: Das ist schon ein bisschen merkwürdig, wenn man das Original kennt. In der großen Glashalle wird normalerweise der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen, mit ganz viel Publikumsgewusel und Hintergrundrauschen. Diesmal war es ein bisschen steril, in der Kongresshalle am Zoo in Leipzig, wo nur die Jury-Mitglieder und ein paar geladene Gäste waren. Die Nominierten waren nur per Video zugeschaltet. In seiner Begrüßungsrede hat der Buchmesse-Direktor Oliver Zille gesagt, er hoffe sehr, dass alle Leitungen stehen und das W-LAN stabil ist. Das ist das Bild, was wir seit anderthalb Jahren kennen, woran wir uns gewöhnt haben: eine Videowand mit allen Beteiligten.

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Iris Hanika ist für ihren Roman "Echos, Kammern" mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet worden. Das ist nicht gerade die allerleichteste Kost. Kann man trotzdem beschreiben, worum es da geht?

Ahring: Es ist auf jeden Fall ein sehr ungewöhnliches Buch, und mich hat diese Entscheidung der Jury tatsächlich ein bisschen gewundert. Es geht darin um zwei Frauen, Sophonisbe und Roxana, und einen Mann, Josh. In diesem Buch spielt Iris Hanika mit dem Mythos von "Echo und Narziss". Es ist nicht ganz leicht zu fassen, was eigentlich der Kern des Buchs ist; sie vermischt sehr viel. Sie experimentiert mit diesen alten Mythen, mit einer eigenen Sprache und verschiedenen Erzählformen. Sie hat im vergangenen Jahr in einer Sendung bei NDR Kultur gesagt, sie sei an Geschichten gar nicht interessiert, sondern vielmehr an der Form. Und das macht dieses Buch nicht ganz leicht zu lesen, es überfordert manche. Es beginnt in New York und endet in Berlin. Es geht um zwei Frauen in der Lebensmitte, eine gescheiterte Schriftstellerin und eine sehr erfolgreiche. Es geht um Gentrifizierung und vieles mehr.

Die Jury begründete ihre Entscheidung für Iris Hanika damit, dass sie die Autorin als "kluge, witzige und wüste Erzählkonstrukteurin" ausweist: "Iris Hanika schreibt unbeirrt seit fast drei Jahrzehnten ihre Literatur, schreibt auf ihrem Stern an ihrem Stern." Sie sei "eine der eigensinnigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsdichtung". Und das ist der entscheidende Punkt: Sie hat etwas ganz eigenes geschaffen und hat dafür den Preis gewonnen.

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Bemerkenswert ist, dass es in diesem Jahr drei Preisträgerinnen gibt. Können Sie uns dazu noch etwas sagen?

Ahring: In der Kategorie Sachbuch/Essayistik hat Heike Behrend den Preis für ihr Buch "Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung" gewonnen. Heike Behrend, übrigens in Stralsund geboren, ist Ethnologin und Afrikanistin und ist in den späten 70er-Jahren nach Afrika gereist, um dort ethnographische Studien zu machen. Dort wurde sie selber "Affe" genannt. Die Jury sagt, das sei ein Buch, das sich sehr um Vorurteile drehe, die man selber habe, aber auch um Vorurteile, die einem entgegengebracht würden.

In der Sparte Übersetzung hat Timea Tankó gewonnen, eine Übersetzerin aus dem Ungarischen. Sie hat Miklós Szentkuthys Buch "Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus" übersetzt. Da ist sich die Jury vor allem einig, dass sie das sehr einfühlsam übersetzt hat. Das Schönste war, dass dieser Preis als erstes verliehen wurde und Timea Tankó aus allen Wolken gefallen ist. Sie hat sich sehr gefreut, hat die Hände vors Gesicht geschlagen, hatte ganz rote Wangen und war den Tränen nahe. Das war sehr schön zu beobachten.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.05.2021 | 18:00 Uhr

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