Schwarzweiß-Fotografie des Raketenforschers und Physikers Hermann ca. 1935 in seiner Werkstatt. © picture alliance / Everett Collection | Courtesy Everett Collection

Seelenverwandtschaft zwischen Literatur und Physik

Stand: 03.12.2020 14:49 Uhr

Der Hamburger Physiker und Autor Daniel Mellem, geboren 1987, hat einen Roman über den Raketenpionier Herrmann Oberth geschrieben, der schon als Kind davon träumte, zum Mond zu fliegen.

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"Die Erfindung des Countdowns" ist Ihr erster Roman. Er hat für ein Debüt wirklich eine große Aufmerksamkeit bekommen. Hätten Sie gedacht, dass sie gleich so "durchstarten"?

Daniel Mellem: Nein, als ich angefangen habe, das Buch zu schreiben, war eigentlich der Traum, überhaupt veröffentlicht zu werden. Gerade wenn es das erste Buch ist, ist da ja eine große Unsicherheit, ob das überhaupt mal erscheint, was man da schreibt. Dass es jetzt auch auf Resonanz stößt und die Welt es zur Kenntnis nimmt und wahrnimmt, ist natürlich schön, aber auch spannend und aufregend. Man versucht natürlich irgendwie alles zu verarbeiten, diese Eindrücke, die man dann hat. Und ich freue mich auch, wenn die Zeit wieder ein bisschen ruhiger wird und ich das dann auch tun kann.

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"Die Erfindung des Countdowns" ist ein Buch über den Raketenforscher, Erfinder, eigentlich auch Tüftler Herrmann Oberth. Sie haben ja selbst auch Physik studiert, sind dann über Hermann Oberth gestolpert und haben gedacht, über den müsste man mal schreiben?

Während der Promotion bin ich auf ihn gestoßen, aber durch Zufall. Ich habe damals von dem Film "Frau im Mond" gelesen. Das ist ein Film von 1929 von Fritz Lang. Es war einer der letzten Stummfilme und auch gleichzeitig einer der ersten Science-Fiction-Filme. Und in dem Film geht es eben auch um einen Raketenstart. Und Fritz Lang war es damals ein Anliegen, dass dieser Raketenstart möglichst realistisch dargestellt würde. Und deshalb hat er sich damals einen Berater ans Set geholt, der ihm dabei helfen sollte, das so darzustellen. Das war eben jener Hermann Oberth.

Diese Geschichte um "Frau im Mond" und um Hermann Oberth fand ich unheimlich spannend, weil Hermann Oberth eben auch damals schon lange nach Geldgebern für seine Rakete gesucht hatte. Er hatte keine gefunden, und dann waren die Filmleute und Fritz Lang die ersten, die ihn dabei unterstützt haben, die ihm Geld gegeben haben. Und er sollte dann in wenigen Monaten selbst eine Rakete bauen, die dann zur Premiere des Films starten sollte. Das sollte eine Art Werberakete sein. Das an sich war so eine spannende Geschichte. Und dann habe ich mich näher mit Hermann Oberth auseinandergesetzt und stieß eben das faszinierende Leben.

Und wie sind Sie dann überhaupt erstmal auf diesen Film gestoßen, haben Sie ein Faible für Science-Fiction-Filme, Romane?

Ich bin bei der Recherche auf ihn gestoßen, aber tatsächlich habe ich ein Faible für Science-Fiction-Filme. Ich schaue zwar aller Art von Film und bin jetzt nicht jemand, der bestimmte Genre schaut. Aber wenn es ein Genre gibt, das mich besonders fasziniert, dann ist das tatsächlich Science Fiction.

Wieso wenig überraschend, weil man als Physiker sich für Science-Fiction interessiert?

Man sieht es ja auch bei Hermann Oberth, er hat Jules Verne gelesen. Ich habe in meiner Jugend gerne Star Wars geschaut und auch Star Trek. Und deswegen bin ich auch immer gespannt, wenn ich mitbekomme, dass neue Science Fiction Filme in die Kinos kommen und neugierig, was da passiert.

Wenn Sie aus dieser Perspektive "Die Frau im Mond" einordnen sollten als ein sehr frühes Werk dieses Genres. Wie würden Sie das jemandem, der es jetzt nicht gesehen hat, beschreiben?

Aus heutiger Sicht wird das, glaube ich, überlagert davon, dass es eben Stummfilm ist und dass da vieles in der Darstellung aus heutiger Sicht angestaubt wirkt. Die Darstellung der Rakete galt damals als wissenschaftlich neuester Stand. Heute weiß man: Eine Rakete startet nicht aus einem Wasserbecken, wovon man damals beispielsweise ausgegangen ist. Das, was damals ganz modern erschien, wirkt heute alt. Deswegen hat es mehr den Charakter eines historischen Dokuments, als jetzt von Science Fiction.

Fritz Lang hat Hermann Oberth damals damit gelockt, dass er ihm auch die Möglichkeiten zur Verfügung gestellt hat, selbst eine Rakete zu bauen, die dann zum Start des Films abheben sollte. Wie realistisch war es überhaupt, das Oberth das zu dem Zeitpunkt hätte hinkriegen können?

Diese Idee ist im Laufe der Dreharbeiten entstanden. Fritz Lang hat es an ihn herangetragen, er hat nicht direkt damit gelockt. Aber er hat es vorgeschlagen im Laufe der Dreharbeiten. Und Hermann Oberth war, glaube ich, so verzweifelt, dass er sich darauf eingelassen hat. Das war eigentlich nicht realistisch, dass er innerhalb von drei, vier Monaten - in dieser Zeit soll das damals geschen - eine Rakete fertig baut, weil es eben ja noch nicht passiert war. Er hatte noch nie eine Rakete gebaut und ganz vieles musste entwickelt werden. Das Raketentriebwerk, die Form der Rakete, aerodynamische Messungen mussten gemacht werden. Und das ist in drei, vier Monaten nicht möglich. Aber Hermann Oberth war so getrieben davon, dass er die endlich bauen konnte, dass er gesagt hat: Okay, darauf lasse ich mich jetzt ein.

Sie sagen, bei der Physik wollten Sie verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Treibt sie das vielleicht auch jetzt als Autor noch an, nur unter anderen Vorzeichen?

Ja, ich glaube, dass sie Physik und die Literatur da schon eine Seelenverwandtschaft haben. Ich glaube, beiden geht darum, darzustellen und zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Aber sie machen es auf ganz unterschiedliche Art und Weise. In der Physik funktioniert das über Modelle, über möglichst widerspruchsfreie Theorien, möglichst abstrakt. Und in der Literatur ist es so, dass man das am konkreten Beispiel zeigt, dass man das erlebbar macht und dass man nicht jeden Widerspruch auflöst, sondern den offenlegt und eben Fragen auch stellt.

Das Gespräch führte Katja Weise.

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Der Autor Daniel Mellem sitzt auf einem roten Ledersofa vor einer getäfelten Wand. © Bogenberger Autorenfotos Foto: Bogenberger

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 04.12.2020 | 13:00 Uhr

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