Cover Kombi Graphic Novels im September © Jaja Verlag, Carlsen, Edition Moderne

Kleine und große Alltagsprobleme: Graphic Novels im September

Stand: 24.09.2021 16:36 Uhr

Das Hamburger Comic Festival ist eine feste Größe für alle an Graphic Novels Interessierten. Frisch erschienen sind drei Bücher, die sich mit der Realität auseinandersetzen.

von Mathias Heller

"Verlagswesen" von Annette Köhn

Anette Köhn: "Verlagswesen" © www.jajaverlag.com
Annett Köhns Buch ist eine unterhaltsame Reality-Doku mit Augenzwinkern auf 131 Seiten im Comic-Format

Mittwoch, Anfang Februar 2020. Um exakt 9 Uhr 55 verlässt Annette Köhn ihre Wohnung in Neukölln, um ein paar Ecken weiter ihre "Musenstube", Ateliergemeinschaft und das Verlagshauptquartier zu betreten. Der Verlag ist der Jaja-Verlag, vor genau zehn Jahren von ihr gegründet. Für sie nun Anlass, per Graphic Novel Einblicke in das Treiben eines Comic-Verlages zu gewähren. Einen Tag lang begleiten wir Annette Köhn bei Büro-Orga, Telefonaten, Raucherpausen, der Erstauslieferung eines neuen Buchs oder beim Klogang.

Leichtfüßig tänzelt Annette Köhn nicht nur durch ihr kleines Ladengeschäft, sondern auch durch die Beschreibung ihres Alltags. Ihre skizzenhaften und matt-colorierten Bilder strahlen Freude aus. Freude an diesem Job und an den Menschen, die sie dabei begleiten. Unterstützt wird sie dabei von kleinen nur für sie sichtbaren Wesen. Verlagswesen eben - so auch der Titel des Buches. Eine unterhaltsame Reality-Doku mit Augenzwinkern auf 131 Seiten im Comic-Format.

"Save It for Later" von Nate Powell

Nate Powell: "Save it for later" © Carlsen Verlag
Powell spricht in seinem Buch den Leser, die Leserin direkt an.

Nate Powell ist einer der herausragendsten Autoren Amerikas. Als erster Comic-Zeichner gewann er beispielsweise den National Book Award. Historisch sauber erzählt und gestalterisch außergewöhnlich schafft er Bücher, die einen nicht kalt lassen - so auch sein neuester Titel "Save It for Later" zu Deutsch "Sichere es für später".

Es geht um die gesellschaftliche Entwicklung der USA - aus seiner Sicht-und die Verantwortung eines jeden. Er beschreibt eine Gesellschaft, die von Autoritarismus, Desinformation und Zweifel am kritischen Denken durchzogen ist. Das wirkt wütend, enttäuscht und hoffnungslos. Powell spricht den Leser, die Leserin direkt an. Wie einst Stéphane Hessel fordert er: "Empört Euch."

Die Farbe Schwarz dominiert dieses aufrüttelnde Manifest

Seine Analysen begleitet er mit sachtem Strich, der mal dynamisch, mal beruhigend wirkt. Schwarz ist eine dominante Farbe auf diesen 160 Seiten. Eine dunkle und düstere Welt zeichnet er - im wahrsten Sinne. Aber er sieht auch Hoffnung, wenn der wachsame Protest nicht verstummt, man sich einmischt. Hoffnung vor allem für seine Kinder, die er mit Köpfen von niedlichen Fabelwesen versieht - wie kleine Zauberwesen.

Nate Powells Geschichte spielt in den Vereinigten Staaten, doch es könnte auch an vielen anderen Orten der Welt sein. So wird "Save It for Later" zu einem wichtigen und aufrüttelnden Manifest eines preisgekrönten Zeichners.

"Anna" von Mia Oberländer

Mia Oberländer: "Anna" © presse@editionmoderne.ch
Mia Oberländer beschreibt Klischees grafisch schlicht und aufgeräumt.

Ebenfalls preisgekrönt ist "Anna". Ein Buch geschrieben und gezeichnet von Mia Oberländer. Die Hamburger Studentin hat die Leibinger Stiftung mit ihrer Geschichte über Ausgrenzung und Stigmatisierung überzeugt und damit einen der wichtigsten deutschen Comicpreise in diesem Jahr abgeräumt.

Anna gibt es dreimal. Drei Frauengenerationen, die mit der Körpergröße zu kämpfen haben. Eigentlich nicht sie, sondern ihre Umgebung. Tochter und Enkeltochter sind einfach riesig. Mia Oberländer, die bei Anke Feuchtenberger studiert, beschreibt die Klischees, mit denen sich die Annas herumschlagen müssen, grafisch schlicht und aufgeräumt.

Tiefgründige Geschichte in plakativen Bildern

Ihren vereinfachten Figuren gönnt sie selten Mimik, aber die braucht es auch nicht, um diese tiefgründige Geschichte zu verstehen. Reduziert auf das Notwendigste, geradezu plakativ, sind ihre Bilder. Ihre Sprache ist klar und so lässt man sich wie in einem Heißluftballon im Jetstream mitreißen und ist am Ende betrübt, das Buch zuklappen zu müssen.

Die Titel in der Übersicht

"Der Krieg der Welten" von H.G.Wells/Thilo Krapp
18 € bei Carlsen
978-3-551-78169-7

"Cheese" von Zuzu
264 Seiten / 28 € bei Edition Moderne
978-3-03731-213-1

"GOGO Monster" von Taiyo Matsumoto
458 Seiten / 29 € bei Reprodukt
978-3-95640-253-1

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 24.09.2021 | 12:40 Uhr

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