Stand: 15.05.2019 13:48 Uhr

Dorfgeschichten aus Italien

Marina, Marina
von Grit Landau
Vorgestellt von Andrea Heußinger
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Man merkt Landaus Roman an, dass die Autorin sich in Italien gut auskennt.

1959 kam der in Belgien lebende italienisch-stämmige Automechaniker Rocco Granata angesichts eines Werbeplakats einer damals bekannten Zigarettenmarke auf die Idee, ein Lied zu schreiben. Die passende Melodie hatten er und seine Band schon. Der Song traf den Nerv der Zeit, verkaufte sich Millionen Mal und ist längst ein Evergreen. Die Zigarettenmarke hieß "Marina".

Inspiriert von einem Lied

Rocco Granatas Gassenhauer ist Ausgangspunkt des Romans "Marina, Marina". Geschrieben hat ihn eine Frau, die sich Grit Landau nennt - ein Pseudonym. Die Autorin habe jahrelang erfolgreich als Musik- und Kulturjournalistin gearbeitet, heißt es von ihrem Verlag, und schreibe mittlerweile unter ihrem bürgerlichen Namen Sachbücher. Sie wolle diese Veröffentlichungen klar trennen von den Romanen und Geschichten, die sie außerdem noch schreibt. Daher der Fantasie-Name. In "Marina, Marina" erzählt sie die wechselvolle Geschichte eines ganzen Dorfes:

"'Es ist für Marina.' Jetzt war es raus. Nino hatte zum ersten Mal ihren Vornamen laut ausgesprochen, hatte sie genannt wie in seinen Träumen. Beppe, sein Cousin und zweitbester Freund, zeigte sich unbeeindruckt. 'Häh? Welche Marina?' 'Na, Marina Vassallo.' 'Die vom Frisiersalon da drüben?' Beppe wollte schon zum anderen Ende der Piazza zeigen, doch Nino fiel ihm in den Arm. 'Ja, Mensch.' 'Aber, aber ...', sein Freund rang nach Worten, 'die ist uralt.'" Leseprobe

Jedenfalls deutlich über 30 - und obendrein die Mutter von Ninos bestem Freund.

Der Ort des Geschehens ist typisch italienisch

Sant'Amato im Jahr 1960. Ein kleiner Ort an der ligurischen Küste - fiktiv und trotzdem typisch italienisch, mit verwinkelten Gassen und einer Piazza, auf der einmal im Jahr das "Sagra" genannte Dorffest stattfindet, mit Menschen, die gerne gut essen und sonntags in die Kirche gehen.

Der 13-jährige Nino wird einen Weg finden, der Angebeteten seine Zuneigung zu zeigen. Die allerdings hält jemand anderen für den Urheber:

"Marina hatte ihre Familie vorausgeschickt, um in Ruhe ihre übliche Opferkerze vor dem Altar der Mater Dolorosa anzuzünden, da hörte sie seine Stimme dicht neben sich. 'Danke nochmals für die Muscheln.' 'Non c'è di che, keine Ursache.' Sie richtete den Blick starr nach vorn, murmelte ein leises Gebet und hantierte vergeblich mit einem glimmenden Holzspan am Docht der Opferkerze. 'Tut mir leid', setzte er erneut an, 'das Verhalten meiner Frau bei der Sagra war, ähm, etwas schwierig.'" Leseprobe

Die vielen Figuren erschweren das Verständnis

Die Geschicke eines ganzen Dorfes werden hier verhandelt, Schauspieler Steffen Groth gibt den Figuren in der Hörbuch-Version Stimmen von kontrabasstief bis glockenhell. Für manchen sicherlich übertrieben, aber Geschmackssache. Allerdings wäre es schon schön gewesen, wenn vor der Aufnahme ein Muttersprachler kontaktiert worden wäre. Dass das nicht geschehen ist, beweisen die falsch ausgesprochenen italienischen Wörter.

Das größte Problem des Romans selbst sind die vielen Figuren. Ihrer Geschichte vorangestellt hat die Autorin ein Personen-Register, es sind 31, alle spielen eine Rolle. Das hat zum Beispiel zur Folge, dass wir den verliebten Nino vom Anfang erst 100 Seiten später wieder treffen, als er fast volljährig ist und so gut wie weg aus Sant'Amato.

Dazwischen geht es unter anderem zu einer Misswahl, wir lernen den schwerreichen und nicht besonders vertrauenswürdigen Dorf-Magnaten und seine hübsche Tochter kennen und eine junge Deutsche, die an der Riviera Urlaub macht:

"Reni Klopps Start in ihren ersten Sommer als Volljährige endete in Arma di Taggia auf einem Hotelbalkon, der plötzlich unter ihr wegbrach und sie vier Stockwerke mit sich in die Tiefe riss. Und noch während sie fiel, zwischen Wäscheleinen und mit Christas knallrotem Bikini in der Hand, stellte sie trotzig fest: Es wird euch aus den Socken hauen. Nicht, dass ich in der Gosse lande - sondern wie." Leseprobe

Interessante Details über Italien

Die Mutter der Autorin stürzte 1960 von einem Hotelbalkon nahe Sanremo. Der Beginn einer lebenslangen Italien-Liebe, so der Verlag. Tatsächlich merkt man, dass sich hier jemand auskennt, der ganze Roman ist gespickt mit interessanten Details zu Geschichte, Bräuchen, Musik und Schauplätzen - inklusive Glossar, in dem alle italienischen Ausdrücke erklärt werden.

Vermutlich ist gerade das die Crux: Zu viel Wissen, auf zu wenige Seiten gequetscht, macht aus dem Roman eine Aneinanderreihung von Schlaglichtern, die zwar alle interessant sind, das Fiebern mit und Einfühlen in die Figuren allerdings unmöglich macht.

Marina, Marina

von
Seitenzahl:
400 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Droemer Knaur
Bestellnummer:
978-3-426-28199-4
Preis:
14,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.05.2019 | 12:40 Uhr

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