Stand: 18.01.2018 16:00 Uhr

Eine zerrissene Gesellschaft

Patria
von Fernando Aramburu, aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Vorgestellt von Katja Weise
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Seit Mitte der 80er-Jahre lebt der spanisch-baskische Autor in Hannover.

Fernando Aramburu ist 1959 in San Sebastián geboren, im gleichen Jahr, in dem dort die ETA gegründet wurde, die Untergrundorganisation, die bis 2011 mit terroristischen Mitteln für die Autonomie des Baskenlandes gekämpft hat. Über diesen Kampf hat der Schriftsteller jetzt einen in Spanien schon mit vielen Preisen ausgezeichneten Roman geschrieben. Nun ist "Patria" auf Deutsch erschienen.

Annäherung an ein schwieriges Thema

"Es war nicht einfach für mich, den richtigen Ton zu finden", sagt Aramburu. "Deswegen habe ich es zuerst mit kleinen Geschichten versucht, dann mit einem kurzen Roman und jetzt mit 'Patria'".

Auch in "Patria", diesem mit Verve aufs Papier gebrachten 750-Seiten-Roman, nähert er sich dem Thema mit kleinen Geschichten, aus neun Perspektiven, denn Aramburu lässt die Mitglieder zweier Familien erzählen. Im Mittelpunkt stehen Miren und Bittori, einst beste Freundinnen, später erbitterte Feindinnen - weil Joxi Mari, Mirens ältester Sohn, sich der ETA anschließt und Txato, Bittoris Mann, obwohl Baske, von der ETA ermordet wird.

"Txato teilt sich das Grab mit seinen Großeltern mütterlicherseits und einer Tante. (..) Auf dem Grabstein stehen Name und Vorname des Verstorbenen, sein Geburtsdatum und das Datum, an dem er ermordet worden ist. (..) Vor der Beerdigung hatten Angehörige aus Azpeitia Bittori geraten, Anspielungen, Hinweise oder Zeichen auf der Grabtafel zu vermeiden, die Txato als Opfer der ETA kennzeichneten. Sonst könnte sie Ärger bekommen." Leseprobe

Ärger gibt es auch so. Wie Aussätzige werden Bittori, Txato und ihre beiden Kinder schon vor der Ermordung im Dorf behandelt. Danach zieht die Witwe nach San Sebastián.

Perspektivenwechsel und verschiedene Zeitebenen

Aramburu erzählt nicht chronologisch, spätestens alle drei Kapitel wechselt er die Perspektive, oft auch die Zeitebene. Dadurch entsteht ein sich langsam entfaltender Sog, beim Leser das unwiderstehliche Bedürfnis, immer wieder einzutauchen in das Geschehen.

Ausgangspunkt ist das Jahr 2011, in dem die ETA sich bereit erklärt, den bewaffneten Kampf aufzugeben. Txato ist bereits über 20 Jahre tot, Joxe Mari sitzt im Gefängnis, beide Familien sind traumatisiert:

"Bittori, Bittori. (..) Hast du's mitgekriegt? Sie wollen mit den Attentaten aufhören. Bittori musste an die Zeit denken, als diese Nachbarin ihr tunlichst aus dem Weg gegangen war, sogar an der Straßenecke - die Einkaufstüte zwischen den Beinen - im Regen stehen geblieben war, um bloß nicht am Hauseingang mit ihr zusammentreffen zu müssen." Leseprobe

Es sind diese alltäglichen Geschichten, an denen Aramburu beispielhaft die Zerrissenheit einer Gesellschaft aufzeigt, Geschichten, die sich - und deshalb ist "Patria" in Spanien das Buch der Stunde - auch im Katalonien-Konflikt wiederholen: "Ich kenne Freunde, die sich nicht mehr begrüßen, Familien, die sich zerstritten haben aus politischen Gründen, und das ist wirklich sehr, sehr schade", erzählt der Autor.

Ein vielschichtiges gesellschaftliches Panorama

"Patria" ist kein Roman, der vor allem durch literarische Raffinesse besticht, er lebt von seiner Vielschichtigkeit, davon, dass Aramburu ein breites, gesellschaftliches Panorama entwirft und Figuren zeichnet wie Miren und Bittori, die sich trotz ihrer Härte unmerklich ins Herz der Leser schleichen: "Diese Frauen, die so stark sind, die zu Hause das Kommando haben, die verwalten, die sind gang und gäbe im Baskenland", erklärt Aramburu. "Meine Mutter war so, meine Tante auch und Nachbarinnen, und diese Frauen, die ich ständig in der Nähe hatte, haben mich natürlich inspiriert."

Jetzt, so Aramburu, sei das Thema für ihn erst einmal abgeschlossen. Am Ende zeichnet er sogar Möglichkeiten der Annäherung auf, aber ein Kreis schließt sich damit noch nicht:

"Die beiden Frauen sahen sich, als sie noch etwa fünfzig Meter voneinander entfernt waren. (..) Sie gingen direkt aufeinander zu. (..) Eine kurze Umarmung. Beide schauten sich einen Moment lang in die Augen, bevor sie weitergingen. Und sagten sie was? Nein. Sie sagten sich nichts." Leseprobe

Beispielhaft zeigt Aramburu, wie politische Konflikte in den Alltag hineinwirken und wie schwer es sein kann, sich deren zerstörerischer Kraft zu widersetzen.

Patria

von
Seitenzahl:
768 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt Verlag
Bestellnummer:
978-3-498-00102-5
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.01.2018 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Fernando-Aramburu-Patria,patria102.html

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