Stand: 07.02.2018 07:52 Uhr

Daniel Kehlmann liest in Hannover aus "Tyll"

Ein Gaukler in den Wirrungen des Dreißigjährigen Krieges. Tod und Verderben überall, und dazwischen beobachtet Tyll Ulenspiegel die Welt. Das sind die Rahmenbedingungen von Daniel Kehlmanns Roman "Tyll", der im vergangenen Oktober veröffentlicht wurde. Jetzt kam der vielfach ausgezeichnete Autor auf Einladung von NDR Kultur für eine Lesung nach Hannover.

Daniel Kehlmann im Video Interview © NDR.de

Daniel Kehlmann über seinen Tyll

NDR Kultur - Klassik à la carte -

Was für ein Typ ist der Tyll Ulenspiegel von Daniel Kehlmann? Im Video-Interview erklärt der Autor, warum seine Hauptfigur ihm rätselhaft erscheint.

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Das Publikum im vollbesetzten kleinen Sendesaal des NDR ist gebannt von diesem jungen Mann mit der Lesebrille, der nun in Hannover Station gemacht. Und dieser Daniel Kehlmann hat etwas zu sagen. 400 Jahre nach dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges scheint sein Buch "Tyll" etwas in den Lesern auszulösen. Der Grund dafür mag diesen selbst womöglich gar nicht bewusst sein, meint Kehlmann: "Die extrem starken Reaktionen auf diesen Roman lassen vermuten, dass der Dreißigjährige Krieg so starke Spuren in unserer kollektiven Psyche hinterlassen hat - falls es sowas gibt. Das könnte der Grund sein, dass Menschen so stark auf das Buch reagieren."

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In eine Welt vor der Aufklärung, voll von Glaube und Aberglaube hat Kehlmann seinen Titelhelden versetzt. In dem vorgelesenen Kapitel kommt es während einer Zeit des Wartens zu einem Dialog auf Augenhöhe zwischen dem König und seinem Narren: "Tyll?, sagte der König. - König?, sagte der Narr. - Machet etwas. - Wird Dir die Zeit lang? - Der König schwieg. - Weil er Dich so lang warten lässt, weil er Dich wie seinen Abdecker behandelt, wie seinen Friseur, wie seinen Scheißstuhlputzer, deshalb langweilst Du Dich und ich soll Dir was bieten, richtig? - Der König schwieg. - Das mach ich gern!"

Das Publikum ist ergriffen vom Schicksal des Königs

Ein König, der schon lange seine Macht in den Wirren des Krieges verloren hat, der auch nicht ansatzweise versteht, welches seine Situation nun ist. Ihm zur Seite steht am Ende nur noch der Narr. Die Menschen im Sendesaal schweigen bedrückt. Wenig später lachen sie wieder und sind dabei gleichzeitig ergriffen vom Schicksal des Königs. Dieses Teilkapitel hat der Autor ganz bewusst zum Vorlesen ausgewählt: "In dem Fall folgt man einfach einem Menschen auf einer Reise, das hat was sehr Archetypisches. Und die Reise geht sozusagen ins Herz der Finsternis oder ins Herz des Heerlagers und zurück. Und ganz zurück kommt er nicht. Also, es hat was Archaisches und darauf reagieren die Leute stark."

Von Verwirrung, Ängsten und Verzweiflung

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Mit NDR Kultur Redakteur Alexander Solloch sprach Daniel Kehlmann in Hannover über sein Buch "Tyll".

Kehlmann hinterlässt ein beeindrucktes Publikum im Sendesaal: "Ich fand es spannend, wie sich jemand in so eine Geschichte so tief reinversenken kann." Die Welt des Dreißigjährigen Krieges ist uns womöglich näher als gedacht, mit ihrer Verwirrung, ihren Ängsten und ihrer Verzweiflung. Auch das ein Grund, weshalb "Tyll" als historischer Roman die Menschen heute berührt - auch ihn selbst, sagt Kehlmann: "Wenn man historische Romane schreibt und historische Geschichten erzählt, ist das wirklich eine große Lektion darin, die Dinge nicht für zu selbstverständlich zu nehmen."

Dinge - das sind für Kehlmann, der zurzeit in den Vereinigten Staaten lebt, auch Freiheit und Frieden und in manchen Fällen auch einfach nur das Gefühl des Sattseins.

Die Lesung und das Gespräch von Daniel Kehlmann mit Redakteur Alexander Solloch sendet NDR Kultur am Sonntag, den 11. Februar ab 20 Uhr im Sonntagsstudio.

Zum Nachhören
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Klassik à la carte mit Daniel Kehlmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 07.02.2018 | 07:40 Uhr

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