Barbara Pym: "In feiner Gesellschaft" © DuMont

"In feiner Gesellschaft": Wie aus einer anderen Zeit

Stand: 20.10.2020 17:01 Uhr

40 Jahre nach dem Tod der britischen Schriftstellerin Barbara Pym veröffentlicht der DuMont Buchverlag ihren fast 60 Jahre alten Roman "In feiner Gesellschaft" auf Deutsch.

von Katja Lückert

Das Faszinierende an Barbara Pyms Romanen sind die präzisen Beschreibungen, das ländliche Setting der Vorort-Pfarreien, und die Dialoge mit dem längst sprichwörtlich gewordenen feinen englischen Humor. Barbara Pym schrieb mit sechzehn Jahren den ersten ihrer dreizehn Romane. Der Schriftsteller Philipp Larkin und Lord David Cecil nannten Pym im "Times Literary Supplement" einmal eine der meistunterschätzten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts.

"In feiner Gesellschaft": Die Handlung spielt in einer zeitlosen Szenerie

Die Szenerie bei "In feiner Gesellschaft" wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen, aber damit auch fast schon wieder zeitlos. Wir lernen die nicht mehr ganz junge Dulcie Mainwaring kennen, die im London der 50er-Jahre eine Konferenz für wissenschaftliche Hilfskräfte besucht. Es sind meist Frauen, die Register und Stichwortverzeichnisse erstellen und in einer Zeit ohne Computer, in der alles noch von Hand zu erledigen ist, Bücher und Zeitschriften Korrektur lesen.

Dulcie, eine rechtschaffene, nicht besonders hübsche Frau, die gerade von ihrem Verlobten Maurice verlassen wurde, weiß nicht, wo das Schicksal sie hinführen wird. Sie hofft ein wenig, dass es sie nicht als 'alte Jungfer' endet. Dulcie lernt Viola kennen. Barbara Pym genügt ein einziger Satz, um zu beschreiben, wie dieses andere weibliche Geschöpf aussieht, das die Antipodin zu Dulcie bildet:

Viola hatte ihren Lippenstift gezückt und trug ihn mit Verve auf, offenbar wild entschlossen, so wenig wie eine Dienstleisterin an den staubigeren Rändern der akademischen Welt auszusehen wie nur irgend möglich. Leseprobe

 Mehrere Frauen wetteifern um einen Mann

Beide Frauen verlieben sich in Alwyn Forbes. Als Schriftsteller und Herausgeber einer literarischen Zeitschrift ist er in diesen bildungsaffinen Kreisen ziemlich begehrt. Dulcie und Viola machen sich auf, in Agatha-Christie-hafter Manier Alwyns familiären Hintergrund zu erkunden. Alwyn lebt offenbar getrennt von seiner Frau, sein Bruder ist Pfarrer und seine Mutter betreibt ein kleines Hotel an der Küste, in das sich die beiden Frauen sogar einmieten, um mehr über den begehrten Mann zu erfahren.

Allerdings entgeht den beiden bei ihren Recherchen völlig, dass Alwyn längst ein Auge auf Dulcies 18-jährige Nichte Laurel geworfen hat. Barbara Pym, die selbst im Brotberuf ähnliche Tätigkeiten ausgeübt hat, wie ihre Protagonistinnen, kennt das Milieu und seine berufsbedingten Ticks recht gut.

Auf einem der Plattenwege führte eine Frau einen Hund an der Leine. Sie trug einen grauen Tweedmantel, durchsichtige rosa Nylonhandschuhe und in einer Hand ein Gumminetz, in dem zwei Büchereibücher steckten. Was nützt mir mein Auge für solche Details?, sinnierte Dulcie. Eine Schriftstellerin bin ich nicht, ein Privatdetektiv auch nicht. Eine Gabe wie meine bereichert das Leben, sollte man denken, aber so oft ist das, was man beobachtet, weder lustig noch spannend, sondern nur beunruhigend. Leseprobe

Männer wie Frauen bekommen in Pyms Roman ihr Fett weg

Beide Geschlechter bekommen bei Pym gleichermaßen ihr Fett weg. Frauen bemuttern gern ständig irgendjemanden und sehnen sich danach gebraucht und nützlich zu sein, während Männer meist aus Eitelkeit bei der Wahl ihrer Lebenspartnerinnen daneben liegen.

Sie dachte an Maurice, seine Beteuerungen in den frühen Tagen ihrer Verlobung, dass sie gut "wie Brot" sei - aber wer wollte schon immerzu Brot? Und was war dann Marjorie?, überlegte sie - um sogleich eine Art Törtchen oder Gebäckteilchen vor sich zu sehen, etwas, in das man hineinbiss und es dann nicht aufessen konnte. Leseprobe

Das Ende bleibt unbestimmt

Barbara Pyms Romane liest man nicht wegen des Plots, diese Geschichte endet sogar etwas vage, möglicherweise entwickelt sich zuletzt noch eine Beziehung zwischen Dulcie und Alwyn, vielleicht aber auch nicht.

Das Faszinierende sind die präzisen Beschreibungen, das ländliche Setting der Vorortpfarreien, die amüsanten Dialoge, überhaupt dieser längst sprichwörtlich gewordene feine englische Humor. Einer erneuten Wiederentdeckung von Barbara Pym steht absolut nichts entgegen.

In feiner Gesellschaft

von Barbara Pym, aus dem Englischen von Sabine Roth
Seitenzahl:
350 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Dumont
Bestellnummer:
978-3-8321-8131-4
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.10.2020 | 12:40 Uhr

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