Stand: 01.02.2018 10:40 Uhr

Finale in Neapel

Die Geschichte des verlorenen Kindes
von Elena  Ferrante, Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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Mit diesem Band endet die Neapolitanische Saga und noch immer weiß man nicht, wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt.

Nun ist der vierte und letzte Band der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante erschienen: "Die Geschichte des verlorenen Kindes". Die italienische Schriftstellerin besteht nach wie vor darauf, anonym zu bleiben, was die vermeintliche Echtheit dieser Lebensgeschichte auf reizvolle Weise unterstreicht. Nach den Skandalen, die die Autorin auf den bisherigen rund 1.600 Seiten mit ihren Lesern geteilt hat, müsste man eigentlich meinen, dass keine Steigerung mehr möglich ist, aber der Schluss wird noch einmal ziemlich atemberaubend.

Rückkehr in die alte Heimat

Von Oktober 1976 bis zu der Zeit, als ich 1979 nach Neapel zurückzog, vermied ich es, wieder feste Beziehungen zu Lila aufzubauen. Das war nicht leicht. Sie versuchte fast sofort, erneut in mein Leben einzubrechen, und ich ignorierte sie, tolerierte sie, ertrug sie. Leseprobe

So beginnt der vierte Band, im Hörbuch wieder gelesen von der Königin der Vorleserinnen - Eva Mattes - und erinnert uns sofort an die Animosität und die Rivalität, die in der Verbindung der zwei genialen Freundinnen Lila und Elena immer als Unterströmungen vorhanden sind. Elena, die Ich-Erzählerin, hat es zu etwas gebracht: Sie hat studiert, hat Bücher veröffentlicht und einen Universitätsprofessor aus dem Norden geheiratet. Doch letztlich bleibt sie der blitzgescheiten und impulsiven Lila immer unterlegen, auch wenn die nie aus Neapel herausgekommen ist und bei all ihren Talenten von den mafiösen Strukturen ihrer Umwelt beherrscht wird.

Was Lila wirklich über mein Verhalten als Mutter dachte, weiß ich nicht. Sie ist die Einzige, die das erzählen könnte, falls es ihr tatsächlich gelungen sein sollte, in diese lange Kette von Wörtern einzudringen, um meinen Text zu verändern, um fehlende Glieder geschickt einzufügen, um andere unauffällig herauszulösen, um mehr als mir lieb ist, von mir zu erzählen, mehr als ich erzählen kann. Ich sehne mich nach ihrer Einmischung, wünsche sie mir, seit ich angefangen habe, unsere Geschichte aufzuschreiben. Doch ich muss erst zum Ende kommen, um alle diese Seiten einer Prüfung unterziehen zu können. Leseprobe

Das Verhältnis zur Freundin Lila bleibt ambivalent

Lila ist, als die beiden Freundinnen über 60 Jahre alt sind, spurlos verschwunden, und Elena weiß, dass das schon lange ihr Ziel war. Lila hat ihr ausdrücklich verboten, jemals über sie zu schreiben, hat ihr gedroht, den Computer zu hacken, sollte sie es trotzdem tun, aber jetzt, als alte Frau, setzt sich Elena über den starken Willen ihrer Freundin hinweg. Heimlich hat sie sich allerdings auch früher schon für einen Roman an Lilas Schicksal bedient.

Im Jahr 1979 sind die beiden 35 Jahre alt. Sie haben ihre Ehemänner verlassen, sie haben sich Liebhaber genommen, und sie wohnen wieder Tür an Tür im Rione, dem neapolitanischen Vorort, in dem sie groß geworden sind. Lila ist entsetzt darüber, dass sich Elena mit Nino Sarratore eingelassen hat, dem selbstsüchtigen Mann, der Lila einst sitzen ließ, als sie schwanger war. Mit kühlem Verstand ist es tatsächlich nicht nachvollziehbar, wie jemand, der es besser wissen müsste, so tief sinken kann, aber gerade das ist ja das Hinreißende an Elena Ferrantes Erzählweise: sie lässt auch die emotional fehlgeleiteten, hirnrissigen, in der Rückschau hochnotpeinlichen Aktionen nicht aus.

Es war beschämend, zugeben zu müssen, dass ein bisschen Ruhm und die Liebe zu Nino genügten, um Dede und Elsa in den Hintergrund treten zu lassen, und doch war es so. Der Widerhall von Lilas Satz "Denk daran, was du deinen Töchtern damit antust!" entwickelte sich in dieser Zeit zu einer Art Motto, das die Einleitung zum Unglück war. Leseprobe

Keine glückliche Beziehung

Nino Sarratore macht alle Frauen glücklich, aber immer nur, solange sie ahnungslos sind. Irgendwann ist auch Elena klug genug, und dann zieht sie mit ihren inzwischen drei Töchtern zurück in die Nähe ihrer Freundin Lila, die ihrerseits auch noch eine Tochter bekommen hat. Die beiden helfen einander, so gut sie können, und doch bleibt da immer diese leise Eifersucht. Elena ertappt sich dabei, Lilas Baby viel liebenswerter zu finden als das eigene, das nur langsame Fortschritte macht. Dann bricht eines Tages das große Unglück über ihr Leben herein.

... da war der ohrenbetäubende Pfiff des Erdnussverkäufers und das Scheppern eines Lastwagens, der im Vorbeifahren Staub aufwirbelte. Leseprobe

In Italien ist der Hype um Elena Ferrante schon wieder abgeflaut, und auf den hiesigen Bestsellerlisten tauchten zwar die ersten beiden Bände "Meine geniale Freundin" und "Die Geschichte eines neuen Namens" auf, aber nicht mehr der dritte "Die Geschichte der getrennten Wege", der vorigen August erschienen ist. Man braucht Zeit, um ein so umfangreiches Epos zu lesen, und vielleicht haben viele den Überblick über das vielköpfige Personal verloren. Aber jetzt, wo man die ganze Geschichte nacheinander weglesen kann, werden sicher noch einmal viele im Rione Zeit und Raum vergessen.

Die Geschichte des verlorenen Kindes

von
Seitenzahl:
614 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Verlag Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42576-3
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.02.2018 | 12:40 Uhr

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