Stand: 07.09.2018 16:23 Uhr

Orphismus: Ein Feuerwerk der Farben

Stimme des Lichts
von Hg. Nina Schallenberg
Vorgestellt von Silke Lahmann-Lammert

Der Dichter und Sänger Orpheus gehört zu den faszinierendsten Figuren der griechischen Mythologie: Der Sage nach schenkte Apollon, der Gott der Musik, ihm eine Lyra und brachte ihm bei, das Instrument wie kein Zweiter zum Klingen zu bringen. Aber nicht nur durch sein Spiel, vor allem durch seinen Gesang betörte Orpheus Götter und Menschen. So schön klang seine Stimme, dass die Pflanzen sich ihm zuneigten und wilde Tiere friedlich zusammenkamen, um ihm zu lauschen. Selbst Felsen soll er zum Weinen gebracht haben. 

Kein Wunder, dass eine Sagengestalt mit solchen Talenten zum Ideal vieler Künstler wurde. Als der französische Dichter und Kunstkritiker Apollinaire 1912 eine neue Form des Kubismus ausrief, benannte er sie nach dem antiken Helden Orphismus. Eine Strömung, die er in ihrer reinsten Form in der Malerei von Robert Delaunay verkörpert sah. Wer sonst noch zu den Orphisten zählte, welche Ziele sie verfolgten und - vor allem - was für Bilder sie geschaffen haben, zeigt ein Buch, das jetzt im Hirmer Verlag erschienen ist.    

Delaunay, Apollinaire und der Orphismus

Bildserie von atemberaubender Modernität

1912 regt ein Foto aus einer Tageszeitung Robert Delaunay zu einer Bildserie von atemberaubender Modernität an: Die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt eine Szene aus einem Rugby-Match. Stürmer des Pariser Teams kämpfen mit Spielern aus Cardiff um den Ball. Nicht das sportliche Kräftemessen interessiert den Maler, sondern die Stimmung, die Spannung und vor allem die Bewegung: Männer, die vorm blauen Sommerhimmel in die Höhe springen und mit ausgestreckten Armen nach dem Leder greifen, drängen sich ins Blickfeld. Banderolen und Reklametafeln, der Eiffelturm, das Riesenrad und eine Doppeldeckermaschine, die über den Sportplatz donnert. Stadion und Stadt, vorn und hinten, oben und unten: Alles scheint  durcheinander zu purzeln.

"L'Équipe de Cardiff" zeigt das lebendige Paris Anfang des 20. Jahrhunderts

Bis heute verströmt das Bild, dem der Maler den Titel "L'Équipe de Cardiff" gibt, die Atmosphäre der vibrierenden Metropole. Paris - Anfang des 20. Jahrhunderts: Eine Stadt voller Leben, Farben und Geräusche. Das Gemälde steht am Anfang einer Serie mit Variationen des gleichen Motivs. In dieser Reihe drängt Delaunay Figuren und Architektur immer weiter in den Hintergrund. So, als machte er die Bühne frei für einen neuen Hauptakteur: die Farbe.

"Wenn sich das Licht ganz ausdrücken kann, wird alles farbig"

Seinen Zeitgenossen Guillaume Apollinaire versetzt die Radikalität der Rugby-Bilder in Begeisterung. 1913 schreibt der Dichter und Kunstkritiker nach einem Besuch des "Salon des Indépendants" über die dritte Version des "Équipe de Cardiff": "Das ist das modernste Bild des Salons. (…) Das ist Simultanität. (…) Das Licht wird hier in seiner ganzen Wahrheit offenbart." Tatsächlich will Delaunay die rasanten Sinneseindrücke eines modernen Großstadtmenschen wiedergeben. Ebenso gleichzeitig, ebenso "simultan", wie das menschliche Auge sie wahrnimmt. Dabei weist er dem Licht eine zentrale Rolle zu: "Wenn sich das Licht ganz ausdrücken kann, wird alles farbig. Die Malerei ist im Grunde leuchtende Sprache", so Delaunay.

Kunstband präsentiert die wichtigsten Werke Delaunays

Der neue Kunstband präsentiert die wichtigsten Werke des Künstlers. Neben den berühmten "Fensterbildern", auf denen er die Wirklichkeit in bunte Prisma-Splitter zerlegt, nehmen die Verfasser die wissenschaftlichen Grundlagen von Delaunays Malerei in den Fokus. Insbesondere den Einfluss Michel Eugène Chevreuls und seiner Theorien über die Leuchtkraft von Komplementär-Kontrasten. Schade, dass einige der Autoren sich von der komplexen Materie zu schwer verständlichen Schachtel-Sätzen verleiten lassen. Zum Glück entschädigen großformatige Abbildungen für manch erlittene Lesequal. Die schönen und hochwertigen Reproduktionen belegen anschaulich die Wirkung, die der Maler auf Künstlerkollegen im In- und Ausland hatte: Fernand Léger, Franz Marc, František Kupka oder Sonia Delaunay - sie alle hat er beflügelt, die Farbe zu feiern. Ihre Malerei mit mystischem Gesang zu vergleichen, würde uns heute wohl nicht mehr einfallen. Aber noch immer begeistert die Frische und Vitalität, mit der die Orphisten das Lebensgefühl einer Künstlergeneration festhalten: Den Aufbruch in die Moderne. Zu einer Zeit, als alles möglich schien.

Stimme des Lichts

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Malerei
Zusatzinfo:
Erste deutschsprachige Publikation zum Orphismus um Robert und Sonia Delaunay.
Verlag:
Hirmer Verlag
Bestellnummer:
ISBN 978-3-7774-2982-3
Preis:
49,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 09.09.2018 | 17:40 Uhr

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