Stand: 25.02.2019 10:00 Uhr

Die bewegende Geschichte eines jüdischen Mädchens

Das Mädchen mit dem Poesiealbum
von Bart van Es
Vorgestellt von Claudia Wallbrecht
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"Das Mädchen mit dem Poesiealbum" erzählt die Geschichte von Lien de Jong.

Lien ist acht Jahre alt, als sie von ihren Eltern zu einer Pflegefamilie geschickt wird, um sie vor den Nationalsozialisten zu verstecken. Sie ist niederländische Jüdin - eines von 4.000 jüdischen Kindern, die nach der deutschen Besatzung von ganz normalen Niederländern in ihren Familien aufgenommen und so vor der Deportation gerettet wurden. Es waren mutige Menschen, die ihr eigenes Leben riskierten, um jüdische Kinder vor dem sicheren Tod zu bewahren. Das Überleben war allerdings nicht immer nur glücklich, in Liens Fall traumatisch. Doch darüber wurde nicht geredet - jahrelang.

Das Buchcover mit einem Mädchen.

Die bewegende Geschichte eines jüdischen Mädchens

Bücherjournal -

In "Das Mädchen mit dem Poesiealbum" erzählt Bart van Es die Geschichte des jüdischen Mädchens Lien, das bei Pflegeeltern - seinen Großeltern - Unterschlupf fand. Er lüftet ein Familiengeheimnis.

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Enkel der Adoptivfamilie recherchiert die Zusammenhänge

Tatsächlich wurden Lien und ihre Geschichte aus dem Gedächtnis der Familie, die ihr neues Zuhause wurde, getilgt. Erst eine Generation später macht sich der Enkel von Liens Adoptivmutter auf, das Geheimnis zu lüften. Er sucht den Kontakt zu Lien, lässt sich alles erzählen, weckt Erinnerungen, recherchiert die historischen Zusammenhänge. Herausgekommen ist ein berührendes Buch "Das Mädchen mit dem Poesiealbum".

Um sie zu retten, gaben die Eltern ihre Tochter weg

Sehr geehrter Herr, sehr geehrte Frau,
ich kenne Sie zwar nicht, stelle Sie mir aber als den Mann und die Frau vor, die sich wie ein Vater und eine Mutter meines einzigen Kinds annehmen werden. Die Umstände bringen es mit sich, dass ich meine Tochter nicht bei mir behalten kann. Sorgen Sie für sie, als ob sie Ihr eigenes Kind wäre.
Brief der Mutter, 1942

"Es ist unglaublich, dass meine Eltern mich haben gehen lassen. Mich einer fremden Frau übergeben haben, die mich dann fortgebracht hat. Sie haben mich geliebt. Das muss schrecklich gewesen sein." Mit acht Jahren erfährt Lien de Jong, sie müsse nun eine Weile woanders wohnen. Sie weiß, es hat mit dem Judenstern zu tun, den sie neuerdings tragen muss. "Ich tauchte unter im August, und im September war mein Geburtstag, und ich bekam noch Briefe von meiner Familie und Geschenke", erinnert sie sich. "Und dann wurde es Dezember, und meinem Vater konnte ich zum Geburtstag dann nicht mal mehr Briefe schreiben. Ich wusste es nicht, aber ich ahnte, dass das nichts Gutes bedeutete."

Pflegeeltern riskieren ihr Leben

Jans und Henk van Es nehmen das fremde Mädchen aus Den Haag liebevoll auf. Sie riskieren damit ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder. "Sie redeten nicht viel. Sie waren der Meinung, Dinge müssen getan werden - nicht besprochen. Sie waren keine großen Philosophen, aber mitfühlend. Einmal weinten sie mit mir, als ich traurig war. Ich fühlte mich ihnen damals sehr nah."

In Archiven nachgeforscht

Vor ein paar Jahren fing ein Enkel der Retter an, das versteckte jüdische Mädchen von damals zu suchen. Bart van Es forschte dafür in Archiven und stellte fest, dass sein Bild vom guten Holland in der bösen Nazi-Zeit gar nicht stimmte. "Ich bin aufgewachsen mit dem nationalen Mythos vom aufrechten niederländischen Widerstand. Und dann fand ich heraus, dass die Deutschen eigentlich die gesamte Verwaltung so gelassen haben und es niederländische Polizisten waren, die die Juden gejagt und die Transporte in Durchgangslager wie Westerbork organisiert haben. Ich war schockiert, dass die Zahl der überlebenden Juden in den Niederlanden niedriger war als in jedem anderen westeuropäischen Land. Und dass hier ein Kopfgeld gezahlt wurde für jeden aufgespürten Juden."

Kopfgeldjäger suchen nach Lien

Als er Lien findet, erzählt sie ihm, dass die Kopfgeldjäger auch hinter ihr und seinen Großeltern her waren. Nach über einem Jahr klopfte es eines Abends an der Tür. "Mein Pflegevater wurde verhaftet. Zwei holländische Polizisten kamen ins Haus und haben alles durchsucht. Und ich bin durch die Hintertür geflohen", sagt sie.

Von einem Unterschlupf zum nächsten gewechselt

Henk von Es wird in ein Gefangenenlager gebracht und misshandelt. Doch er gibt das sozialistische Netzwerk, dem er angehört, nicht preis. Lien wechselt von einem Unterschlupf zum nächsten. Viele Menschen riskieren ihr Leben für sie, aber es gibt auch jene, die ihre Abhängigkeit ausnutzen, sie als Dienstmädchen schuften lassen. In einem Haus wird sie sexuell missbraucht. "Ich war wie abgeschnitten von meinen Gefühlen während dieser Zeit. Sodass ich auch den Missbrauch erlebte, als geschähe er gar nicht wirklich mir selbst", erinnert sie sich.

Enkel lüftet Familiengeheimnis

Nach dem Krieg erfährt Lien, dass ihre ganze Familie im KZ umgekommen ist. Traumatisiert kehrt sie zur Familie van Es zurück und fasst langsam wieder Fuß. Jahre später, sie ist gerade 19, wird sie ausgerechnet von ihrem Pflegevater bedrängt. Ein Vertrauensbruch, der einfach totgeschwiegen wird. "Ich wusste, da gab es noch etwas sehr Unangenehmes", sagt Bart van Es. "Einerseits Heldentum und Widerstand, aber eben auch eine Geschichte darüber, wie etwas furchtbar schieflaufen kann in einer Familie. Nicht nur die einfache Story vom Überleben."

Keine Schwarz-Weiß-Malerei

Keine Schwarz-Weiß-Malerei. Das ist das Besondere an dem Buch. Bart van Es überwindet die Scham, lüftet das Familiengeheimnis und setzt seinen mutigen Großeltern dennoch ein Denkmal. Und Lien de Jong sagt, sie ist froh, dass sie in der Geschichte, allen Verlusten, allem Schmerz zum Trotz, nie einfach nur als Opfer erscheint. "Ich habe keine Geheimnisse mehr. Es ist vorbei, ich habe das überwunden. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes: Geschichte."

Das Mädchen mit dem Poesiealbum

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Erinnerungen
Verlag:
Dumont
Bestellnummer:
978-3-8321-9856-5
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 27.02.2019 | 00:00 Uhr

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