Stand: 05.06.2020 09:28 Uhr  - NDR Kultur

Das Menschenbild unserer Gesellschaft

Fragen zu Corpus Delicti
von Juli Zeh
Vorgestellt von Jan Ehlert
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In diesem Buch führt die Autorin ein fiktives Interview mit sich selbst.

Er gilt als einer der Romane zur Corona-Epidemie: "Corpus Deliciti" von Juli Zeh. Das Buch erschien zwar bereits 2009, doch Zeh entwirft darin das Modell einer gar nicht so fernen Gesellschaft, die Gesundheit zum höchsten Gut erklärt hat und zum Schutz vor Krankheit freiwillig ihre Grundrechte aufgibt.

"Corpus Delicti" verkaufte sich 380.000 Mal, seit mehreren Jahren ist es Schullektüre für die Oberstufe, auch Abiturstoff. Nun hat Juli Zeh nachgelegt: "Fragen zu Corpus Delicti" heißt ihr neues Buch.

"Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollständigen Kontrolle des Bürgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat." Leseprobe

In der düsteren Zukunftsvision wird die Individualität abgeschafft

Auch der Gesundheit entzieht Mia Holl, die Hauptfigur in "Corpus Delicti", das Vertrauen, dann nämlich, wenn sich diese Gesundheit als "Normalität" definiert. Juli Zehs Roman ist ein Hieb gegen die Abschaffung der Individualität, gegen die Messbarmachung des Menschlichen. Ihre dystopische Zukunftsvision, in der ein System namens METHODE alle Vitalwerte der Bürger überwacht und Zuwiderhandlungen gegen die Gesundheit wie zu viel Koffein oder zu wenig Sport mit teils drakonischen Strafen belegt.

Diese Vision hat die Autorin beim Erscheinen ihres Buches daher mit einer klaren Warnung verbunden. Sie sagt: "Was in Vergessenheit gerät, ist, dass ein Kernstück der Demokratie das kritische Potenzial ihrer Mitglieder ist. Wenn man die Demokratie zu sehr liebt, dann ist es keine mehr. Man muss immer wieder infrage stellen, was passiert, sonst schafft man sie versehentlich ab oder schränkt sie zumindest so stark ein, dass sie in Gefahr gerät, und genau darum geht es mir im Kern, um diesen Zusammenhang."

Zehs neues Buch ist eine Reaktion auf viele Leserbriefe

"Corpus delicti", nach Zehs Angaben ihr einziger politischer Roman, nimmt für sie bis heute eine Sonderstellung in ihrem Werk ein. Das Interesse an dem Buch ist nach wie vor groß. Zahlreiche Fragen von Leserinnen und Lesern erreichen sie, schreibt Zeh. Zeit also, Antworten zu geben.

Was ist das Hauptthema von Corpus Delicti? Ist Mia eine Wahnsinnige oder eine Märtyrerin? Ist das Ende eigentlich eindeutig? Wobei, das schickt Zeh vorweg: Dafür sei sie eigentlich nicht zuständig.

"Es ist nicht entscheidend, was ich als Autorin gemeint habe. Die Frage, die früher oft im Schulunterricht gestellt wurde: 'Was will uns der Autor damit sagen?', ist Humbug. Der Autor will nichts sagen, und wenn doch, hat es nicht zwingend Relevanz." Leseprobe

Details zur Entstehungsgeschichte des Buches

Warum dann also etwas lesen, was selbst die Autorin für irrelevant hält? Vielleicht, weil im Schulunterricht noch immer diese Frage gestellt wird. Oder weil Juli Zeh interessante Details zur Entstehungsgeschichte des Buches preisgibt. Welche historischen Vorbilder Mia Holl und ihr Gegenspieler, Heinrich Kramer hatten. Welche Rolle der italienische Philosoph Giorgio Agamben für sie spielte. Und vieles mehr.

Vor allem aber, weil sich Juli Zehs Behauptung, ihre Meinung sei nicht entscheidend, schnell als reine Koketterie entpuppt. Sie hat etwas zu sagen, zwar nicht über Corona, das Thema wird ausgespart, dafür - nach wie vor - über den Zustand unserer Demokratie.

Kein neuer Erkenntnisgewinn für den Leser

"Der Verbraucher wird verpflichtet, an der Supermarktkasse die Welt zu retten - obwohl das eigentlich die genuine Aufgabe der Regierenden wäre. Das Kaufen günstiger T-Shirts trägt zur Ausbeutung von Textilarbeitern in der Dritten Welt bei. Das mag sachlich alles richtig sein. Problematisch ist aber die Umkehr der Verantwortungszusammenhänge. Wenn es billige T-Shirts im Laden gibt, darf der Verbraucher diese auch kaufen. Den mündigen Bürger durch den schuldigen Konsumenten zu ersetzen, ist letztlich eine Absage an die Demokratie." Leseprobe

Man hätte gern mehr solcher Gedanken, doch leider verliert sich Juli Zeh in ihrem eigenen rhetorischen Spiel. Denn sie befragt sich in diesem Buch selbst, ist Interviewende und Interviewerin zugleich. Das wirkt bemüht, verkrampft, wenn sie sich selbst widerspricht oder ihre eigenen Fragen infrage stellt.

Vor allem aber verhindert sie damit eine Weitung der eigenen Perspektive. Juli Zeh kann sich nur fragen, was Juli Zeh von sich weiß - und dreht sich damit im Kreis. So sagt sie, was sie schon seit Jahren sagt, als Kämpferin für die Bürgerrechte. Das ist dadurch nicht weniger wichtig, neue Erkenntnisse bringt es aber nicht.

Fragen zu Corpus Delicti

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
btb
Bestellnummer:
978-3-442-71984-6
Preis:
8,00 €

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