Eine Person hält ein Buch in die Kamera © NDR/Hondl

Buchpreis für Kim de l'Horizon: "Es ist ein Buch der Angst"

Stand: 18.10.2022 17:14 Uhr

"Blutbuch" ist ein queeres, radikales und gutes Werk, sagt ARD-Korrespondentin Kathrin Hondl. Sie hat Kim de l’Horizon besucht und über die Entstehung seines preisgekrönten Buches mit Kim gesprochen.

von Kathrin Hondl

In einer gemütlichen Altbauwohnung im Zürcher Stadtviertel Wiedikon sitzt Kim de l’Horizon bei Kerzenlicht und Tee. Der Blick vom Küchentisch geht ins Grüne und sucht nach der Blutbuche, die in Kims Roman "Blutbuch" so eine wichtige Rolle spielt.

"Blutbuch": Die Geschichte einer Familie

"Die Suche nach der Mutterblutbuche", so heißt der zentrale dritte Abschnitt des Romans. Es geht darin um die Blutbuche im Garten der Großmutter. Die "Grossmeer" heißt sie im Roman - die französische mère hat im Berner Deutsch der Familie Spuren hinterlassen. Über diese Grossmeer und die Geschichte der Familie ist die Erzählfigur des Blutbuchs auf der Suche nach sich selbst.

Elf Jahre Arbeit am Roman

Es ist eine non-binäre Person, also keinem Geschlecht zugehörig. Ein queeres Ich - wie Kim de l’Horizon. Elf Jahre dauerte die Arbeit an diesem autofiktionalen Roman - bis Kim zu einer ganz eigenen nicht-linearen Schreibweise fand. Er nennt es écriture fluide - ein flüssiges Schreiben. "Es hat solange auch gedauert, weil ich glaube, dass viele Menschen, die nicht reinpassen, gar nicht richtig ins Spüren kommen, was für sie eigentlich stimmt." Wir möchten reinpassen, wir möchten dazugehören, schildert Kim de l’Horizon. "Es ging bis zu diesem Fokuswechsel von 'Ich möchte so sein wie die normalen Menschen' bis hin zu einem 'Ich möchte bei mir sein'. Das ist nichts Statisches, sondern ein konstantes Werden", so Kim de l'Horizon.

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Transgenerationale Traumata: "Wir müssen unser Erbe anschauen"

Es ist ein mäandernder vielsprachiger Erzählfluss, in dem das schreibende Ich sich immer wieder direkt an die Grossmeer richtet und der mütterlichen Familiengeschichte bis ins 14. Jahrhundert nachspürt. "Da ging es um transgenerationale Traumata. Um Sachen, die wir mitbekommen, ohne dass wir entscheiden können, ob wir sie wollen oder nicht", so Kim de l’Horizon. "Ich glaube, damit wir werden können, was wir schon immer sind, müssen wir unser Erbe anschauen. Damit dieses Alte nicht immer so reinfuckt in die Gegenwart."

Spielerisch, lustig und sehr körperlich

Das Blutbuch von Kim de l’Horizon ist spielerisch, poetisch und an vielen Stellen auch lustig und lustvoll, inklusive ausführlicher Analsex-Passagen, in denen der fließende Textkörper sehr körperlich wird. Und immer wieder wird das Schreiben selbst reflektiert: "Wie sehen Texte aus, wenn nicht ein menschliches Meistersubjekt im Zentrum steht und die Welt begnadet ins Förmchen goethet?" , fragt die Erzählfigur im Roman-Teil über die Suche nach der Mutterblutbuche.

Und natürlich wird im Blutbuch nichts "ins Förmchen gegoethet". Denn für non-binäre Personen fehlten die Worte in Kims "Meersprache", der Muttersprache. Sehr eindringlich beschreibt das Blutbuch das Gefühl des Kindes, nur da zu sein, um Bedürfnisse und Erwartungen der anderen zu erfüllen.

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Kim de l'Horizon: "Ein Buch der Angst"

Es ist ein "Buch der Angst", sagt Kim de l’Horizon: "Die Angst, ausgelöscht zu werden, wenn das Kind selbst für sich einstehen würde. Aber auch in der Gesellschaft. Was würde passieren, wenn ich mich so zeige, wie ich bin? Und dass da auch Gewalt die Folge sein kann." Non-binäre Menschen werden viel öfter Opfer von Gewalt als andere. Zum Beispiel wenn Schlägertypen aus dem Umland vor den queeren Clubs der Zürcher Altstadt aufkreuzen, erzählt Kim de l’Horizon am Küchentisch im knallblauen Pulli mit Bart und knallrotem Lippenstift.

Sehr gute, radikale Literatur

Das Blutbuch mag ein "queeres Buch" sein, vor allem aber ist es sehr gute, radikale Literatur, und eine Aufforderung an alle, die eigene "Identität" vielleicht auch mal zu hinterfragen. "Die Ich-Werdung, die uns die Gesellschaft anerzieht ist ja die Kindheit, Pubertät, Erwachsensein. Und das ist für die meisten queeren Menschen Quatsch. Und für die anderen eigentlich auch. Wir entwickeln uns ja ständig weiter", so Kim.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 18.10.2022 | 12:52 Uhr

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