Stand: 21.02.2019 10:00 Uhr

Ein Jahr voll großer Gefühle

Drei Frauen
von Dacia Maraini, aus dem Italienischen von Ingrid Ickler
Vorgestellt von Katja Lückert

Die Schriftstellerin Dacia Maraini gehört zu den wichtigsten Intellektuellen Italiens und wird seit Jahren für den Nobelpreis gehandelt. Sie hat irisch-polnische und sizilianische Vorfahren und gilt als wahre Weltbürgerin. Sie wurde 1936 in der Nähe von Florenz geboren, und verbrachte ihre frühe Kindheit in Japan - wo ihre antifaschistische Familie die Mussolini-Jahre überlebte. Nach dem Krieg wuchs Maraini in Sizilien auf, der Heimat ihrer Mutter, und ging Ende der 50-Jahre nach Rom, wo sie Alberto Moravia kennenlernte und über ihn auch Pier Paolo Pasolini, mit dem sie eine jahrzehntelange Freundschaft verband. Ihr neuester Roman trägt die Frauen gleich im Titel: "Drei Frauen".

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Seit 1962 veröffentlicht Maraini, die sich als Feministin versteht, Romane und Erzählungen. Auch in ihrem neuen Roman "Drei Frauen" dreht sich alles um Frauen.

Das Bild der Geschichte ist mit wenigen Strichen gezeichnet. Die titelgebenden drei Frauen: Großmutter Gesuina, ihre Tochter Maria und deren Tochter Lori leben unter einem Dach. Nur Maria hat eine einigermaßen stabile Beziehung zu einem Franzosen. Er heißt natürlich François und lebt in Lille. Dacia Maraini scheut da kein Klischee, ihr geht es um klare, einfache Konstellationen, die sie psychologisch geschickt ausmalt. Um die Weihnachtszeit besucht François die drei Frauen und, charmant, wie er ist, flirtet er auch mit der jungen Lori. Auf ein heimliches erotisches Abenteuer folgt eine ungewollte Schwangerschaft. Damit ist für den mit 180 Seiten recht kurzen Roman Konfliktpotential in ausreichendem Maße vorhanden.

Drei Hauptfiguren erzählen aus ihrer Perspektive

Alle drei Frauen erzählen in aufeinander folgenden Abschnitten aus ihrer jeweiligen Perspektive die fortschreitende Entwicklung der Ereignisse über den Zeitraum von einem Jahr, wie an den mit Datumsangaben überschriebenen Kapiteln ablesbar ist. Gesuina, eine ehemalige Schauspielerin und heute alles andere als eine typisch italienische Pasta kochende Mamma, diktiert ihre Gedanken in ein kleines Aufnahmegerät.

Sie findet sich mit über 60 Jahren überhaupt nicht alt und probiert ihren Sex-Appeal ständig an neuen Männern aus. Sogar mit dem Bäcker tauscht sie heimlich leidenschaftliche Küsse. Dacia Maraini charakterisiert sie so: "Die Großmutter ist eine Frau, die sich im Leben ein wenig treiben lässt. Vor allem ist sie verliebt in die Liebe, sie sucht ständig neue Liebhaber und findet sie relativ leicht, sogar im Internet. Erstaunlicherweise ist sie die am wenigstens gehemmte der drei Frauen."

Erotische Abenteuer und sehnsuchtsvolle Briefe

Von Gesuinas Warte aus ist das erotische Abenteuer ihrer Enkelin nachvollziehbar. Dass es ausgerechnet der Freund ihrer Tochter sein musste, verurteilt sie allerdings. Maria ahnt lange Zeit nichts von den sich über ihr zusammenballenden familiären Gewitterwolken. Als literarische Übersetzerin lebt sie ganz in der Welt der Bücher. Meist arbeitet sie zurückgezogen in einem der drei Zimmer, die die kleine Wohnung besitzt, oder schreibt sehnsuchtsvolle Briefe an François.

Nach den Weihnachtstagen fährt sie mit ihm für einige Wochen nach Holland, eine Reise auf den Spuren von Van Goghs. Ihre Briefe nach Hause strotzen diesmal vor kulturgeschichtlichen Details: "Für Maria ist das Papier als organisches Material bedeutsam und tatsächlich transportiert ein Brief auch andere Dinge wie etwa Gerüche. Allerdings dauert es auch länger, bis er ankommt. Ich teile nicht unbedingt ihre Einstellung zu diesem Thema, aber es ist schon wahr, dass die digitale Technik das Leben schneller macht, und manche meinen, diese Geschwindigkeit mache es auch inhumaner", erklärt die Autorin.

Schwanger und unglücklich

Lori und ihre Großmutter versuchen unterdessen, zu Hause die Stellung zu halten. Gesuina verdient mit medizinischen Hilfsdiensten in der Nachbarschaft ein wenig Geld zum knappen Budget des Haushalts hinzu. Lori weiß weiterhin nicht, wie sie ihrer Mutter die Schwangerschaft beichten soll. Sie wählt die Form des Tagebuchs. "Hier findet sich die Sprache eines jungen Mädchens", sagt Maraini. "Lori ist immer ein wenig zynisch, sie glaubt nicht an die Existenz der Liebe und hat überhaupt eher lockere Umgangsformen. Das merkt man eben auch an ihrem Ausdruck, der die Realität ihres Lebens abbildet."

François hält sich aus allem raus, auch als sich die größtmögliche Katastrophe anbahnt und Maria versucht, sich das Leben zu nehmen. Dacia Maraini braucht wenig, um extrem spannende, psychologische Beziehungssituationen aufzubauen, deren Auflösung elegant und leichtfüßig daherkommt. Das Italien der Gegenwart bleibt dabei ein wenig außen vor. Es ist eine Geschichte, die überall stattfinden könnte und in ihrer archaischen Grundkonstellation exemplarisch wirkt. Dacia Maraini schreibt an ihrem Alterswerk, dem man dies allerdings kaum anmerkt.

Drei Frauen

von
Seitenzahl:
180 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Folio
Bestellnummer:
978-3-85256-771-6
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.02.2019 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Dacia-Maraini-Drei-Frauen,dreifrauen106.html
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