Stand: 18.08.2020 15:15 Uhr

Deutscher Buchpreis: Viele Überraschungen auf der Longlist

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020 bekannt gegeben. Die Liste umfasst 20 Romane. Damit dürfen sich ab jetzt 20 Autorinnen und Autoren Hoffnung machen, am 15. September auf die Shortlist aufzurücken und dann eventuell am 12. Oktober den mit 25.000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis für den "Besten deutschsprachigen Roman" dieses Jahres zu bekommen.

Joachim Dicks aus der NDR Kultur- Literaturredaktion, wer ist denn in der Liste vertreten? Gibt es Überraschungen?

Joachim Dicks: Ja, es gibt Überraschungen, was allerdings gar nicht so überraschend ist. Denn bei 20 Büchern, bei der die ganze Literaturwelt spekuliert, wer denn dort draufstehen könnte, ist das eigentlich immer so. Es waren einige übliche Verdächtige dabei und andere hatte man nicht unbedingt auf dem Zettel. Also ich habe einmal nachgeschaut: Die Liste, die wir in der Literaturredaktion auch schon spekulativ ins Netz gestellt hatten, darin haben wir fünf von den Titeln aus der offiziellen Longlist gefunden. Dass Ulrike Draesner nicht dabei ist mit ihrem Schwitters-Roman, hat mich ein bisschen überrascht. Dietrich zur Neddens Roman "Diesseits" hätte ich auch gerne auf der Liste gesehen. Es sind dabei: Frank Witzel. Mit "Inniger Schiffbruch" ist das eine kleine Überraschung, denn er hat nun einmal den Deutschen Buchpreis schon bekommen. Aber es soll in jedem Jahr wieder der "Beste deutschsprachige Roman" ausgezeichnet werden. Insofern sind die Vorgeschichten eigentlich auch nicht zu berücksichtigen. Robert Seethaler ist mit "Der letzte Satz" dabei. Auch ein Autor, den viele sicherlich erwartet haben. Charles Lewinsky, ein Schweizer Schriftsteller, er ist der älteste auf der Liste. Das finde ich auch ganz interessant. Er ist Jahrgang 1946, ist aber in den Wettbewerbszirkeln noch nicht so wirklich oft vorgekommen. Dann ist Dorothee Elmiger mit dabei, sie konnten viele auf dem Zettel haben. Thomas Hetche mit "Herzfahrten" ist mit dabei. Und ein paar Überraschungen will ich auch noch nennen. Das sind zum Beispiel die beiden Debütantinnen: Deniz Ohde ist mit ihrem Debüt "Streulicht", das ist im August im Suhrkamp-Verlag erschienen, nominiert und Olivia Wenzel mit "1000 Serpentinen Angst". Sie hatten wir auch auf dem Zettel.

Die Jury des Deutschen Buchrpreises 2020 © vntr.media
AUDIO: Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 steht (4 Min)

Gibt es thematisch Schwerpunkte, die Sie bereits erkennen können?

Dicks: Ich kann mich da nur ein wenig an dem orientieren, was die Jury auch bekannt gegeben hat. Also die sagen, was besonders auffällig ist in diesem Jahrgang, ist eine Neigung zum sehr realistischen Erzählen. Die Romane, die ich schon eingesehen habe, die bestätigen das. Das heißt, Autobiografisches, Biografisches wird gerne mit verarbeitet. Historische Stoffe, die dann aber auch zum Teil in Biografien mit eingebettet werden. Also das scheint so zu sein und das passt vielleicht auch ganz gut in unsere Zeit, dass wir mit der Literatur versuchen unsere Gegenwart mehr durchdringen zu lernen. Es sind auch weniger poetische Experimente, die auch mal so ins völlig Bodenlose führen können, dabei. Realismus scheint hier Trumpf zu sein.

Literatur in Corona-Zeiten unterliegt auch sehr besonderen Bedingungen. Wie wirkt sich das auf den Deutschen Buchpreis 2020 aus?

Dicks: Die Jury arbeitet sicherlich auch mehr per Ferndiagnose, sonst trifft sich so eine Jury normalerweise auch. Das ist beim Gedankenaustausch vielleicht doch noch eine andere etwas andere Geschichte. Wenn im Oktober der Deutsche Buchpreis vergeben wird, wird das auch ohne Publikum stattfinden - jedenfalls ohne viel Publikum. Das werden wir alles per Internet verfolgen können. Aber mit jeder dieser Veranstaltungen kommt auch ganz stark der Wunsch auf, dass sich das bald wieder ändern möge. Der unmittelbare Kontakt zum Publikum ist und bleibt auch für den Literaturbetrieb eine große Notwendigkeit.

Das Gespräch führte Andrea Wilke.

Liste der Nominierten für den Deutschen Buchpreis 2020

  • Helena Adler: "Die Infantin trägt den Scheitel links" (Jung und Jung, Februar 2020)
  • Birgit Birnbacher: "Ich an meiner Seite" (Paul Zsolnay, März 2020)
  • Bov Bjerg: "Serpentinen" (Claassen, Januar 2020)
  • Arno Camenisch: "Goldene Jahre" (Engeler, Mai 2020)
  • Roman Ehrlich: "Malé" (S. Fischer, September 2020)
  • Dorothee Elmiger: "Aus der Zuckerfabrik" (Carl Hanser, August 2020)
  • Valerie Fritsch: "Herzklappen von Johnson & Johnson" (Suhrkamp, Februar 2020)
  • Thomas Hettche: "Herzfaden" (Kiepenheuer & Witsch, September 2020)
  • Charles Lewinsky: "Der Halbbart" (Diogenes, August 2020)
  • Deniz Ohde:" Streulicht" (Suhrkamp, August 2020)
  • Leif Randt: "Allegro Pastell" (Kiepenheuer & Witsch, März 2020)
  • Stephan Roiss: "Triceratops" (Kremayr & Scheriau, August 2020)
  • Robert Seethaler: "Der letzte Satz" (Hanser Berlin, August 2020)
  • Eva Sichelschmidt: "Bis wieder einer weint" (Rowohlt Hundert Augen, Januar 2020)
  • Anne Weber: "Annette, ein Heldinnenepos" (Matthes & Seitz Berlin, Februar 2020)
  • Olivia Wenzel: "1000 Serpentinen Angst" (S. Fischer, März 2020)
  • Frank Witzel: "Inniger Schiffbruch" (Matthes & Seitz Berlin, Februar 2020)
  • Iris Wolff: "Die Unschärfe der Welt" (Klett-Cotta, August 2020)
  • Jens Wonneberger: "Mission Pflaumenbaum" (Müry Salzmann, Oktober 2019)
  • Christine Wunnicke: "Die Dame mit der bemalten Hand" (Berenberg, August 2020)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 18.08.2020 | 11:20 Uhr

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