Daniel Kehlmann im Portrait © Heike Steinweg Foto: Heike Steinweg
Daniel Kehlmann im Portrait © Heike Steinweg Foto: Heike Steinweg
Daniel Kehlmann im Portrait © Heike Steinweg Foto: Heike Steinweg
AUDIO: Daniel Kehlmann seziert die Vergangenheit (54 Min)

Daniel Kehlmann seziert die Vergangenheit eines Filmemachers

Stand: 20.11.2023 08:43 Uhr

Daniel Kehlmann gräbt in der Geschichte und schreibt über den Filmemacher G. W. Pabst in seinem jüngsten Roman "Lichtspiel". Im Interview erzählt er, wie er bei der Recherche vorgegangen ist.

Der österreichische Filmregisseur Georg Wilhelm Pabst gehörte, neben Fritz Lang oder Ernst Lubitsch zu den großen Film-Regisseuren der Weimarer Republik. Was zeichnete seine Filme aus? Was war das Besondere? G. W. Pabst machte den Film zur Kunst, achtete vor allem auf den Schnitt und schuf so eine Zäsur in der Filmgeschichte: G. W. Pabst etablierte den Schritt vom zuvor expressionistisch märchenhaften Film zum sozialen Realismus.

Der 1975 in München geborene Schriftsteller Daniel Kehlmann hat mit seinen Büchern "Ich und Kaminski" oder "Die Vermessung der Welt" große internationale Erfolge gefeiert. In seinem jüngsten Roman "Lichtspiel" zeichnet Kehlmann das Leben des Filmemachers G. W. Pabst nach und spricht in "NDR Kultur à la carte" mit Katja Weise über das Entwickeln historischer Stoffe, über die Filmindustrie im Nationalsozialismus und über das Schreiben in New York und heute wieder in Berlin.

Weitere Informationen
Der Schauspieler und Sprecher Ulrich Noethen spricht Nikolaos von Damaskus in "Augustus" von John Williams © HR/Nicole Kohlhepp

Daniel Kehlmanns Roman "Lichtspiel" in "Am Morgen vorgelesen"

Schauspieler Ulrich Noethen liest bis zum 1. Dezember aus Kehlmanns fantastischen Roman über Kunst und Macht, über Schönheit und Barbarei. mehr

In Ihrem neuen Roman geht es um Georg Wilhelm Pabst, G. W. Pabst. Er war in der Weimarer Zeit und auch danach ein sehr bekannter und berühmter Filmemacher. Wie sind Sie auf G. W. Pabst gestoßen?

Daniel Kehlmann: Ich bin durch mein Interesse für die Frühgeschichte des Films, also den Stummfilm und die frühen Tonfilme auf ihn gestoßen, wo es ganz unglaublich großartige Filme gibt. Es ist für uns ein bisschen anstrengend, Stummfilme anzusehen, weil man es einfach nicht gewohnt ist, denn der Teil des Gehirns, der Sprache verarbeitet, liegt dabei brach. Man wird am Anfang sehr schnell müde beim Stummfilmschauen, aber man gewöhnt sich daran. Und dann kann man das wirklich genießen. Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, in dieser Frühzeit des deutschen Films einen Roman anzusiedeln. Darüber bin ich auf Pabst gestoßen und auf diesen ganz irritierenden, komischen Umstand, dass er aus dem Exil zurückgekommen ist, aber nicht wie andere, als es vorbei war, sondern 1939. Dann war er wieder in der Ostmark, wie Österreich damals hieß, und hat für das Propagandaministerium unter Göbbels Filme gedreht, das waren keine Nazi-Filme, also keine Propagandafilme. Künstlerisch ist ihm gar nicht so viel vorzuwerfen, wenn man diese Filme ansieht. Aber es bleibt natürlich ein ganz merkwürdiger, irritierender Vorgang. Es ist eine Geschichte, die keine Parallele hat. Ich wüsste keinen anderen Emigranten, bei dem man so eine Geschichte findet. Es ist auch bis zu einem gewissen Grad rätselhaft und dann dachte ich, das ist doch ein interessanter Roman-Stoff.

Wie recherchieren Sie? Sie haben nicht mit der Familie gesprochen, obwohl es Nachfahren gibt.

Kehlmann: Nein, mit Absicht nicht. Ich habe darüber nachgedacht, aber ich hatte mir dieses Szenario vorgestellt, dass ich mit Angehörigen spreche und wir uns gut verstehen und sie mir vielleicht auch Zugang zu Quellen, Informationen oder Immobilien geben, wo Pabst gewohnt hat. Dann ist es ein Buch geworden, das ihn nicht unbedingt als Helden im klassischen Sinne behandelt. Es ist ein Roman, in dem es auch um moralische Verfehlungen geht. Ich hatte diesen Gedanken, diese Vision, dass sich Angehörige beschweren könnten, so nach dem Motto: Kehlmann hat unser Vertrauen ausgenutzt, er hat sich in unser Vertrauen eingeschlichen und dieses Buch geschrieben, das wir nicht mögen und nicht haben wollen. Das könnte ich auch nachvollziehen. Damit es diese Situation gar nicht gibt, nehme ich diesen Kontakt nicht auf.

Wie würden Sie G. W. Pabst beschreiben?

Kehlmann: Wenn ich ihn jetzt beschreibe, gibt es immer diese unvermeidliche Unklarheit, ob ich von der Romanfigur oder von dem historischen Pabst rede. Ich spreche jetzt von meiner Romanfigur, aber ich glaube, dass das auch für den historischen Pabst gilt, was ich jetzt sage. Ich glaube, er ist jemand, der im Grunde nicht genau weiß, was er tun soll. Er ist kein entscheidungsstarker Mensch, aber er ist in seinem Bereich ungeheuer begabt und erfahren und das ist das Filmemachen, beziehungsweise das Regieführen. Das ist das Paradoxe an der Figur. Es war wahrscheinlich auch das Paradox des historischen Pabst, dass jemand, der selber entscheidungsschwach ist, einen Beruf hat, der darin besteht, Entscheidungen für andere zu treffen. Man bekommt diese merkwürdige Spaltung, die ich im Roman auch erzählerisch ausnutze, dass man ihn über lange Zeit eigentlich immer als entscheidungsschwach und ein bisschen ziellos wahrnimmt. Aber wenn man ihn wirklich bei der Arbeit erlebt, dann merkt man, dass er absolut entscheidungsstark ist und ganz genau weiß, was alle anderen tun sollen. Außerdem gibt er allen mit Weisheit, Klugheit und Erfahrung vor, wie sie sich verhalten sollen. Aber er selbst weiß nie so recht, wie er sich außerhalb der Arbeit, wenn er nicht gerade Filme dreht, verhalten sollte.

Das Gespräch führte Katja Weise.

Weitere Informationen
Daniel Kehlmann liest im Schauspielhaus aus "Lichtspiel" © Screenshot

"Der Norden liest": Kehlmann präsentiert "Lichtspiel" in Hannover

Bei der Lesung von Daniel Kehlmann im Kleinen Sendesaal des NDR in Hannover zeigt der Autor seine wahre Leidenschaft fürs Erzählen. mehr

Eine Frau mit braunen, schulterlangen Haaren und rotem Lippenstift schaut nach vorne in die Kamera und lächelt leicht. © picture alliance / dpa | Peter Endig Foto: Peter Endig

Ana Dimke erforscht die Beziehung zwischen Mensch und Tier

Die Präsidentin der HBK spricht unter anderem über ihr ungewöhnliches Forschungsfeld und darüber, was das mit Kultur zu tun hat. mehr

Christian Wulff im Portrait © picture alliance/Eibner-Pressefoto Foto: Uwe Koch/Eibner-Pressefoto

Christian Wulff: "Frieden und Demokratie sind nicht selbstverständlich"

Der ehemalige Bundespräsident spricht bei "NDR Kultur à la carte" über seine Osnabrücker Heimat und sein Verständnis von Demokratie. mehr

Kunsthistorikerin Prof. Bénédicte Savoy © Maurice Weiss Foto: Maurice Weiss

Bénédicte Savoy über Afrikas Kunst in westlichen Sammlungen

Als Expertin für Raub- und Beutekunst setzt sich Bénédicte Savoy für die Restitution von Sammlungsgut in Museen ein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 20.11.2023 | 13:00 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Romane

Ein Latte Macchiato, eine Brille und eine Kerze liegen auf einem Buch © picture alliance / Zoonar | Oleksandr Latkun

Neue Bücher 2024: Die spannendsten Neuerscheinungen

Unter anderem gibt es Neues von Dana von Suffrin, Michael Köhlmeier und Bernardine Evaristo. mehr

Logo vom NDR Kultur Podcast "eat.READ.sleep" © NDR Foto: Sinje Hasheider

eat.READ.sleep. Bücher für dich

Lieblingsbücher, Neuerscheinungen, Bestseller – wir geben Tipps und Orientierung. Außerdem: Interviews mit Büchermenschen, Fun Facts und eine literarische Vorspeise. mehr

Der Arm einer Frau bedient einen Laptop, der auf einem Tisch in einem Garten steht, während die andere Hand einen Becher hält. © picture alliance / Westend61 | Svetlana Karner

Abonnieren Sie den NDR Kultur Newsletter

NDR Kultur informiert alle Kulturinteressierten mit einem E-Mail-Newsletter über herausragende Sendungen, Veranstaltungen und die Angebote der Kulturpartner. Melden Sie sich hier an! mehr

NDR Kultur App Bewerbung

Die NDR Kultur App - kostenlos im Store!

NDR Kultur können Sie jetzt immer bei sich haben - Livestream, exklusive Gewinnspiele und der direkte Draht ins Studio mit dem Messenger. mehr

Mehr Kultur

Lehrer und Musical-Star "Mr. Kris". © Screenshot

"Mr. Kris": Tagsüber Lehrer, abends Musical-Star

Wenn Kristofer Weinstein-Storey nicht gerade seine Schulklasse in Hamburg-Altona unterrichtet, ist er auf der "Hercules"-Bühne zu finden. mehr