Stand: 23.04.2020 15:21 Uhr

"Dylans Texte haben eine literarische Dichte"

Es ist im Jahr 2016 die Überraschung der literarischen Welt: Bob Dylan erhält in diesem Jahr den Literaturnobelpreis. Kein Romancier, kein Dramatiker, ja tatsächlich niemand, von dem man auf Anhieb sagen würde, er schaffe Literatur. Dylan ist Songschreiber, Folksänger, Rockmusiker! Und doch auch nach Ansicht der Schwedischen Akademie nobelpreiswürdig. NDR Kultur Redakteur Guido Pauling hat sich viel mit Dylan beschäftigt.

NDR Kultur: Die erste Frage muss lauten: Ist ein Songschreiber literaturpreiswürdig?

Guido Pauling: Meine Antwort ist ganz klar: Ja! - Wenn man Songs als Literatur begreift. Wir reden gewöhnlich von Literatur und meinen Romane, Theaterstücke, Gedichte. Dylan schreibt Songs mit einer vielgelobten lyrischen Qualität, mit Texten in einer literarischen Dichte, einem Anspielungsreichtum, wie es vor ihm niemand in der Folk- und Popmusik und nun neben ihm kaum jemand gleichartig kann. Ob er wie Anfang der 60er-Jahre politische Texte schreibt, als Protestsänger verstanden wird, als Stimme der Gegenkultur, der die Kommunistenphobie, den Rassismus in den USA oder die Angst vor einem Atomkrieg thematisiert. Oder wie in den 70er-Jahren, als er beispielsweise auf dem Album "Blood On The Tracks" Liebeslieder - oder besser: Trennungslieder schreibt, nachdem seine Ehe kaputtgegangen ist, die textlich so perfekt verschraubt, so gut gereimt, so vieldeutig sind, wie es eben nur Lyrik, Dichtung schafft. Das ist Literatur, ganz gleich, ob sie gelesen, gesprochen oder, wie in Dylans Fall, gesungen wird.

Sara Danius von der Schwedischen Akademie hat von Homer und Sappho gesprochen und damit erklärt, dass Verse, die gesungen werden, Literatur sind. Das heißt, Dylan ist, wenn er auf der Bühne steht, auf permanenter Lesereise?

Pauling: Genau so ist es. Mich hat beeindruckt und überzeugt, was der Germanist Heinrich Detering über Dylans Kunst gesagt hat: Dylan habe den Preis nicht bloß verdient, weil er gute Verse schreibt, sondern weil er als Sänger dieser Verse eine Songtradition am Leben erhält, neu interpretiert und belebt, die so reich und so uralt ist. Das große amerikanische Songbook wird das gern genannt. Ich gebe es gern zu, ich war mittlerweile auf über zwölf Dylan-Konzerten und werde dann manchmal gefragt: Warum machst Du das? Wenn man den Mann ein-, zweimal gesehen hat, reicht das doch. Und ich sage dann: Nein! Dylans Vortrag, sein Gesang, seine Songs klingen jedes Mal anders. Er kann Zeilen zart und weich und an einem anderen Abend dieselben Zeilen wegwerfend-rotzig singen. Und das sagt etwas aus, das gibt dem Text, dem Vers einen neuen Sinn. Und genau so funktioniert die Songtradition. Wieder und wieder alte Lieder aufführen, aber durch die Art des Vortrags in einen neuen Kontext setzen.

Das Gespräch führte Raliza Nikolov.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 13.10.2016 | 14:40 Uhr

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