Emine Sevgi Özdamar © dpa/SV/Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Foto: Heike Steinweg

Emine Özdamar: "Ein weißes Blatt Papier ist wie eine Bühne"

Stand: 10.08.2022 09:51 Uhr

Emine Sevgi Özdamar erhält 2022 den Georg-Büchner-Preis. Die deutsch-türkische Schriftstellerin, Schauspielerin und Regisseurin erzählt, wie die Arbeit am Theater ihr Schreiben beeinflusst hat.

Emine Sevgi Özdamar © dpa/SV/Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Foto: Heike Steinweg
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Frau Özdamar, herzlichen Glückwunsch. Wie klingt eigentlich so ein "Sie haben gewonnen"-Anruf von einer Büchner-Jury? Ganz bürokratisch förmlich oder überschwänglich?

Emine Sevgi Özdamar: Das war vor drei Tagen. Der Präsident von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt hat mich angerufen, und das war sehr schön, wie er das gemacht hat.

In der Jurybegründung steht: "Ein hochpoetisches Werk" und "entfaltet ein Panorama deutsch-türkischer Geschichte". Hören Sie so etwas eigentlich gern? Sie sind ja immerin auch sechs Jahrzehnte in Deutschland.

Özdamar: Früher hat man mich gefragt: Ist das deutsche oder türkische Literatur? Das war immer Thema. Dann habe ich immer diesen Witz erzählt: Zwei Menschen sehen einer Seiltänzerin im Zirkus zu. Da sagt der eine Mann zu dem anderen: Weißt du, wie wenig sie für diese gefährliche Arbeit verdient? Darauf sagt der andere: Wenn sie daran denken würde, würde sie herunterfallen.

Beim Schreiben gilt es auch, die Wörter über ein Seil herüberzubringen und aufzupassen, dass sie nicht herunterfallen. Immer wieder laut lesen, ob sie herunterfallen, oder ob der Rhythmus stimmt. Deswegen ist es egal - die Leute haben es auch nicht leicht, wenn sie eine Begründung schreiben.

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Bei dem Titel Ihres Buches "Ein von Schatten begrenzter Raum" denke ich sofort an einen Bühnenraum, der durch das Licht erhellt wird. Sie haben auch viel Theater gemacht - war das auch Ihre Assoziation? Oder kommt das ganz woanders her?

Özdamar: In dem Text schreibe ich auch von dem Maler Francis Bacon. In seinen Bildern bestimmt auch der Schatten den Raum und alles drum herum ist unwichtig. Ich habe Bacon geliebt und beim Schreiben hatte ich dieses Empfinden, dass es mit dieser Malerei zu tun hat. Aber auch mit Theater. Am Theater sind zwei Elemente sehr wichtig: Beleuchtung und Requisite. Und das ist die Beleuchtung dieser Geschichte.

Sie sind damals nach Ostberlin gegangen, um Theater zu machen mit Benno Besson. Sie haben mit Claus Peymann in Bochum gearbeitet, auch Film gemacht. Das ist für eine Schriftstellerin eine unglaublich interessante Perspektive, wenn man all diese Seiten des Geschehens kennt. Wie hat das Ihr Schreiben beeinflusst?

Özdamar: Das hat mein Schreiben sicherlich sehr beeinflusst. Das Theaterspielen, das Arbeiten mit der eigenen Figur und mit den Rhythmen der anderen Figuren erweitert oft die eigenen Grenzen und man öffnet auch ihre Grenzen. Am Ende kommt man zusammen zu einer Figur. So ist es auch beim Schreiben: Da ist vielleicht keine Bühne, und da muss man auf dem weißen Papier Schauspieler, Regisseur, Beleuchter und Requisiteur sein. Dieses weiße Papier ist auch eine Bühne.

Sie haben schon eine ganze Reihe von Auszeichnungen bekommen. 1991 geht's los mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis für "Das Leben ist eine Karawanserei". Wie ist das, gibt es dann immer kurz ganz viel Aufmerksamkeit, und danach geht das wieder zurück? Oder geht es eher die Treppe aufwärts?

Özdamar: Es ist vergänglich, so wie das Theaterspielen auch. Das Theaterstück ist eine Zeit lang angesagt - und dann wird es wieder vergessen. Diese Vergägnlichkeit liegt in der Natur des Theaters. Die Preise sind natürlich sehr schön. Man kämpft ja um seine Arbeit, deswegen vergisst man sie. Aber es ist schön, wenn man daran erinnert wird. Da kommen die Erinnerungen wieder hoch, was ich beim Bachmann-Preis erlebt hatte. Auch beim Kleist-Preis hatte ich mich sehr gefreut, weil Kleist, wie Büchner, geniale, freiheitsliebende, kämpfende Menschen waren. Was für eine Zeit, in der diese Menschen gekämpft haben!

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Über "Die Brücke vom Goldenen Horn", Ende der 90er-Jahre erschienen, hat Marcel Reich-Ranicki gesagt, dass dieses Buch nicht lesbar sei. Ist Ihnen das häufig passiert, das es zwischendurch totale Ablehnung gab? Oder war er da eine Ausnahme?

Özdamar: Ich fand das sehr lustig, wie er sagte: "Kann der Bahnhof beleidigt sein? Ist Ihr Kugelschreiber beleidigt?" Es gibt in dem Buch einen Bahnhof, der beleidigt ist, weil man ihn kaputt gemacht hat. Ich fand ihn immer ein bisschen theatralisch und lustig. Er amüsierte mich. Aber er hatte nicht immer Recht.

Morgen feiern Sie Geburtstag. Wir wünschen Ihnen, dass das ein toller Tag werden möge.

Özdamar: Danke. Ich wüsste nicht, dass ich morgen Geburtstag habe. Ich vergesse das, weil ich nie Geburtstage gefeiert habe. Einmal haben meine WG-Freunde meinen Geburtstag gefeiert. Sie haben einen Kuchen mit türkisch-amerikanischer Flagge darauf gemacht, weil ich einen amerikanischen Liebhaber hatte. Sie haben mich auch zu einem wunderbaren Rock-Konzert eingeladen. Das war die einzige Geburtstagsfeier in meinem Leben.

Das Gespräch führte Mischa Kreiskott.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.08.2022 | 16:15 Uhr

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