Stand: 09.06.2020 10:26 Uhr

Benjamín Labatut über Irrfahrten der Wissenschaft

von Tobias Wenzel

Es kommt nicht häufig vor, dass ein Verlag sich die Weltrechte am Buch eines Schriftstellers sichert, der in einer anderen Sprache schreibt. Aber so ist es nun im Fall des Chilenen Benjamín Labatut und des Suhrkamp-Verlags passiert.

Benjamin Labatut: "Das blinde Licht" © Suhrkamp
Labatuts bizarre Geschichten erzählen von Wissenschaftlern und ihren Entdeckungen.

Das Buch erscheint neben der deutschen Übersetzung in etlichen Sprachen - und das, obwohl es sich auf den ersten Blick um alles andere als leichtverdauliche Kost handelt. Aber "Das blinde Licht" von Benjamín Labatut ist große Erzählkunst.

"Verstehen hat einen Preis, ist nicht umsonst." Diesen Satz von Benjamín Labatut versteht man erst in seiner ganzen Tragweite, wenn man das beachtliche Buch des chilenischen Autors gelesen hat.

Es besteht aus vier Geschichten, aus mit Fiktion angereicherten Essays, in deren Zentrum jeweils ein herausragender Forscher der Naturwissenschaften oder Mathematik steht. Sie entdecken Fantastisches, aus dem auch Schreckliches entsteht oder entstehen kann.

Eine Mischung aus Wahrheit und Fantasie

Die längste Geschichte handelt vor allem von Werner Heisenberg, der die Quantenmechanik begründete, aber auch für die Nationalsozialisten erforschte, ob der Bau einer Atombombe möglich ist.

Im Zentrum einer anderen Geschichte steht Fritz Haber. Ihm gelang es, aus der Luft Stickstoff als Grundlage für das Wachstum von Nutzpflanzen zu extrahieren und so entscheidend zur Ernährung der Bevölkerung beizutragen.

"Derselbe Mensch militarisierte die Chemie und machte die ersten Versuche mit Kampfgasen im Ersten Weltkrieg. Tausende sind dabei qualvoll verendet. Seine Ehefrau Clara Immerwahr, eine promovierte Chemikerin, hat ihm gesagt: 'So etwas kannst du nicht machen.' Da hat er etwas geantwortet wie: 'Der Tod ist der Tod. Es macht keinen Unterschied, wie man ihn erlangt.' Die Reaktion seiner Frau war unglaublich: Sie hat den Dienstrevolver ihres Mannes genommen, ist in den Garten gegangen und hat sich ins Herz geschossen", erzählt der Autor.

Aus einer guten Idee kann Schreckliches entstehen

Das von Haber entwickelte Zyklon B wurde in Konzentrationslagern, vor allem in Auschwitz-Birkenau, eingesetzt. Ein und derselbe Wissenschaftler trug durch seine chemische Innovation einerseits entscheidend zum Holocaust und andererseits zur Ernährung der eigenen Bevölkerung bei!

Das ist natürlich alles bekannt. Aber wohl noch nie hat man das zweischneidige Ausmaß bedeutender Wissenschaft so tief nachempfunden wie in Benjamín Labatuts atemberaubend gut geschriebenem, von Thomas Brovot tadellos übersetztem, Buch.

Gleichzeitig gelingt es dem Autor auf erstaunliche Weise, uns nicht nur die Essenz der teils hochkomplexen Ideen zu vermitteln, sondern auch die Menschen dahinter nahezubringen.

Zwischen Erleuchtung und Wahnsinn

So auch den französischen Mathematiker Alexander Grothendieck. Der bewegte sich schließlich von der Mathematik zur Esoterik, wurde zum Einsiedler und behauptete, er könne in seinen Träumen mit Gott sprechen:

"Es ist sehr schwer, eine Trennlinie zwischen Erleuchtung und Wahnsinn zu ziehen. Die Erleuchtung ist nur insofern Wahnsinn, als beide den Bereich des gesunden Menschenverstandes verlassen. Das sieht man im Leben von Erleuchteten, von Jesus, Buddha, Grothendieck. Sie machen eine Satz über das Normale hinaus und fallen in ein Terrain, in dem es keinen sicheren Ort gibt", sagt Labatut.

Hinter den Ideen stecken interessante Menschen

Mit traumwandlerischer Sicherheit führt uns der Autor durch seine Geschichten, macht erhellende Ausfallschritte und zeigt verblüffende Analogien auf - und das in einer klaren wie schönen Sprache.

Wer aber nur Schönheit in der Wissenschaft zu erkennen glaubt, den wird Benjamín Labatuts deutschsprachiges Debüt anders auf die Welt blicken lassen: "Wir neigen leider extrem dazu, uns dem Licht - oder auch dem Schönen oder dem Guten - anzunähern, ohne auch den Schatten im Blick zu haben. Jetzt, in diesen Zeiten, ist der Schatten größer als je zuvor", meint der Autor.

 "Das blinde Licht" wird sicher als eines der besten Bücher aus der Corona-Zeit in Erinnerung bleiben.

Das blinde Licht

von
Seitenzahl:
187 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42922-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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