Stand: 22.09.2016 11:00 Uhr

Lebensdilemma eines "Falschjuden"

von Sigrid Brinkmann
Dmitrij Kapitelman © Hanser Literaturverlage Foto: Nadine Kunath
Für seinen Roman ist Kapitelman in Hamburg mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis für das beste deutschsprachige literarische Debüt des Jahres ausgezeichnet worden.

Nach 1991 haben über 200.000 jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion deutsche Pässe bekommen - als sogenannte Kontingentflüchtlinge. Dmitrij Kapitelman war acht Jahre alt, als er die Ukraine mit seinen Eltern verließ. Eine Vergangenheit in Kiew und erste Jahre in einem sächsischen Asylbewerberheim, ein Russische-Spezialitäten-Laden in Leipzig, der Versuch, in Berlin heimisch zu werden und eine Reise nach Israel - von all dem erzählt Dmitrij Kapitelman in seinem ersten Buch "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters".

Ein vielseitiger Künstler

Dass er ein scharfsinniger Beobachter ist und ein untrügliches Gespür für Pointen und beiläufig ausgesprochene Wahrheiten hat, das wusste Dmitrij Kapitelman, bevor er anfing, ein autobiografisches Buch zu schreiben. Er ist gerade dreißig Jahre alt geworden, hat Politikwissenschaften studiert, arbeitet seit zehn Jahren als freier Publizist, macht Musik, rappt und hat das Album "Querulantenkram EP" produziert. Mit "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters" ist ihm ein grandioses Debüt gelungen.

Liebevoller Blick auf den Vater

Ohne jede Spur von Selbstgefälligkeit erzählt er von der liebevollen Bindung an seinen Vater. Zugleich schreibt er eine Emanzipationsgeschichte - und die bleibt immer auch welthaltig, egal ob es um Deutschland, die Ukraine oder Israel geht. Den Fokus richtet Kapitelman auf das "Lebensdilemma" seines nichtgläubigen, sein Jüdischsein meist verbergenden Vaters. In Kiew arbeitete Leonid Kapitelman als Mathematiker, in Leipzig verdient er den Lebensunterhalt mit dem Verkauf russischer Spezialitäten. In einem Straßencafé liest der Sohn Zeilen, die die widersprüchliche Identität des Vaters umreißen.

"Geht es ihm prächtig, lobt er sein Judenglück. Fängt er sich eine Erkältung ein, beklagt er es. Wenn er Dustin Hoffman als "Rain Man" (einer von Papas Lieblingsfilmen) brillieren sieht, vergisst er nie mit stolzem Grinsen anzumerken, dass Dustin Hoffman auch ein Jude ist", erzählt der Autor. "Mit dem religiösen Judentum hat er dagegen abgeschlossen. Traditionen befolgt er keine. Schweinefleisch isst Papa am liebsten mit Schweinefleischsoße. Allerdings soll sein Begräbnis auf einem jüdischen Friedhof stattfinden. Was genau es also für meinen nichtreligiösen Vater bedeutet, Jude zu sein, das blieb für mich bis heute unsichtbar."

Komplizierte Gemengelage

Weil Dmitrij Kapitelman keine jüdische Mutter hat, ist er gemäß den jüdischen Religionsgesetzen kein Jude. Wollte er als Jude anerkannt werden, müsste er zum Glauben übertreten. In der Sowjetunion gab die Religionszugehörigkeit des Vaters den Ausschlag. Der Junge Dmitrij war also mit dem Gefühl aufgewachsen, ein Jude zu sein, gegenüber Juden in Deutschland fühlt er sich häufig illegitim, ein "Falschjude", wie er sarkastisch schreibt.

Die Gemengelage ist kompliziert und die schwankende Haltung des Vaters potenzierte die Verwirrung des Sohnes: "Da, glaube ich, war ihm nicht klar, wie sehr er mich damit emotional vor eine Klippe stellt. Vielleicht wird ihm das jetzt bewusst, wenn er das Buch liest. Also er würde die Empathie-Olympiade wahrscheinlich nicht gewinnen."

Aufschlussreiche Israel-Reise

Dmitrij Kapitelman verpflichtete seinen Vater, mit ihm nach Israel zu reisen. Was zu hoffen war, trat ein: Der Vater wurde sichtbarer. Er bewegte sich freier, die melancholische Grundstimmung hellte sich auf. Nicht in Kiew, nicht in Leipzig, sondern in Israel konnte er dem Sohn erzählen, dass der Großvater Rabbiner war. Und Dmitrij? Von frommen Juden zu einem "Gebetsquickie" verleitet und animiert, sich eine Einwanderung ins gelobte Land auszumalen, entschied er sich dafür, ins Westjordanland nach Ramallah zu fahren. Er wollte seine diffuse Furcht vor Palästinensern loswerden.

Ernsthafte Reflexionen, krachend komische Dialoge und knappe humorvoll-spöttische Kommentare sind zu einem dichten Text geformt. "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters" zeugt auf beeindruckende Weise von beharrlich erkämpfter und wortspielerisch gewonnener Freiheit - und vom Ringen um ein jüdisches Selbstverständnis, das Ambivalenzen ausdrücklich einschließt.

Einen Auszug aus Dmitrij Kapitelmans Buch "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters" können Sie am Sonnabend den 24. September um 8.30 Uhr in der "Sonnabendstory" auf NDR Kultur hören.

Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters

von Dmitrij Kapitelman
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Literaturverlage
Bestellnummer:
978-3-446-25318-6
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.09.2016 | 12:40 Uhr

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