Stand: 24.07.2019 12:05 Uhr

Bücherhallen: Open Library in Hamburg

von Lennart Richter

Die Hamburger Bücherhallen-Stiftung wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Fast fünf Millionen Besucher kommen jedes Jahr in die Filialen überall in der Stadt. Damit das so bleibt, gehen die Bücherhallen auch neue Wege. Mit dem Konzept der sogenannten Open Library: früher kommen, länger bleiben, Bücher weiterlesen, ausleihen oder zurückgeben, wann man will - und das ganz ohne Personal. In acht Hamburger Bücherhallen ist das mittlerweile Realität. Sie bieten den Open-Library-Service an. Alles was man dazu braucht, ist eine gültige Kundenkarte. Ein Besuch in Niendorf.

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Auch in der Bücherhalle in Finkenwerder gibt es den Open-Library-Service.

Während die Mitarbeiter der Bücherhalle im Niendorfer Tibarg Center um 19 Uhr in den Feierabend entschwinden, bleiben die Kunden einfach sitzen. Eine Lautsprecherdurchsage erlaubt es ihnen: "Sehr geehrte Kundinnen, sehr geehrte Kunden, das Team ihrer Bücherhalle verabschiedet sich nun von Ihnen. Gern können Sie ohne Personalservice in der Bücherhalle verbleiben und unser Medienangebot nutzen." Denn die Niendorfer Bücherhalle ist eine sogenannte Open Library - also eine offene Bibliothek. "Die Leute konnten es erst gar nicht glauben", erzählt Leiter Daniel Murday lächelnd. "Das fand ich ganz witzig. Es waren genau die Fragen: Wie? Ich darf allein in der Bibliothek sein? Klaut denn keiner was? Das kann doch gar nicht sein! Doch, das kann sein. Wir vertrauen ihnen. Und die Menschen nehmen das sehr positiv auf."

Vertrauen zahlt sich aus

Natürlich gab es am Anfang auch Zweifel, als der Open-Library-Service in der Niendorfer Bücherhalle 2017 eingeführt wurde. 20.000 Euro wurden in die technische Umrüstung investiert. Doch das Vertrauen in die Kundschaft wurde nicht enttäuscht. Seit der Umstellung kommen etwa zwölf Mal mehr Menschen, etwa 630, pro Monat in die Bibliothek. Die Anzahl an Diebstählen stieg nicht an. "Open ist einfach was Gutes. Öffnung. Offenheit. Das ist ein positiv belegter Begriff, meiner Meinung nach. Das ist genau das Gegenteil von schließen, sich verschließen", sagt Leiter Murday.

Frei zugänglich ist die Bibliothek in den verlängerten Öffnungszeiten nur für Mitglieder ab 18 Jahren, die über einen schuldenfreien Leih-Ausweis verfügen. Sie können selbstständig Medien ausleihen oder zurückgeben und die Computer oder den Seminarraum benutzen. Fast alles funktioniert elektronisch. Auch die Eingangstür, die man selbstständig mit der Kundenkarte öffnet.

Hat Bibliotheksleiter Daniel Murday keine Angst um seine Arbeitsstelle? "Man kann sehen, dass der Beruf des Bibliothekars immer ganz genau zusammenhängt mit der Medienentwicklung. Und da ist eine ungeheure Geschwindigkeit in der Medien- und Medieninformationsbranche", sagt er. "Oft hat man schon gedacht: Ihr seid irgendwann überflüssig. Aber wenn man sich immer wieder mitverändert, wenn man sich immer wieder neu erfindet, dann wird sich dieser Bibliothekarsberuf verändern, aber nie ganz aussterben, weil wir inzwischen ganz andere Tätigkeiten haben als noch vor 30 Jahren."

Bibliotheken werden nicht überflüssig - nur anders

Auch der Auftrag der Bücherhallen hat sich verändert. Um das bloße Ausleihen von Büchern geht es schon lange nicht mehr. Neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz stellen sie heute einen sogenannten dritten Raum für die Menschen dar. Dass die Bücherhalle nun sechs Tage in der Woche für zwölf Stunden geöffnet hat, kommt ihnen gelegen. "Es gibt es viele Aktivitäten, die Menschen in Bibliotheken machen, die auch ohne Personal funktionieren", sagt Murday. "Jemand, der hier hinkommt zum Lernen, der will vielleicht noch mehrere Stunden da sein. Wir haben aber nicht so viel Personal. Aber mit dem Open-Library-Service konnten wir einfach unsere Öffnungszeiten verdoppeln. Das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Aspekt, dass man diesen schönen Ort, der voller Wissen, Bildung und gemütlichen Ecken steckt, so lange wie möglich offen hält."

Und das Konzept kommt bei den Besuchern sehr gut an: "Ich fühle mich hier wie zu Hause. Ich finde das toll - das Vertrauen einfach", sagt ein Bibliotheksgast. Eines werden die Maschinen aus der Bücherhalle jedoch nie ersetzen können, weiß Daniel Murday: "Ich finde es schön zu hören, dass die Leute uns auch noch brauchen und auch noch möchten. Das Zwischenmenschliche, was ein Mensch kann, das kann die Open Library nicht ersetzen. Aber, schön, wenn man beides haben kann". Die Bücherhallen in den Elbvororten und in Dehnhaide sollen dem Niendorfer Beispiel folgen und als nächstes zur Open Library umgebaut werden.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal Spezial | 24.07.2019 | 20:00 Uhr

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