Stand: 04.10.2019 00:01 Uhr

Bildbände über Rembrandt und seine Selbstporträts

Messen wollte sich Rembrandt Harmenszoon van Rijn mit Michelangelo, Raffael und Tizian. Ab 1632 - da war er 26 Jahre alt - signierte er nur noch mit seinem Vornamen. Kein Maler der Niederlande hatte das bis dahin gewagt. Zu Rembrandts 350. Todestag widmen nicht nur Museen wie das Rijksmuseum in Amsterdam, die Hamburger Kunsthalle oder das Wallraf-Richartz-Museum in Köln dem bedeutenden Maler und Grafiker große Ausstellungen. Auch der Buchmarkt nimmt mal den späten, mal den frühen Rembrandt, dann wieder seine Zeichnungen, auch mal seine Gemälde oder gleich sein gesamtes Schaffen in den Blick. Zwei Bildbände, die sich mit Rembrandts Selbstporträts beschäftigen, stellen wir vor.

"Rembrandt - die Selbstporträts": Zu schade fürs Regal

Sie brauchen eine sehr ruhige Hand für den Prachtband aus dem Taschen Verlag und Sie werden diesen braunen Leineneinband mit Goldprägung mindestens zehn Minuten nicht aufschlagen können, sondern immer wieder das ovale Wackelbild auf dem Einband kippen, drehen, den Blickwinkel verändern und entdecken.

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Rembrandt als Hologramm

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Bei unserem Bildschönen Buch "Rembrandt - die Selbstporträts" ist das Cover der Star. In unserem kurzen Video erfahren Sie, weshalb. Video (00:18 min)

Rembrandt als Jüngling mit makelloser Haut und üppigen Locken, dann sein bis zu den Augen verschattetes Gesicht, der Mund leicht geöffnet, wie ein Schnappschuss; bereit, mit dem Betrachter zu sprechen. Nur einige winzige Drehung des Buches später: der Blick eines Mannes in den Fünfzigern mit durchdringenden Augen; und schon wird das Porträt wieder überlagert: plötzlich ein aufgedunsener Alter. Die Gesichtshaut durchziehen tiefe Täler, auf deren Rändern sich rosa Flecken ausbreiten.

"Rembrandt - Die Selbstporträts"

Rembrandts Bilder sind keine Seelenschau

Fünfmal Rembrandt - und das allein auf dem Einband! Doch der Betrachter sollte nicht in die Falle tappen, die Selbstporträts als bebilderte Autobiografie zu verstehen. Zwar hat Rembrandt wohl häufiger als jeder andere Künstler sich selbst gemalt, gezeichnet, radiert: 80 Selbstporträts präsentiert der eindrucksvolle Bildband. Doch wer die Zeichen und Umstände seines Lebens in den Furchen seines Gesichts oder der Prächtigkeit seiner Kleidung deuten will, muss scheitern. Rembrandt liefert keine freudsche Selbstanalyse. Seine Selfies liefern keine Seelenschau.

Sein größtes Selbstporträt aus dem Jahr 1658 zeigt ihn lebensgroß und frontal, breitbeinig, triumphierend wie ein Malerfürst. In gelbe Kleidung gewandet, die aber golden strahlt.

"In Wirklichkeit erlebte er in diesem Jahr seine vielleicht größte Niederlage. Er war gezwungen, sein Haus, seine Möbel, schließlich auch seine gehegte und gepflegte Sammlung grafischer Kunst zu verkaufen", steht in dem informativen, aber kurz gehaltenen Einführungstext zum Bildband. Der setzt vollkommen auf bildliche Überwältigung, und das im positiven Sinn.

80 Bilder im Originalformat und in Ausschnitten

Jedes der 80 Selbstbildnisse ist zweifach dargestellt, im zumeist kleinen Originalformat, mitunter nicht größer als eine Briefmarke, daneben aber wird in die Zeichnungen und Gemälde hineingezoomt: Ein jeweils ganzseitiger Ausschnitt des Gesichts, der den pastosen Farbauftrag offenbart und die Betrachter sehen lässt, was man vielleicht irgendwann im Kunstunterricht schon einmal gehört hat: Rembrandt, der Erneuerer, der experimentierfreudige Meister von Licht und Schatten.

Beim Selbstporträt aus dem Jahr 1628 strahlt das Licht nur auf seinen weißen Kragen und die rechte Wange. Der Rest ist Schatten, nur mühsam erkennt man die Augen. Beim Malen seines wilden roten Haares hat er den Pinsel einfach umgedreht und mit dem Stiel die kleinen Locken herausgeschabt. Alle Mittel sind Rembrandt recht - es geht nur um die Malerei, um die Meisterschaft. Er ist lediglich das immer verfügbare Modell.

"Rembrandt - die Selbstporträts"

von Volker Manuth und Marieke de Winkel
Seitenzahl: 176 Seiten, Hardcover mit Hologramm, 25,9 x 34 cm
Genre: Bildband
Verlag: Taschen Verlag
Bestellnummer: 978-3-8365-7701-4
Preis: 50,00 €

Der Bildband "Die Selbstporträts" aus dem Taschen Verlag ist wie der Besuch eines prächtigen Museums: Das Licht, der Raum, die Umgebung - alles ist perfekt aufeinander abgestimmt; ein Zeitstrahl liefert dazu noch die Chronologie, wann welches Gemälde, welche Zeichnung entstand. Ein Buch, das zu schade für ein Regal ist, aus dem dann nur noch der Buchrücken hervorlugen würde. Es verlangt eigentlich nach geeignetem Präsentationsraum.

"Rembrand - Selbstbildnisse": Glänzende Analysen

Dagegen ist der kleinformatige Band, "Rembrandt. Selbstbildnisse" von Pascal Bonafoux aus dem Schirmer/Mosel Verlag die ideale Ergänzung für den Nachttisch: Bonafoux, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Paris, setzt nicht nur auf Optik, sondern liefert in 55 kurzen Kapiteln den pointiert vorgetragenen Hintergrund.

"Rembrandt - Selbstbildnisse"

Dieser Rembrandt, der schon in Leiden wie auch in seinen ersten zehn Jahren in Amsterdam ehrgeizig, eitel und feierlich war, wird schnell allein sein. Allein ... mit der Malerei. Nur mit dem Modell, das er für sich selbst ist, kann er sie nicht verraten.

Bonafoux erzählt aber auch von der Rembrandt-Rezeption: Etwa, wie einem Rembrandtschen Selbstbildnis durch das Louvre-Labor 1955 eine Meisterschaft der Handschrift bescheinigt wird, es aber 27 Jahre später heißt - wieder in einer Analyse des Louvre - dass der dürftige, ziemlich unausgearbeitete Hintergrund ganz sicher nicht von Rembrandt stammen kann.

"Rembrand - Selbstbildnisse"

von Pascal Bonafoux (Hrsg.)
aus dem Französischen von Matthias Wolf
Seitenzahl: 160 Seiten, 111 Farbabb. Format: 17 x 20,5 cm
Genre: Bildband
Verlag: Schirmer / Mosel
Bestellnummer: 978-3-8296-08695
Preis: 29,80 €

Eines steht gewissermaßen als Motto über Pascal Bonafouxs glänzender Analyse: Rembrandts Selbstbildnisse sind immer eines: die pure Gegenwart eines Gesichts, das Hier und Jetzt, die Aufhebung von Zeit - und damit bis in alle Zeiten modern.

Interview

Vom König zum Bettler - Der Mythos Rembrandt

Das Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle beherbergt mehr als 300 Radierungen Rembrandts, der vor 350 Jahren gestorben ist. Ein Gespräch mit dem Leiter Andreas Stolzenburg. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 06.10.2019 | 17:40 Uhr

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