Stand: 03.02.2019 10:00 Uhr

Seelenzustände in zarten Zeichnungen

Aus dem Schatten trat ein Fuchs
von Einar Turkowski
Vorgestellt von Andrea Ring

Skurrile Bildwelten mit einer Spur von Magie sind das Markenzeichen der Bilderbücher von Einar Turkowski. Der vielfach auszeichnete Illustrator lebt und zeichnet in den Nähe von Kiel. "Aus dem Schatten trat ein Fuchs" heißt sein neuestes Werk. Im letzten Buch "Die Nachtwanderin" streifte eine geheimnisvolle Frau durch die Straßen einer Stadt. Jetzt ist es ein Fuchs, der in der nächtlichen Natur auf Sinnsuche geht.

Ein Bilderbuch nicht nur für Kinder

Farbe als Symbol für Gefühle

Eine flauschige Wiese und bewegtes Gebüsch vor einem tiefschwarzen Hintergrund: Hier steht der Fuchs und sieht uns mit hellen Augen an. "Ihm war nach Farbe," heißt es im Vers dazu etwas verrätselt. Ein Paradiesvogel wird sein Freund, auch er wie Landschaft und Fuchs mit HB-Bleistift in zarten Grautönen gezeichnet.

Die ungleichen Gefährten verbindet eine Sehnsucht: "Beide sind auf der Suche nach etwas. Eigentlich auf der Suche nach der Farbe", sagt Einar Turkowski. Die Farbe ist im Universum dieses Zeichners, der sonst statt des Blei- höchstens einen tiefblauen Buntstift benutzt, natürlich ein Symbol. Vielleicht für Beziehungen: "Vielleicht auch für die Liebe. Vor allem aber für ein Erfülltsein."

Er legt sich da nicht fest. Auch deshalb sollte es eine Tiergeschichte sein, die allzu menschliche Interpretationen offen lässt. Speziell der Fuchs hat es dem Illustrator angetan: "Ich liebe den Fuchs. Er hat eine schöne Optik, ist intelligent und schön zu zeichnen."

Gestochen scharf hat Einar Turkowski ihn nach intensiven Vorstudien aufs Papier gebracht. Der kleine Vogel sitzt auf langstieligen Fantasieblumen. Über weiche Hügel und durch spitzes Schilf kommen die beiden an einen See: "Das Boot ist wie eine Insel, wie ein Innehalten. Beide Tiere schlafen in diesem Moment, alles bringt sie in diesem Moment zur Ruhe - deswegen diese Seeszene."

Detailreichtum und grafische Spielereien

Am Fuß schroffer, kalter Felsen ist der Fuchs am unteren Bildrand nur ganz klein zu sehen. "Ich liebe manchmal Bilder, wo man die Charaktere oder verschiedene Elemente auch erst auf den zweiten Blick erkennen kann. Wenn sie extrem fein und filigran sind, dann reizt mich das besonders. Meistens sind es dann die Details, weshalb ich ein Bild gut finde", erklärt der Autor.

Typisch für seinen Stil sind grafische Spielereien: Seltsame Buchstaben und Zahlen auf Stäben stecken als Blickfang im Boden und geben Rätsel auf. Aber auch Zivilisationsmüll, wie Autoreifen und defekte Puppen, verfremdet die idyllische Natur:

"Ich bin absoluter Romantiker, aber ich weiß, dass nichts perfekt ist", erklärt der 46-Jährige diese kleinen Irritationen. "Viel zu schön um zu sein" hat Turkowski dagegen zu einem Bild getextet, auf dem der Fuchs einem Kuhpaar in bambusartigem Wald begegnet, fremdartige Fabelwesen in Ockergelb. "Weil diese Kühe eben keine kurzen Hörner haben, sondern wie Antilopen ganz langgezogene schlanke. Das ist ein bisschen Fantasie und Freude am Kombinieren zwischen realen und surrealen Momenten."

Kontraste sorgen für besondere Effekte

Mehr innerer Seelenzustand als äußere Landschaft spiegeln dann hoch aufgeworfene abweisende Felsen die kurzzeitige Resignation des Fuchses. "Wie ein eingefrorener Moment liegt Fuchs ganz verloren in dieser Felsecke, der kleine Vogel sitzt neben ihm. Zum Schluss wird er natürlich die Farbe erkennen und finden."

Der Kontrast macht schließlich den Effekt, findet Turkowski: "Wenn ich jetzt die Farbe in eine graue Umgebung setze, dann wirkt sie noch viel wertvoller. Weil sie wie ein Edelstein auf einem grauen Tuch zur Geltung kommt."

Fuchsrot leuchtet sie auf dichtem Fell. Anders als sein Name verspricht, bleibt der Paradiesvogel im grauen Federkleid zurück und singt traurige Lieder. Der Autor mag das offene Ende: "Es ist ein melancholisches Ende, was ja auch etwas Schönes und etwas Nachdenkliches zugleich hat."

Sind die Blütengesichtchen im "Teartree", wo der Vogel zwitschert, ein wenig sentimental geraten, hebt die Schlussvignette das mit einem Augenzwinkern wieder auf. Wie, sei nicht verraten. Einar Turkowskis wunderschöne, extrem präzise Zeichnungen und die poetischen Texte mit nur verstreuten Reimen bewegen sich ansprechend zwischen Romantik und Sachlichkeit.

Aus dem Schatten trat ein Fuchs

von
Seitenzahl:
40 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
28,4 x 1 x 28,7 cm
Verlag:
Gerstenberg
Bestellnummer:
978-3-8369-5666-6
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

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