Mary Gaitskill: "Das ist Lust" (Cover) © Verlag Blumenbar bei Aufbau

Buch der Woche: Mutige Auseinandersetzung mit der MeToo-Debatte

Stand: 13.04.2021 18:16 Uhr

Der "New Yorker" hat eine Novelle der Autorin Mary Gaitskill über den branchenweit geduldeten Machtmissbrauch eines exzentrischen Verlegers veröffentlicht. "Das ist Lust" ist jetzt auf Deutsch erschienen.

von Juliane Bergmann

Margot und Quin, beide erfolgreich in der New Yorker Verlagsbranche, kennen sich seit 20 Jahren. Bereits bei einer der ersten Begegnungen schob sie seiner forschen Anmache und Grapscherei den Riegel vor. Ihn faszinierte, wie entschieden sie ihre Grenze zog. Sie faszinierte, wie zugewandt er trotz der Zurückweisung blieb. Seitdem sind sie befreundet. Ein ungleiches Duo, das die Leserin sofort neugierig macht.

Quin glaubte, dass er Menschen nur anzuschauen brauche, um ihr Innerstes, ihr Wesen zu verstehen; er glaubte auch, dass er auf dieselbe Weise feststellen könne, was sie am liebsten hören wollen oder, besser gesagt, worauf sie am meisten anspringen. Er bildete sich einiges auf diese vermeintlich besondere Fähigkeit ein, und so nahm die Geschichte letztlich auch ihren Anfang. Leseprobe

Quin: Ein Lebemann mit besonderen Beziehungen zu den Frauen

Der Lebemann Quin, der bald heiratet und sich auf dem Papier monogam gibt, hat besondere Beziehungen zu den Frauen, die ihn beruflich und privat umgeben. Er lädt sie ein zu Partys und Mittagessen. Er tröstet sie in Beziehungs- und Lebenskrisen. Er verteilt Komplimente und ist Shoppingbegleitung. Er gibt Ratschläge für den vermeintlich richtigen Umgang mit Männern - auch mal sexueller Natur. Manche seiner Flirtereien sind subtil, andere fordert er explizit ein.

"Ich habe es gemacht, um mich lebendig zu fühlen", so erklärt er sein Verhalten später, nachdem er von einer Gruppe von Frauen angeklagt wird, er habe sich ihnen gegenüber missbräuchlich verhalten.

(Sie) hatten die Online-Petition unterzeichnet, die endlos zirkuliert war, hatten Interviews gegeben, verlangt, dass Quin entlassen werde, Entschädigungen gefordert und gedroht, alle Unternehmen zu boykottieren, die es wagten, ihn anzustellen."

Mary Gaitskill erzählt aus zwei Perspektiven

Mary Gaitskill erzählt diese MeToo-Geschichte abwechselnd aus zwei Blickwinkeln - dem des mutmaßlichen Täters und dem der langjährigen, platonischen Freundin, die um seine übergriffigen, aber auch respektvollen Seiten weiß. Quin lernen wir kennen als jemanden, der seine Koketterie und seinen Charme kultiviert hat, der behauptet, nichts gegen den Wunsch der Frauen gemacht zu haben, die ihn später beschuldigen. Allerdings - das verraten seine schwurbeligen Erklärungsversuche - ist er da nicht ganz ehrlich mit sich selbst. Manchmal entlockt einem die Figur des Teilzeit-Chauvis ein genervtes Seufzen.

"Das ist Lust": Wichtiger Konflikt - erzählt in sehr leisen Tönen

Die Geschichte packt uns, wühlt aber nicht allzu sehr auf. Das könnte man dem Buch ankreiden, aus Respekt vor dem Thema. Erfrischend aber ist der nicht allzu emotionale Fokus auf Fragen nach der richtigen Haltung. Die Leserin identifiziert sich mit Margot, die ihren alten Freund schätzt und mit seiner zwiespältigen Masche ihren Frieden gefunden hatte. Nun aber kämpft sie mit sich. Darf sie ihn weiterhin mögen, auch wenn er sich anderen Frauen gegenüber nicht korrekt verhält? Ist es okay, ihn sogar zu verteidigen, weil er auch ganz anständig sein kann? Ein äußerst interessanter - und wichtiger - Konflikt, den diese kleine Erzählung in sehr leisen, unaufdringlichen Tönen beschreibt.

Mary Gaitskill verurteilt nicht. Die komplexe Frage nach der Schuld stellt sie zurück. Stattdessen hinterfragt die Autorin Wahrnehmungen, Perspektiven, Loyalitäten. Das macht sie ausschnitthaft. Schließlich sind die Frauen, die Quin zu Fall bringen, in ihrer Perspektive ausgeklammert. Sie kommen nicht zu Wort. Dennoch sind sie - und ihr Erleben - die ganze Zeit präsent. "Das ist Lust" ist eine mutige, provokante Auseinandersetzung mit der MeToo-Debatte. Ein Thema, das so oder so noch längst nicht auserzählt ist und immer wieder frische, kluge Fragen, wie Gaitskill sie hier stellt, gebrauchen kann.

Das ist Lust

von Mary Gaitskill
Seitenzahl:
128 Seiten
Genre:
Aus dem Englischen von Daniel Schreiber
Verlag:
Blumenbar
Bestellnummer:
978-3-351-05082-5
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

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