Stand: 24.12.2017 12:00 Uhr  | Archiv

Deutschlands lebendige Vergangenheit

von Annkathrin Bornholdt

Als das "Schönste, was Mensch und Natur uns hinterlassen haben" bezeichnet die UNESCO die Stätten auf der Welt, die den Titel Welterbe tragen dürfen, seien es Bauten, Artefakte oder Naturlandschaften.

Auch in Deutschland gibt es viele solcher Welterbestätten - 42 an der Zahl. Dazu gehören wunderschöne Altstädte genauso wie fossile Ausgrabungen. Zwei Autoren stellen nun all diese Orte in einem umfangreichen Bildband vor - mit Fotografien und Texten: "Weltererbe - Deutschlands lebendige Vergangenheit".

Die Hamburger Speicherstadt hat es auf den Buchdeckel geschafft. Im Mittelpunkt des Bildes sieht man das Wasserschloss am Ende des Holländischen Brooks. Im Hintergrund blitzt die Elbphilharmonie zwischen all dem Backstein hervor. Die gleiche Perspektive taucht weiter hinten im Bildband noch einmal auf, dann bei Nacht: Die Backsteinfassaden stimmungsvoll beleuchtet. Das Wasser spiegelt das warme Licht. Die Speicherstadt und das Kontorhausviertel - entstanden Ende des 19. Jahrhunderts - sind ein Beispiel dafür, wie sich ein Strukturwandel eindrucksvoll in der Architektur niedergeschlagen hat. Wirtschaft und Handel gaben hier den Ton an.

Backsteinarchitektur und Nationalparks

"Die Speicherstadt ist steingewordenes Zeugnis der Entwicklung und der Komplexität des weltweiten Handels um die Jahrhundertwende und das weltweit größte zusammenhängende Ensemble seiner Art. Passend dazu entstand mit dem Kontorhausviertel das erste reine Bürohausviertel, das Nachahmer in der ganzen Welt fand." Leseprobe

Elf Welterbe-Stätten gibt es allein in Norddeutschland. Zum Beispiel die Altstädte von Lübeck, Stralsund, Wismar und Bremen, außerdem den Hildesheimer Dom und das Wattenmeer.

"Der größte Wurm im Watt ist der Grüne Meerringelwurm, der bis zu 200 Paddelfußpaare an seinem bis zu 40 Zentimeter langen Körper hat. […] Außer ihm gibt es noch rund Hundert andere Arten von Borstenwürmern, wie den Bäumchenröhrenwurm und den Kotpillenwurm, der wegen seines dehnbaren Körpers vorzugsweise auch Gummibandwurm genannt wird." Leseprobe

Der Bildband "Welterbe" ist mit den ausführlichen, aber locker formulierten Begleittexten des Kunsthistorikers Florian Heine auch ein Geschichts- und Erklärbuch. Beim Betrachten erlebt man einige Aha-Momente und tief verschüttetes Schulwissen tritt wieder zutage.

Von der Urzeit bis zur Moderne

Hinzu kommen die wirklich monumentalen Bilder. Der Fotograf Günther Bayerl hat bis auf wenige Ausnahmen alle deutschen Welterbe-Stätten persönlich besucht und fotografiert. So zum Beispiel das älteste Erbe: die Grube Messel, eine Fossilienlagerstädte bei Darmstadt.

Aus rotem Fels hebt sich reliefartig die Form eines urzeitlichen Alligators ab: jeder einzelne Knochen und Wirbel. Auch ein Primobucco ist in der Grube fast vollständig konserviert: ein Vogel, der vor 47 Millionen Jahren lebte.

"Über 200 Pflanzen- und 130 Tierarten, darunter 40 Säugetierarten konnten gefunden und zugeordnet werden. Der Erhaltungszustand ist teilweise so gut, dass sich sogar Haare, Federn, Farben der Käferpanzer, Reptilien mit Schuppen und Frösche mitsamt ihrer Haut erhalten haben." Leseprobe

Explosionen - ausgelöst von Spannungen in der Erdkruste - führten dazu, dass die Lebewesen und Pflanzen sauerstoffdicht konserviert wurden. 1876 fanden Arbeiter beim Ölschieferbau in der Grube die ersten Fossilien.

Hautnah Geschichte erleben

Der Bildband spannt den Bogen von der Urzeit bis in die Moderne, vom Fossilienfund und prähistorischen Pfahlbauten bis zur Bauhaus-Architektur. Wohnsiedlungen in Berlin und Weimar, Dombaukunst in Speyer und Köln oder Klöster und Schlösser in Maulbronn und Corvey: Diese und noch viel mehr Schätze sind in dem sehr hochwertigen und gut vier Kilo schweren Buch versammelt. Es ist mit seinen 98 Euro allerdings auch preislich kein Leichtgewicht.

Allein das Kapitel mit den sakralen Bauten führt eindrucksvoll vor Augen, wie hautnah man in Deutschland Geschichte erleben kann. Die Pfalzkapelle in Aachen etwa erzählt mit ihrer Architektur und ihren Reliquien und Schätzen die spannende Geschichte von Karl dem Großen und seinem "Heiligen Römischen Reich". 42 Welterbestätten und -schätze gibt es in Deutschland. Dieses Buch ermuntert die Betrachter, sie alle zu besuchen.

Welterbe - Deutschlands lebendige Vergangenheit

von Günther Bayerl und Florian Heine
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
ca. 200 Abbildungen, Format 29,5 x 37,5 cm
Verlag:
Frederking & Thaler Verlag
Bestellnummer:
978-3-95416-190-4
Preis:
98,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 25.12.2017 | 17:20 Uhr

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