Stand: 03.10.2018 12:40 Uhr

Eine transhumanistische Weltreise

von Alexander Solloch
Frédéric Beigbeder: "Endlos leben" © Piper-Verlag
Berühmt wurde Autor Frédéric Beigbeder mit dem konsumkritischen Roman "Neununddreißigneunzig".

Frédéric Beigbeder hat die 50 knapp überschritten - kaum erstaunlich, dass krisenhafte Zustände den französischen Autor zu erschüttern beginnen, die hinauslaufen auf die Resolution: Der Tod ist nicht akzeptabel. Ich nehme den Tod nicht mehr hin. Dann wird er auch nicht zu mir kommen.

Beigbeder - Werbetexter, Drehbuchautor, Schriftsteller - wurde vor knapp 20 Jahren über die Grenzen Frankreichs hinaus berühmt mit seinem konsumkritischen Roman "Neununddreißigneunzig". Sein neues Werk "Une vie sans fin" ist gerade auf Deutsch erschienen unter dem Titel "Endlos leben". Traum, Wirklichkeit, Horrorszenario?

Leben ist ein Massaker

Von der ersten Lebenssekunde an tickt die Uhr erbarmungslos. Die Zeit läuft ab, langsam, aber unaufhörlich. Ein untragbarer Zustand! Nie mehr werde ich so frisch, so gewitzt, so sexy sein wie noch vor fünf Minuten. Leben ist ein fortwährender Abstieg. Schlimmer noch: Leben ist ein Massaker. Ungefähr 100 Milliarden Menschen sind bislang schon gestorben - unvorstellbar, skandalös!

Das Unabwendbare nicht mehr hinnehmen

Der Erzähler - nennen wir ihn der Einfachheit halber den lyrischen Frédéric - muss erleben, wie seine Eltern ein Pariser Krankenhaus nach dem anderen aufsuchen, und beschließt, das scheinbar Unabwendbare nicht mehr hinzunehmen.

"Ich fing an, das Alter zu hassen: das Vorzimmer zum Sarg. Ich hatte einen überbezahlten Job, eine hübsche zehnjährige Tochter, eine Wohnung über drei Etagen mitten in Paris und einen BMW Hybrid. Ich hatte es nicht sonderlich eilig, all diese Annehmlichkeiten zu verlieren. Irgendwann, ich war gerade von der Klinik zurück, kam Romy mit einer hochgezogenen Augenbraue in die Küche. 'Stimmt es, Papa, dass jeder mal stirbt? Zuerst Opa und Oma, dann Mama, du, ich, die Tiere, die Bäume und Blumen?' Ich räusperte mich, wie mein soldatischer Großvater, wenn er spürte, dass er in seinem Haus wieder für Ordnung sorgen musste. 'Süße, du täuschst dich gewaltig. Es stimmt, jahrtausendelang sind die Leute, Tiere und Bäume gestorben, aber von nun an ist Schluss damit.' Jetzt galt es nur noch, dieses leichtsinnige Versprechen zu halten." Leseprobe

"Schaffen wir also den Tod ab! "

Frédéric - schwerreich geworden mit einer Internet-Talkshow, in der Promis unter vehementem Medikamenteneinfluss sich auf verheerend-unterhaltsame Weise entblößen -, dieser radikale Zyniker Frédéric scheint zum ersten Mal vor einer Aufgabe zu stehen, die er ernst nehmen, mit der er sich identifizieren kann. "Wenn einem die Tochter diese Frage stellt, dann sagt man sich doch: Okay, ich muss mich wenigstens mal informieren", sagt Beigbeder. "Er hat einfach die Nase voll von all diesen Leuten, die sterben. Hat das einen Sinn? Bringt uns das irgendwie weiter? Nur Kummer, sonst nichts. Schaffen wir also den Tod ab, sofort! Es gibt ja Wissenschaftler, die behaupten, dass sie dieses Ziel erreichen können. Besuchen wir sie doch mal!"

Reich an schillernden und treffenden Beobachtungen

Eine transhumanistische Weltreise beginnt, eine Reise zu Medizinern, Diätpäpsten, Genforschern; die wenigsten halten Frédérics Ansinnen für absurd. Manche sehen im Menschen selbst immerhin noch Perfektionierungspotential, andere plädieren gleich für seine Abschaffung zugunsten künstlichen Lebens; alles ziemlich gruselig, ziemlich makaber und ziemlich gut recherchiert. Beigbeder, der keine Gelegenheit auslässt, die nach Ewigkeit strebende mitteleuropäische Großstadtegozentrik (und damit wohl auch sich selbst) dem allgemeinen Gelächter preiszugeben, überhäuft den Leser gern mit ironischem Firlefanz, davon bekommt man mitunter Schluckauf. Aber dieser in alle Richtungen überbordende Roman ist auch reich an schillernden, treffenden und wunderschönen Beobachtungen eines Mannes, der jetzt erst - schon jetzt - das Hingucken lernt:

"Am Tisch nebenan dachte ein Ehepaar schweigend über Scheidung nach, während beide aufs ruhige Wasser blickten. Ein Reiher landete voller Anmut auf dem Steg. Nach einem Gleitflug vor dem Berg und über dem Wasser bremste er mit einem einzigen Flügelschlag und berührte das Teakholz mit der Spitze seines Fußes, bevor er dort leichtfüßig wie Fred Astaire herumwanderte. Gibt es Reiher, die begabter sind als andere? Darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Der Reiher dort hatte Klasse, er hatte es echt verdient, aufs Titelblatt der Reiher-Vogue zu kommen. Ich hätte gern ein Selfie mit ihm gemacht." Leseprobe

Dann kommt Frédéric nach Hause. Er ist nach wie vor nicht unsterblich, aber seine jüngste Tochter rennt mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Was kann ewiger sein als dieses kleine Glück?

Endlos leben

von Frédéric Beigbeder, aus dem Französischen von Julia Schoch
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05923-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.10.2018 | 12:40 Uhr

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