Stand: 04.08.2020 06:00 Uhr

Gustav Mahler auf seiner letzten Reise

von Annemarie Stoltenberg
Cover des Buchs "Der letzte Satz" von Robert Seethaler © Hanser Berlin
Robert Seethaler lässt in seinem neuen Roman den Komponisten Gustav Mahler an Bord eines Schiffes auf sein Leben zurückblicken.

Mit seinen Büchern "Ein ganzes Leben" oder "Der Trafikant" hat Robert Seethaler schon die Herzen vieler Leserinnen und Leser erobert. Der österreichische Schauspieler, Drehbuchautor und Schriftsteller hat die große Gabe, mit einem unverwechselbaren Erzählton, der ganz einfach daherzukommen scheint, sehr komplexe Lebensläufe darzustellen. In seinem neuen Roman begleitet er den Schöpfer der vielleicht gewaltigsten Symphonien der Musikgeschichte, Gustav Mahler, auf seiner letzten Reise vor seinem Tod.

Ein Schiffsjunge kümmert sich an Bord um einen berühmten Passagier, der auf dem Deck sitzt:

(…) den Körper in eine warme Wolldecke gewickelt, saß Gustav Mahler auf dem eigens für ihn abgetrennten Teil des Sonnendecks der Amerika und wartete auf den Schiffsjungen. Das Meer lag grau und träge im Morgenlicht. Nichts war zu sehen außer dem Tang, der in schlierigen Inseln an der Oberfläche schwamm, und einem überaus merkwürdigen Schimmern am Horizont, das aber, wie ihm der Kapitän versichert hatte, absolut nichts bedeutete. Leseprobe

Der Schiffsjunge bringt Tee und möchte etwas wissen über diesen Mann, um den er sich kümmern soll und der so traurig und krank wirkt. Er fragt ihn nach der Musik und Robert Seethaler lässt Mahler antworten, dass man über Musik nicht sprechen könne, sondern sie hören müsse.

Robert Seethalers Kunst der Verdichtung

Es ist die große Kunst der Verdichtung, die Robert Seethaler wie kaum ein anderer Schriftsteller beherrscht und die diesen schmalen Roman zu einem wundervollen Meisterstück des Abschieds macht. Er verzichtet auf jedes feuilletonistische Schweifen über die Wunder von Mahlers Musik.

Er lässt ihn sich erinnern an die Zeit in Wien: die Anstrengung seiner Arbeit dort, die Versuche, Musiker zu Höchstleistungen anzuspornen, den Tod seiner Tochter, die große Entfremdung und Kälte, die sich zwischen ihm und seiner großen Liebe Alma eingeschlichen hat. Alma liegt unten in der Luxuskabine, der Schiffsjunge kommt zu Mahler auf das Sonnendeck und richtet ihm von seiner Frau aus, er solle jetzt zum Essen kommen.

"Sie sagt, wenn Sie nicht freiwillig kommen, wird sie Anordnungen erteilen." "Was für Anordnungen denn?" "Das kann ich nicht sagen. Aber, mit Verlaub, Ihre Frau scheint recht resolut zu sein." "Wie kommst du denn darauf?", fragte Mahler. "Ich weiß nicht", sagte der Junge. "Sie hat so etwas (…). Ich glaube, ich verstehe nichts von diesen Dingen." "Niemand versteht etwas von diesen Dingen (…). Leseprobe

Nicht Gustav Mahler ist die Hauptperson

Vielleicht, diesen Gedanken muss man als Leserin zulassen, ist der Schiffsjunge die wichtigste Romanfigur - nicht der übergroße Mahler. Mahler ist am Ende seines Lebens, er zieht Bilanz. Der Schiffsjunge lernt hier etwas und wird sich verändern und weiterentwickeln. Er ist in Wirklichkeit die Hauptperson. Und ein wenig auch das Meer, auf das Gustav Mahler stundenlang von seinem Deckstuhl aus blickt.

Das Meer lebt, dachte er. Man muss nur lang genug stillstehen, um es atmen zu fühlen. Leseprobe

"Der letzte Satz": Traurig und wunderschön

Mahler wundert sich, dass sich so viele Menschen in den Himmel sehnen. Das Meer ist doch voller Leben, jeder Millimeter darin. Der Himmel scheint dagegen leer. Robert Seethalers Text ist traurig und wunderschön. Man mag sich hineinlegen wie in einen Liegestuhl an Deck und in die Ferne blicken oder zurückschauend Erinnerungen sortieren. Und Matthias Brandt, der das Hörbuch spricht, hat als Vorleser einfach die ideale Stimme, um diesen Text zum Leuchten zu bringen.

Der letzte Satz

von Robert Seethaler
Seitenzahl:
128 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Das Hörbuch spricht Matthias Brandt.
Verlag:
Hanser Berlin
Bestellnummer:
978-3-446-26788-6
Preis:
19,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.08.2020 | 12:40 Uhr

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