Stand: 22.09.2020 13:12 Uhr

"Milano": Hanne Ørstaviks Roman ist eine Reise ins Ich

von Andrea Ring

Der neue Roman von Hanne Ørstavik spielt in Mailand und in der Nähe von Oslo - das sind die zwei Pole im Leben der norwegischen Autorin. In ihrem Heimatland ist die 50-Jährige eine der erfolgreichsten und viel gelesenen Gegenwartsautorinnen, ausgezeichnet mit diversen Literaturpreisen.

Hanne Ørstavik: " Roman. Milano" © Karl Rauch
Hanne Ørstaviks Roman handelt von den Kindheitserinnerungen einer Künstlerin und deren Beziehung zur Liebe.

Heute lebt sie in Italien. Ihr Roman "Milano" von 2019 ist jetzt auf Deutsch erschienen. Er handelt von einer jungen Künstlerin auf der Suche nach dem Ich und nach der Liebe.

Ist es ein Roman? Eine komplexe Handlung gibt es nicht. "Milano" ist eine Reise ins Ich an italienischen Schauplätzen mit Rückblenden in die norwegische Kindheit der Hauptperson. Eine Reflexion. Was passiert, geschieht in Vals Innerem. Gespiegelt an Mailands romantischen Kanälen, an Straßen, großen Plätzen und Parks, in Träumen oder Filmen. Es sind schöne, einfache, teils auch verstörende Bilder, in klaren Farben und Formen, die Hanne Ørstavik dafür findet. Val ist Künstlerin. Ihre Zeichnungen sind ihre Methode, um eine rätselhafte Welt zu verstehen:

Für die anderen schien das ganz einfach zu sein. Sie wirkten so sicher. Nicht nur dessen, was sie fühlten, sondern, dass sie überhaupt etwas fühlten. Als hätten sie einen Zugang zur Welt, von dem Val nichts wusste. Leseprobe

Anders zu sein, das ist Vals existenzielles Lebensgefühl

"Sie wusste, dass sie die Falsche war", heißt es in einer frühen Erinnerung. Ihre Eltern sind ins Silicon Valley gezogen, als sie drei war. Das Mädchen ist bei einer Tante aufgewachsen. Keine unglückliche Kindheit war das allerdings. Auch die Konstellation in Milano steht unter einem guten Vorzeichen. Paolos wegen ist sie hier. Der Kunstkurator liebt sie mehr als alles andere auf der Welt. Sie sind ein harmonisches Paar, das Museen besucht und Feste in verwunschen wirkenden Gärten. Nur: Liebe ist neben dem Ich-Sein das zweite große Rätsel in Vals Universum.

Manchmal sagt Paolo, es ist großartig von dir geliebt zu werden. Val fragt sich, was er damit meint. Ob er fühlt, dass er etwas bekommt, von dem sie nicht weiß, dass sie es gibt. Sie weiß, dass es Paolo ist, bei dem sie sein will. Aber das Gefühl kann sie nicht spüren. Leseprobe

Das Gefühl findet sie in den Motiven ihrer Bilder, einem geheimnisvollen Mann namens Jason, der dicken Vivian und einem norwegischen LKW-Fahrer, die sich in eigenen Geschichten verselbständigen: Sie handeln von Waisenkindern, vom italienischen Faschismus, von Jasons Mutter und Vivians Vater. Die kurzen Kapitel sind überschrieben wie Titel von Gemälden. Ørstavik schreibt im Präsens. Es wirkt jeweils, als beschreibe sie mit leichter Feder ein Bild. Wie in einer Galerie kann man lesend verweilen oder zügig weitergehen. Man folgt ihr gern auf der Suche.

Unentwegte und zermürbende Selbstreflexion

Was ist es, von dem sie sich wünscht, dass es sich öffne? Immer dasselbe, denkt Val. Immerzu dasselbe. Hier sein dürfen. Ein Teil von etwas sein. Zugehören. Leseprobe

"Zugehören" ist das Schlüsselwort. Es heißt nicht, zu sein wie die anderen. Die hohle Welt der Galeristen, in der Kunst nur nach dem Marktwert zählt, lehnt sie ab. Exzentrisch bunte Kleider, wie auch die Autorin sie trägt, zielen auf Individualität. Doch an dieser Stelle hakt es. Die unentwegte Selbstreflexion als Außenseiterin und auch die angedeutete Tendenz zu psychischen Störungen, verschleiern, dass die Protagonistin an einem ganz allgemeinen Problem laboriert.

Die Subjektivität als das die Menschen unhintergehbar Trennende, das Ich-Sein als existenzielle Einsamkeit ist in der Figur des von den Eltern verlassenen Mädchens nur zugespitzt. So gesehen ist Val kein Sonderfall und ihre permanente Selbstbefragung auch ein wenig zermürbend. Zugleich liegt eine erfrischende Ehrlichkeit darin. Nicht zuletzt findet Hanne Ørstavik eine Antwort, die sich an Stellen wie dieser andeutet. Val und Paolo stehen unter der Glaskuppel einer großen Galerie und schauen nach oben:

Es fühlt sich an, als stünde sie inmitten eines steigenden und sich drehenden Kreises, ihr ganzes Leben steigt und dreht sich. Nun ist sie mittendrin! Val fängt an zu lachen, und da lacht auch Paolo, sie stehen da mit zurückgelegten Köpfen und lachen. Leseprobe

Roman. Milano

von
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Karl Rauch
Bestellnummer:
978-3-7920-0266-7
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.09.2020 | 12:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Hanne-0rstavik-Roman-Milano,romanmilano102.html
Cover von Thomas Hettches "Herzfade" © Kiepenheuer & Witsch
5 Min

Thomas Hettche: "Herzfaden"

Wer Thomas Hettches zauberhaften Roman einmal in die Hand genommen hat, möchte das Buch nicht mehr weglegen. Die Illustrationen darin stammen von Matthias Beckmann. 5 Min

Kristof Magnusson: "Ein Mann der Kunst"  (Cover) © Kunstmann
4 Min

Kristof Magnusson: "Ein Mann der Kunst"

"Ein Mann der Kunst" ist ein vergnüglicher Roman, der mit der Nadel der Erkenntnis in aufgeblähten Bildungsdünkel sticht. 4 Min

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Marcel Proust: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Marcel Proust lebte abgeschieden und kränklich in einem Zimmer. Seine präzise Beschreibung von Erinnerungen wie der „Madeleine“ lässt Vergangenes gegenwärtig erscheinen. 5 Min

Richard Ford: "Irische Passagiere" © Hanser Berlin
5 Min

Richard Ford: "Irische Passagiere"

Allen Geschichten in Richard Fords Buch ist gemein, dass die Protagonisten irische Wurzeln, irische Ehefrauen und Ehemänner oder irische Reiseziele haben. 5 Min

Mehr Kultur

Notenblatt mit Geige. (Symbolbild) © dpa

Corona: Kleine Konzertveranstalter kämpfen ums Überleben

Große Klassikbetriebe halten durch. Kleinere kommen bei einer weiteren Einschränkung des Publikums in Existenznot. mehr

Anja (Andrea Bræin Hovig) und Tomas (Stellan Skarsgård) schauen in den Spiegel - Szene des Krebsdramas von Maria Sødahl - im Wettbewerb der Nordischen Filmtage Lübeck 20202 © Manuel Claro/Motlys

Nordische Filmtage finden nur online statt

137 Filme aus Skandinavien, dem Baltikum und Norddeutschland können im Netz geschaut werden - für je sieben Euro. mehr

Die Schauspielerin Nina Hoss (2020) © picture alliance/Jörg Carstensen/dpa Foto: Jörg Carstensen

Nina Hoss: "Ich bin Chopin-Fan!"

In dieser Woche kommt der Film "Schwesterlein" mit Nina Hoss in die Kinos. NDR Kultur hat die Schauspielerin getroffen. mehr

Die Künstlerinnen Anja Witt (l) und Monika Hahn steht vor ihren Werken. © NDR Foto: Anina Pommerenke

GEDOK: Ein Netzwerk für Künstlerinnen

1926 wurde die Gemeinschaft für Künstlerinnen in Hamburg gegründet. Heute hat die GEDOK deutschlandweit 3.500 Mitglieder. mehr