Stand: 19.06.2020 13:42 Uhr

Die Suche nach einem Gottesbeweis in der Wüste

von Stefan Maelck

Der britische Autor Hari Kunzru ist Jahrgang 1969, Sohn eines indischen Einwanderers und einer britischen Mutter. Seine Romane sind in 20 Sprachen übersetzt. In Deutschland hat es einiger Anläufe bei verschiedenen Verlagen bedurft, bis der Münchner Liebeskind Verlag 2018 mit Kunzrus Roman "White Tears" für seinen Durchbruch hierzulande sorgte. Jetzt hat Liebeskind nachgelegt und Kunzrus Great American Novel "Gods without men" - "Götter ohne Menschen" nachgelegt, der bereits aus dem Jahr 2011 stammt. Ob sich das gelohnt hat?

Hari Kunzru: "Götter ohne Menschen" (Cover) © Liebeskind
Hari Kunzru spielt mit Mythen und Metaphysik in der kalifornischen Mojave-Wüste.

In der kalifornischen Mojave-Wüste laufen verschiedenste Handlungsstränge zusammen und verlieren sich wieder. Handlungsstränge, die zwischen 1775 und 2009 spielen und alle mit dem magischen Ort der Pinnacles, die wie drei Finger in die Luft ragen, zu tun haben. So hat der Pilot und Flugzeugmechaniker Schmidt 1947 eine natürliche Antenne in den Felsen gesehen, einem spanischen Missionar 1778 war ein Engel in Menschengestalt erschienen. Eine Ufologen-Sekte wartet dort 1958 auf den Kontakt mit den Außerirdischen und kehrt als Hippie-Kommune 1969 zurück. Und das New Yorker Ehepaar Jaz und Lisa Matharu sind in die Wüste gefahren, um ihre Ehe zu retten und um mit ihrem autistischen Sohn Raj dem anstrengenden Alltag der Großstadt zu entkommen. Doch in der Wüste bricht der Konflikt sich erst so richtig Bahn.

"Was willst du hören? Dass meine Eltern ignorant sind? Dass wir nichts als arme dunkelhäutige Einwanderer sind, die euer großes modernes Amerika nicht verstehen? Zwischen ihnen und dir ... meine Güte, du hast keine Ahnung, was ich alles tun muss, wie schwer es ist ... ich meine, sieh ihn dir doch an, Lisa! Er ist nicht normal. Und keine noch so politisch korrekte Sprache wird daran etwas ändern. Und wenn du es genau wissen willst, ja, manchmal fühlt es sich an wie ein Fluch. Es fühlt sich an, als werde ich verdammt noch mal bestraft." Er wusste, dass er zu weit gegangen war. Leseprobe

Druck von der traditionellen indischen Familie

Jaz ist Kind indischer Einwanderer und entwickelt an der Wall Street ein Programm namens Walter, das zum Monster mutiert. Lisa ist eine Literaturwissenschaftlerin, die nicht mehr arbeitet, seit sie sich um den autistischen Sohn kümmert. Jaz bekommt Druck von seiner in Traditionen verhafteten Familie, weil er eine weiße Amerikanerin geheiratet hat. Deshalb, so glauben seine Eltern, wurde das Kind mit dem bösen Blick bestraft.

Doch dann verschwindet Raj, die Polizei wird eingeschaltet und verdächtigt Lisa und Jaz, Lisas Familie setzt einen Anwalt als Pressesprecher ein. Die Dinge laufen aus dem Ruder, in den sozialen Medien beginnt eine Hetzjagd auf Jaz und Lisa. Man unterstellt Jaz, das Kind entführt zu haben. Und das ausgerechnet, wo Jaz eigentlich in New York sein müsste, um sein Trading Modell namens Walter weiterzuentwickeln oder besser: es zu stoppen.

Wir sollten damit aufhören. Walter ist ... na ja, in den tiefsten Kern der Finanzmärkte vorgedrungen. Ich habe das Gefühl, es könnte ... ich meine ... ich weiß nicht, was ich meine. Aber ich habe viel nachgedacht in letzter Zeit. Walter hat ein enormes zerstörerisches Potenzial. Ich mache mir Sorgen. Über die Konsequenzen, die unbeabsichtigten Nebenwirkungen. Leseprobe

Die große Suche nach dem Gottesbeweis in der Wüste

Kunzru spannt dabei den großen Bogen: Immer wieder waren in der Mojave-Wüste Kinder verschwunden, zum Beispiel 1958 Judy, die Tochter der Ufologin Joanie. Inzwischen ist Judy zurück und wird als Anführerin der Hippies verehrt, weil sie angeblich zehn Jahre auf dem Raumschiff der Aliens gelebt hat. Die große Suche nach einem Gottesbeweis wurde, nicht nur in der Literatur, immer schon gern in der Wüste unternommen.

Kunzru spielt mit Mythen und Metaphysik, verliert sich manchmal in Details und im Vergnügen an seiner wunderbaren Sprache, die der Übersetzer Nicolai von Schweder-Schreiner vorbildlich adaptiert. Man hätte als Leser mit etwas weniger Fülle auch gut leben und sich trotzdem erfreuen können an den großen Fragen, die sich - ansatzweise - am Ende für Lisa sogar beantworten lassen. Fragen die, wie dieser Roman, aktueller denn je sind.

Götter ohne Menschen

von Hari Kunzru, aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Liebeskind
Bestellnummer:
978-3-95438-117-3
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.06.2020 | 12:40 Uhr

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