Stand: 24.02.2020 13:25 Uhr  - NDR Kultur

Über die Gründerin des ersten Pariser Frauenhauses

Das Haus der Frauen
von Laetitia Colombani, aus dem Französischen von Claudia Marquardt
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
Laetitia Colombani: "Das Haus der Frauen" (Buchcover) © S. Fischer Verlag
Laetitia Colombani schreibt über zwei Frauen, die Großes für andere Frauen bewirkt haben.

Der erste Roman der 1976 in Bordeaux geborenen Französin Laetitia Colombani mit dem Titel "Der Zopf" war weltweit ein großer Erfolg. In ihrem neuen Roman "Das Haus der Frauen" spürt sie der Lebensgeschichte einer Frau namens Blanche Peyron nach, die 1926 in Paris eines der ersten Frauenhäuser gründete. Wie in ihrem Roman "Der Zopf" sind auch hier mehrere Geschichten miteinander verflochten. Eine Ebene spielt in der Gegenwart und eine zweite spielt in der Zeit, als die tatkräftige, mutige Blanche Peyron gegen alle Widrigkeiten in Paris den "Palais de la femme" gründete. Ein Haus, in dem geprügelte, misshandelte Frauen vor ihren Peinigern in Sicherheit gebracht werden sollten.

Auf der Gegenwartsebene lernen wir die Staranwältin Solène kennen. Solène hat etwas Tragisches erlebt. Einer ihrer Mandanten hat sich, nachdem er vor Gericht wegen Steuerhinterziehung zu einer Haftstrafe verurteilt worden ist, im Pariser Justizpalast in den Lichthof gestürzt.

Anwältin Solène kämpft sich zurück ins Berufsleben

Als seine Anwältin stand sie direkt neben ihm, als er sich in den Tod stürzte und erlitt einen Zusammenbruch. Sie fiel in ein tiefes Loch, das als "Burn-out" diagnostiziert wird. Nach einer Auszeit will sie auf Anraten eines Psychiaters ganz langsam wieder in den Beruf zurück.

Sie fängt an, ehrenamtlich für das Frauenhaus in Paris zu arbeiten. Dort stößt sie zunächst auf Misstrauen und Abwehr. Dann bittet eine der Frauen Solène um einen Beschwerdebrief. Die Frau hatte offenbar in einem Supermarkt zwei Euro zu viel zahlen müssen. Solène kümmert sich darum und dann wird der Frau das Geld zurückerstattet.

Solène ertappte sich dabei, dass sie lächelte. Ein Sieg. So immens und läppisch zugleich. Ein Sieg, der zwei Euro mehr im Portemonnaie bedeutete, ein Sieg, der sie wärmte, der ein kleines Feuer in ihr entzündetet. Sie musste an die Prozesse denken, die sie erfolgreich geführt hatte, die Millionen, um die sich die gegnerischen Parteien gestritten hatten wie um einen Ball auf einem Rugby Feld. Leseprobe

Hilfe für eine Flüchtlingsfrau aus Guinea

Dann kommt ein weitaus schwierigerer Fall. Eine andere Frau war mit ihrer Tochter vor der Verstümmelung des Kindes geflüchtet:

Was man den Mädchen in ihrem Land, in Guinea, antut, Sie erinnert sich gut an ihren vierten Geburtstag, als man sie fortbrachte und sie an den Beinen festhielt. Sie erinnerte sich an den rasenden Schmerz, der sie entzweiriss und ohnmächtig werden ließ. Leseprobe

Aber die Mutter, die ihre Tochter vor der Genitalbeschneidung retten will, hat zwei Kinder. Sie kann die Flucht aber nur mit einem Kind schaffen. Ihren Sohn lässt sie bei der Familie. Nun bittet sie Solène, dem Sohn einen Brief zu schreiben. Solène versetzt sich in ihre Lage.

Ein Brief, der erklären und trösten soll

Sie sagt ihm, dass sie an ihn denkt, jeden Tag und jede Nacht, zu jeder Stunde. Dass sie sich vorstellt, wie er groß und stark und schön wird. Wie sehr es sie schmerzt, dass sie das nicht hautnah miterleben darf, aber in Gedanken ist sie immer bei ihm. Zehn Seiten, um die Liebe einer Mutter zum Ausdruck zu bringen, das war das Mindeste, was sie für Binta tun konnte. Binta studiert den Brief und greift nach Solènes Stift und schreibt unten auf die letzte Seite des Briefes ein Wort, das für sich genommen eine ganze Welt bedeutet: Mama. Leseprobe

Ebenso berührend wie die Geschichte von Solène wird auch die von Blanche beschrieben, die das Frauenhaus, das es noch heute in Paris gibt, gegründet hat. Blanche Peyron hat Großes geleistet für die Frauen, und an ihr Werk zu erinnern ist bis heute leider noch immer bitter notwendig. 

Das Haus der Frauen

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-390003-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.02.2020 | 12:40 Uhr

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