Stand: 13.04.2017 16:00 Uhr  | Archiv

Mit der Jahreszeit wechseln die Stimmungen

Ich weiß ein Haus am Wasser
von Hans Fallada (Texte) und Hans-Jürgen Gaudeck (Aquarelle)
Vorgestellt von Lenore Lötsch

Es gibt Dinge, die tut man immer nur einmal im Jahr: die erste Ausfahrt mit offenem Autodach, sicherheitshalber mit voll aufgedrehter Heizung. Oder das erste Mal die Jacke lässig über die Schulter werfen und im T-Shirt durch den Park schlendern. Vielen Menschen fällt in diesen ersten Frühlingsmomenten dieser eine Satz ein, den man still und selig vor sich hin deklamiert: "Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!" Über so einen Lieblingsplatz in Mecklenburg-Vorpommern ist jetzt ein Buch erschienen - das mit Goethe wenig zu tun hat, dafür umso mehr mit Hans Fallada.

Bilder zu Texten von Hans Fallada

Schwärmen vom Landleben

Weitab liegt das Dorf von der Welt, trotzdem Berlin in zwei Autostunden zu erreichen ist. ... Was ich dir nicht schildern kann, lieber Leser, das ist die Lage dieses Landhauses, ein wenig abseits vom Dorf. Mit 15 Schritten sind wir vom Hause am Wasser. Leseprobe

Natürlich kann er schildern, dieser Hans Fallada. Schwärmen kann er auch von seinem Landleben in Carwitz inmitten der Feldberger Seenplatte, das 1933 begann und zwölf Jahre dauerte. Doch für das Buch "Ich weiß ein Haus am Wasser" hat diesen Part ein anderer übernommen: Der Berliner Aquarell-Maler Hans Jürgen Gaudeck. Er tupft mit Grün den Falladagarten wie einen Bilderrahmen und deutet nur mit zarten Strichen die Veranda des Hauses an. Einzig das Dach leuchtet tulpenrot. Alles wirkt flüchtig; gleich kann der Wind kommen und die Äste wild durcheinander wirbeln.

Ein paar Seiten weiter ist die Farbe plötzlich aus den Bildern verschwunden: Einzig das kalte Blau behauptet sich. In verwischten Tropfen, die an kahlen winterlichen Ästen kleben.

Ein Jahr in der Natur mit Fallada

Einen Blick in die Bücher - natürlich Falladas - und zwei in die Natur: So hat Hans-Jürgen Gaudeck das vergangene Jahr verbracht: "Mit diesen Texten bin ich dann auch in die Feldberger Seenlandschaft gefahren, mehrfach zu jeder Jahreszeit; und hab auch diese Stimmung, die er dort erfahren hat, auch wiedergefunden und dann hab ich mich sofort mit meinem kleinen Aquarellkasten hingesetzt auf Baumstämmen oder da wo ich mich gerade befand und dann das aquarelliert, was er dann wohl auch so gesehen hat."

Viele Menschen sind ihm offensichtlich nicht begegnet und man ahnt, dass sein Aquarellkasten mit den zwölf Farben nach diesen Reisen einen massiven Grün-und-Blau-Schwund hatte: So viel Himmel, so viele Seen!

"Ich arbeite nur mit zwei Pinseln und Wasser, Wasser hat man überall zur Verfügung; also ein wunderbares schnelles Mittel, um malerische Dinge, die man empfindet, zu Papier zu bringen, vor allem die Spontanität ist hier entscheidend", erklärt der Künstler. "Und die Aquarelltechnik hat natürlich den Vorteil, dass man sehr viel mit dem Licht arbeiten kann: Es fließt, das Wasser und die Farben fließen ineinander."

Dorfidylle, die glücklich macht

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Das macht Carwitz, das Dorf, das man schon in natura nur mit permanentem wohligen Schnurren durchwandern möchte, auf dem Papier zu einer Idylle, die entrückt scheint. Dürre Kiefern und stolze Buchenstämme wirken durch die zerlaufenden schimmernden Farben räumlich und die hingetupften Erdbeeren behaupten eine Saftigkeit, die sofort schlucken lässt.

Das alles ist dicht an einer Glücksseligkeit, die manche schon Kitsch nennen würden, wenn sich da nicht immer wieder Fallada einmischen würde: In seinen Texten ist der Garten kein Objekt für Lustwandler, hier geht es ums Ackern. Um Pferdemist und Schotenpulen und darum, wie die Nachbarschaft mit mecklenburgischer Stieseligkeit auf das Wachsen des Hofes der Großstädter reagierte:

Es gibt eine verdammte Redensart, die ich nicht hören kann: Für Geld kann man den Teufel tanzen sehen! Und wenn mich meine Dörfler ärgern wollen, so sagen sie: Ja freilich, sieht es bei dem Fallada ganz anders aus, als vor zehn Jahren. Der Mann hat aber auch Geld - mit Geld kann man alles machen! Meine lieben Dörfler, mit Geld kann man gar nichts machen! Geld ohne Kopf und Geld ohne Arbeit ist dumm, leistet nichts, erhält nichts! Vor allem habe ich Arbeit hineingesteckt, Arbeit und Kopf! Leseprobe

Man möchte nach diesem Buch das Kanu aufs Autodach schnallen und Arbeit und Kopf für ein paar Tage vergessen. Carwitz, die Feldberger Seenplatte, das sind Herz und Stille, und Wind und Plätschern … und Rohrdommeln!

Ich hab sie nie zu sehen bekommen, aber im Frühsommer höre ich den Ruf der Dommel. Einen seltsamen höchst unmelodischen Ruf, der genau klingt, als pumpe man mit einer ächzenden quietschenden Pumpe. Leseprobe

Ich weiß ein Haus am Wasser

von
Seitenzahl:
84 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Steffen
Bestellnummer:
978-3-941683-79-2
Preis:
16,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 16.04.2017 | 17:40 Uhr

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