Stand: 06.03.2019 10:55 Uhr

Günter Kunert - 90 Jahre und kein bisschen leise

von Benedikt Stubendorff

Der Schriftsteller Günter Kunert nennt sich selbst "einen heiteren Melancholiker". Mit einem großen Schalck im Nacken betrachtet Kunert das Leben, sich selbst und auch seine Werke. Ende der 70er-Jahre verließ der gebürtige Berliner die DDR, eine neue Heimat fand er im schleswig-holsteinischen Kaisborstel nahe Itzehoe. In seinen Gedichten und Erzählungen dreht sich viel um die beiden deutschen Staaten, ihre komplizierten Beziehung und ihre unterschiedlichen Befindlichkeiten. Am 6. März ist Günter Kunert 90 Jahre alt geworden.

Langsam lässt sich Günter Kunert in den Sessel mit dem roten Samtbezug sinken und legt auf dem blank polierten Wohnzimmertisch vorsichtig seinen Gehstock ab. "Ohne geht es nicht mehr", sagt er und in seiner Stimme klingt leises Bedauern durch. Neben dem Gehstock liegt sein neues Buch: "Die zweite Frau".

Geburtstagskind: Der Schriftsteller Günter Kunert.

Günter Kunert feiert 90. mit neuem Roman

Schleswig-Holstein Magazin -

Pünktlich zu seinem 90. Geburtstag hat Günter Kunert einen neuen Roman veröffentlicht. Das Manuskript für "Die zweite Frau" hatte er bereits 1976 geschrieben.

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Auf der Suche nach der Einsamkeit

Günter Kunert gilt als einer der bedeutendsten und vielseitigsten deutschen Gegenwarts-Schriftsteller. Vor 40 Jahren darf er aus der DDR ausreisen, lebt kurz in Itzehoe und findet schnell diese ehemalige Schule in Kaisborstel. "Das war hier mal das Klassenzimmer", erklärt Kunert und zeigt in den Raum mit der hohen Decke. "Und stellen Sie sich vor, als wir hier eingezogen sind, war dieser Raum aufgeteilt in eine Dreizimmerwohnung. Ist das zu fassen?" Heute ist der Raum offen und luftig. Ein mächtiger gusseiserner Ofen thront neben der Tür. An einer Wand bis hoch unter die Decke leuchtet die Sammlung blauer Gläser seiner ersten Frau im Sonnenlicht. An den anderen Wänden hängen zahllose großformatige Gemälde von Kunert selbst. Bis zu den nächsten Nachbarn sind es mehrere Hundert Meter. "Man lebt hier ein bisschen in der Einsamkeit", schmunzelt er. "Das ist das, was ich mir immer gewünscht, gesucht und hier gefunden habe." Heimat sei es nicht, betont der Schriftsteller, der als Sohn einer jüdischen Mutter 1929 in Berlin geboren wurde. Aber hier in Schleswig-Holstein, in Kaisborstel, fühle er sich zu Hause.

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Mit einem Lächeln auf den Lippen erinnert sich der 90-Jährige an "damals" - an seine ersten Jahre in Schleswig-Holstein. Vor allem in den 1980er-Jahren sei er häufig Gast im NDR Studio Heide gewesen. Mit Hörspielen und Filmen habe er das finanziert, was er nebenbei geschrieben habe. "Von Gedichten könne schließlich keine Maus leben. Es gibt da diese Bemerkung von Gottfried Benn: Er habe in zwei Jahren von seinen Gedichtbänden fünf Mark und 80 Pfennig verdient", erzählt Kunert. Lachend fügt er hinzu: "Da muss ich sagen: erstaunlich, so viel!"

Kunert: "Wer keine Fehler macht, hat nicht gelebt ..."

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Fast 40 Jahre lebt Günter Kunert schon in Schleswig-Holstein. "Heimat" nennt der gebürtige Berliner das Haus in Kaisborstel aber nicht.

Na klar, habe er auch Fehler gemacht in den vergangenen 90 Jahren. "Wer die nicht macht, hat entweder nicht gelebt, oder war ein bisschen blöd", konstatiert Kunert nüchtern. Viel wichtiger sei es ihm aber, dass er eine Sache richtig gemacht habe: "Ich habe nie mit dem Schreiben aufgehört", strahlt er. Das Schreiben sei immer der Zopf gewesen, an dem er sich aus dem "Sumpf der Zeit" gezogen habe: "All das, was schwer zu sagen war, was kein Ohr gefunden hätte, oder zu viele Ohren an der Wand. Das hat das Schreiben für mich bewirkt."

"Die zweite Frau": Nach 45 Jahren veröffentlicht

Die "Ohren an der Wand" waren der Grund, warum er vor 45 Jahren seinen zweiten Roman "Die zweite Frau" in die Kiste gelegt und nie veröffentlicht hat. Beim Auspacken einer alten Umzugskiste stieß er dann in seinem Keller auf das Manuskript. "Es sah furchtbar aus", erinnert sich Kunert. "Reingekritzelt und gestrichen." Dennoch entschließt er sich dazu, den Text sauber abtippen zu lassen. "Ich habe es zum ersten Mal von vorne bis hinten gelesen. Und sagte mir: Eigentlich ist es ganz interessant."

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Günter Kunert (li.) zusammen mit dem Journalisten Fritz Pleitgen und dem Sänger Wolf Biermann 2001 in Berlin.

Mitte der 70er-Jahre lebt Kunert noch in der DDR, engagiert sich für den SED-Kritiker Wolf Biermann und steht selbst auch unter strenger Beobachtung: "Da standen die Stasi-Fritzen schon vor der Haustür und beobachteten einen", erinnert sich Kunert. "Wenn ich zum Beispiel Stefan Heym besuchte, dann fuhren die hinterher und standen vor der Tür. Es war also schon eine ganz heikle Situation." Es war klar, dass er den Roman zum damaligen Zeitpunkt nicht veröffentlichen konnte: "Dann fahren die nicht mehr hinterher, sondern die fahren mit mir irgendwo hin", sagt Kunert lachend.

Eine lebendige Zeitreise

Umso mehr ist "Die zweite Frau" eine wunderbare Zeitreise in die DDR. Befreit und schonungslos hat Günter Kunert geschrieben, was er beobachtet hatte: Stasi-Deppen, Tristesse im DDR-Alltag und Pornoheftchenschmuggel über die Grenze. Verpackt in eine Kriminalgeschichte über ein Ehepaar in der DDR, die mit den verschiedenen Problemen, die es gab, zu kämpfen haben. "Es ist kein aggressives Buch", betont er und zeigt auf das druckfrische Exemplar neben seinem Gehstock auf dem blank polierten Wohnzimmertisch. "Es richtet sich überhaupt nicht polemisch gegen die DDR." Vielmehr sei es die Schilderung einer Ehe unter bestimmten Verhältnissen. "Dass diese Verhältnisse abstrus waren und eigenartig, kommt natürlich in dem Roman vor", erklärt Kunert. "Den führenden Genossen, wie sie sich selber nannten, hätte es garantiert nicht gefallen."

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Seit siebzig Jahren ist er als Wortschöpfer und Sprachkünstler tätig. Am 6. März feiert der Lyriker Günter Kunert seinen 90. Geburtstag. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 06.03.2019 | 10:55 Uhr

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