Stand: 22.01.2019 14:38 Uhr

Vom Leben in der feindlichen Fremde

Die Zeit und was sie heilt
von Kit de Waal, aus dem Englischen von Katharina Naumann
Vorgestellt von Juliane Bergmann

Lange Zeit arbeitete die Britin Kit de Waal in der Familienhilfe, als Coach und Spezialistin für Familienrecht. Mittlerweile schreibt sie und thematisiert dabei komplexe Familiengeschichten. In ihrem neuen Buch "Die Zeit und was sie heilt" erzählt sie von der irischen Immigrantin Mona, die ein Zuhause in England sucht.

Bild vergrößern
"Die Zeit und was sie heilt" ist das neue Buch von Kit de Waal. Sie wurde in Birmingham als Tochter einer Irin und eines aus der Karibik stammenden Vaters geboren.

Okay, ein Haken gleich vorweg: Titel, Klappentext und die ungewöhnliche Profession von Kit de Waals Protagonistin Mona können etwas abschreckend wirken. Angelegt wie ein Erwachsenenmärchen, so weit, so gut. Aber zu blumig und konstruiert ist die Idee von der Puppenmacherin und ihrem therapeutischen Talent.

"Mona hat Kleider aus allen Epochen genäht, aus der elisabethanischen, der georgianischen, der edwardianischen und aus der Renaissance. Sie hat die Puppen für Besuche auf prächtigen Landsitzen und für den Luftschutzbunker, für Webereien, Jazz-Clubs und Feldlazarette ausgestattet. (Sie hat stundenlang in Büchern und Magazinen recherchiert, um sicherzugehen, dass ihre Designs historisch absolut richtig, aber trotzdem einzigartig und maßgenschneidert sind)." Leseprobe

In ihrem Laden in einem englischen Küstenort verkauft Mona handgemachte Puppen, von einem Tischler aus Holz gefertigt, von Mona bemalt und eingekleidet. Nicht nur als Spielzeug sind sie gedacht. Auch viele Frauen aus einer Selbsthilfegruppe sind ihre Kunden, die Mütter totgeborener Kinder. Ihnen hilft Mona, mit dem Schmerz umzugehen. Wie gesagt: Hier hat die Autorin dick aufgetragen. Was man ihr aber lassen muss: Die Worte, die sie findet, sind wunderbar anders.

"Sie hat Augen wie Teiche und eine wunderschöne Haarmähne in der Farbe von Laub im Oktober. Sie ist gertenschlank, weiß wie Milch; sie ist um die fünfunddreißig, vielleicht aber auch viel jünger. Das macht eben die Trauer mit einem." Leseprobe

Mal abgesehen vom holprigen ersten Eindruck entspinnt sich dann doch eine ganz feine Geschichte. Mona steht kurz vor ihrem 60. Geburtstag und stellt sich die große Fragen: Wohin geht die Reise noch? Was will ich? Und vielleicht: Wen will ich? Denn bei genauer Betrachtung gibt es da ein paar Herren in Monas Leben, die ihr - der eine mehr, der andere weniger deutlich - Avancen machen. Gekonnt erzählt die Autorin in Rückblicken, warum Mona sich bislang isoliert hat. Immer noch hängt sie an ihrer ersten großen Liebe William. Ein angstfreier, lebenshungriger Typ, der später jedoch schwer psychisch krank in eine geschlossene Anstalt eingewiesen wird. Dort vegetiert er unter dem Regiment eines phlegmatischen Arztes vor sich hin.

"Sie würde ihn am liebsten schlagen, weil er ihn nicht heilt. Er macht William nur glotzäugig und lässt ihn sabbern, in einem billigen, riesigen Pullover, der ihm nicht gehört und ihn aussehen lässt wie einen Irren." Leseprobe

Kit de Waal baut auch realen Stoff ein: Sie erzählt Monas Geschichte als die einer irischen Einwanderin in Birmingham, wo die IRA in den 70ern Bomben in Pubs hochgehen ließ. Ein Anschlag, dem William gerade so entkommt. Atmosphärisch funktioniert das sehr gut. Der Leser spürt den permanenten Hass, der in der Luft liegt. Prügeleien und Beschimpfungen gehören zum Alltag. Stets wegen ihrer Herkunft angefeindet kommt Mona nie so richtig an und sieht sich dennoch gezwungen zu bleiben. Warum, das erfahren wir nach und nach. Antworten liefert der Roman wohldosiert. Manchmal sogar geniale Wendungen. Vor allem aber wächst dem Leser die Hauptfigur ans Herz.

"Sie könnte ihn beim Hemd packen und ihn schütteln, bis ihre Finger taub werden. Sie könnte auch einfach seinen Namen rufen, und er würde sich umdrehen." Leseprobe

Am Ende erweist sich vieles im Buch als mehrdeutig und ist ganz anders, als es schien. Der Autorin gelingt es, mit ihrer klugen Wortwahl elegant zu überraschen. Verziehen seien ihr deshalb auch die ein, zwei, drei verkitschten Elemente. Letztlich: ein starkes Buch übers Loslassen, übers Festhalten.


24.01.2019 15:26 Uhr

In einer früheren Version des Artikels war zu lesen, dass Kit de Waal früher als Anwältin gearbeitet hätte. Richtig ist, dass sie lange in der Familienhilfe tätig war, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Wir haben dies mittlerweile korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Die Zeit und was sie heilt

von
Seitenzahl:
400 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-07405-0
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.01.2019 | 12:40 Uhr

04:36
NDR Kultur

"Alexander von Humboldt und die botanische Erforschung Amerikas"

27.01.2019 17:40 Uhr
NDR Kultur

"Alexander von Humboldt und die botanische Erforschung Amerikas" ist ein Buch fürs Auge mit spannenden Texten, die einen in eine andere Zeit eintauchen lassen. Audio (04:36 min)

04:38
NDR Kultur

T. C. Boyle: "Das Licht"

25.01.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

"Das Licht", der neue Roman von T.C. Boyle, spielt zu Beginn der Hippie-Zeit und beleuchtet die Rolle der Droge LSD. Audio (04:38 min)

04:55
NDR Kultur

Georg Brunold: "Handbuch der Menschenkenntnis"

24.01.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

In seinem "Handbuch der Menschenkenntnis" hat Georg Brunold Texte zur Einschätzung von Menschen aus 2.500 Jahren zusammengestellt. Audio (04:55 min)

04:19
NDR Kultur

Kit de Waal: "Die Zeit und was sie heilt"

23.01.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Die Britin Kit de Waal erzählt in ihrem Roman von der Irin Mona, die in England ein Zuhause sucht. Ein starkes Buch übers Loslassen und übers Festhalten. Audio (04:19 min)

04:40
NDR Kultur

Monica Kristensen: "Amundsens letzte Reise"

22.01.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Technisch und historisch interessierte Krimileser werden "Amundsens letzte Reise" von Monica Kristensen mit angehaltenem Atem verschlingen. Audio (04:40 min)

04:02
NDR Kultur

Matthias Nawrat: "Der traurige Gast"

21.01.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Die Erlebnisse eines namenlosen Ich-Erzählers in Matthias Nawrats Roman bleiben Geschichten aus zweiter Hand. Sie ziehen sich in die Länge und lassen den Leser kalt. Audio (04:02 min)

Mehr Kultur

49:05
NDR Kultur

Seitenspringer

20.02.2019 20:05 Uhr
NDR Kultur
05:16
Landpartie - Im Norden unterwegs

Quiz: : Der Norderneyer Maler Poppe Folkerts

17.02.2019 20:15 Uhr
Landpartie - Im Norden unterwegs
05:52
Lieb & Teuer

Sechs Platzteller der Manufaktur Meissen

17.02.2019 16:00 Uhr
Lieb & Teuer