Stand: 14.02.2019 10:00 Uhr

Kunst mit menschlichen Gipsabdrücken

Deine kalten Hände
von Han Kang, aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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Auch dieser Roman von Han Kang ist ein unter die Haut gehendes Werk.

Die südkoreanische Autorin Han Kang, 1970 in Gwangju geboren, sagt von sich, sie sei eine Person, die Schmerz empfindet, wenn Fleisch aufs Feuer gelegt wird. Mit ihrem Roman "Die Vegetarierin" gewann sie 2016 überraschend den internationalen Booker Prize. Bis dahin hatte kaum jemand im Westen von ihr gehört. Aber jetzt werden auch ihre anderen Werke ins Deutsche übersetzt. Heute erscheint "Deine kalten Hände", ein Roman, den sie 2002, fünf Jahre vor "Die Vegetarierin" vollendete.

Bildhauer mit spezieller Technik

Die Haut, die äußere Hülle des Menschen, spielt bei Han Kang immer eine große Rolle. In "Deine kalten Hände" macht ein Bildhauer Gipsabdrücke von einzelnen Körperteilen, und die Empfindung, die das Modell dabei erlebt, erst die Kälte beim Aufstreichen, dann die allmähliche Erwärmung bis zu unerträglicher Hitze, die das trocknende Material erzeugt, und zuletzt die ausgerissenen Härchen, wenn der Gips abgenommen wird, all das verspürt man auch beim Lesen.

"Wenn jede Pore hyperrealistisch zum Vorschein kommen soll, darf man nicht einmal eine Lotion auftragen. Auch wenn das beim Ablösen des Gipses Schmerzen bereiten würde, wollte ich mich ausschließlich auf das hauteigene Fett verlassen.
Ich fühlte, wie sie bei jedem neuen Spachtelstrich zusammenzuckte, und strich vom Hals langsam abwärts. Ihr warmer, weicher Körper wurde allmählich in dem kalten flüssigen Gips vergraben." Leseprobe

Eine indiskrete Frage

Der Bericht des Künstlers Jang Unhyong, der den Titel "Ihre kalten Hände" trägt, ist als Binnenerzählung in eine Rahmenhandlung eingefügt, die von einer Schriftstellerin erzählt wird. Sie hat den Künstler auf einer Premierenfeier rundheraus gefragt: "Warum verwenden Sie für Ihre Werke die Abdrücke von Menschen?"

Obwohl sie sehr begierig auf eine ehrliche Antwort ist, weil der Anblick der Körperhüllen, bei denen alle Poren und Falten deutlich hervortreten, sie im Innersten berührt, erhält sie nur eine höflich lächelnde Gegenfrage von Jang Unhyong. Einige Monate später erfährt sie von seiner Schwester, dass er spurlos verschwunden ist und sie bekommt seinen Text zu lesen, der so beginnt:

"'Warum?' fragte mich die Schriftstellerin H., als gehe sie davon aus, dass es eine Antwort auf diese naive, kecke Frage geben könnte, und werde bereitwillig alle von mir ausgespuckten Worte für bare Münze nehmen. Ich hatte den Eindruck, dass ihre Augen durch meine Haut, meine Eingeweide und Adern hindurch zu meiner Seele, die selbst ich nicht kannte, vorstoßen wollten. Ich habe solche Augen nie gemocht." Leseprobe

Ein ganz besonderes Modell

Die Schriftstellerin H. - die keine andere als Han Kang selbst sein dürfte - liest nun die ganze Lebensgeschichte des Künstlers. Er lernt in der Kindheit, dem Lächeln seiner Mutter zu misstrauen, und ist als Erwachsener ein scheuer Mensch ohne nahe Beziehungen. Als er einem stark übergewichtigen Mädchen begegnet, von deren Körper er Abdrücke nimmt, kommt diese Frau ihm allmählich näher. Sie erzählt ihm, dass sie als Dreizehnjährige vom Freund ihrer Mutter missbraucht wurde.

"Ich weiß nicht, wann ich anfing, mich gut zu fühlen, wenn ich Essen im Mund hatte. Pausenlos kaute ich etwas. Irgendwann fraß ich nur noch, egal, ob das Aufschließen der Tür zu hören war oder nicht. Ich begann zuzunehmen. Ich schätze, ich nahm jeden Monat zehn Kilo zu. Trotzdem wurde dieser Mistkerl nicht müde. Als ich vierzig Kilo zugenommen hatte, sah er mich endlich wie ein Monster an." Leseprobe

Feine Exotik der Übersetzung

Dieselbe Frau wird später sehr schmal sein und an Bulimie leiden. Noch einer anderen Frau wird der Künstler begegnen, die größten Wert auf eine äußerlich perfekte Hülle legt, weil sie einen vermeintlichen Makel zu verbergen hat. Seine Werke, die den menschlichen Körper als Fragmente mit einem großen dunklen Hohlraum im Inneren darstellen, vermögen etwas aufzubrechen in den Seelen.  

Han Kangs Texte verlieren auch in der Übersetzung ihre feine Exotik nicht, man meint, etwas von der koreanischen Kultur in sich aufzunehmen, aber zugleich sind sie so menschlich explizit und kompromisslos sinnlich, dass sie jede Barriere durchbrechen. Die alte Frage von Schein und Sein kommt hier in einem sehr modernen Gewand daher und man liest atemlos bis zum Ende.

Deine kalten Hände

von
Seitenzahl:
312 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-351-03762-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 15.02.2019 | 12:40 Uhr

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