Stand: 25.03.2018 15:00 Uhr

"Nackt über Berlin": Schräge Liebesgeschichte

Nackt über Berlin
von Axel Ranisch
Vorgestellt von Tobias Wenzel
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Mit "Nackt über Berlin" legt der Regisseur Axel Ranisch seinen Debütroman vor.

Mit "Dicke Mädchen" und "Ich fühl mich Disco", mit Filmen, die auf die Improvisationskunst der Schauspieler setzen, wurde er bekannt: der Regisseur Axel Ranisch. Er drehte aber auch schon zwei "Tatort"-Filme, führte Opernregie und ist auch noch als Schauspieler tätig. Wer Axel Ranischs Vita liest, kann gar nicht glauben, dass er erst 34 ist. Nun hat er sich auch noch als Schriftsteller ausprobiert. "Nackt über Berlin" heißt sein Debütroman.

Rachmaninow - und große Gefühle

September 2015 in Ostberlin: Die Eltern des übergewichtigen 17-jährigen Schülers Jannik sind nicht zu Hause. Da nutzt er die Gelegenheit, zu den Sinfonischen Tänzen von Rachmaninow zu masturbieren. So lässt Axel Ranisch seinen Debütroman "Nackt über Berlin" beginnen.

„Badabaaaaa!“
Das Hauptthema bohrte sich durch meinen ganzen Körper und zog mich hinein in einen Strudel aus Monsterwellen und Warpantrieb und Gletschereis und Weltuntergang.
Ich hatte nichts als theoretische Vorstellungen davon, aber so in etwa musste sich Sex anfühlen. Zeit und Raum und Lust und Dasein und Totsein strömten zu einem gewaltigen Fluss zusammen und spülten mich willenlos vor die Füße von Tai.
Leseprobe

Jannik ist Klassik- und sein vietnamesischer Mitschüler Tai Computerfreak. Tai filmt, wie der sturzbetrunkene Rektor ihrer Schule durch die Straßen torkelt, sperrt ihn in dessen eigener hochmoderner Wohnung ein und treibt ein perfides Big-Brother-Spiel. Jannik will da eigentlich nicht mitmachen. Aber er ist in Tai verliebt.

"Man verknallt sich ja manchmal in Leute, die so gar nicht sind wie man selber. Und dann ist schon die Frage: Was ist man bereit, für die Liebe mitzumachen? Ich glaube, die Angst, Leute zu verlieren und zu enttäuschen, die Jannik auszeichnet, die ist mir ureigen", sagt Axel Ranisch über sich selbst.

Melancholische Empfindungen und wunderbare Tragikomik

Rollenprosa hin oder her - wenn man die recht gewöhnliche Sprache des Romans betrachtet, die typisch für ein Gros der Unterhaltungsliteratur ist, wird schnell klar, dass Axel Ranisch kein begnadeter Literat ist. Allerdings ist er ein Autor mit äußerst originellen Einfällen, der es, wie auch in seinen improvisierten Filmen, vermag, das Kuriose mit melancholischen Empfindungen zu verweben und wunderbare Tragikomik entstehen zu lassen. Man liest diesen Debütroman, als sähe man einen Film. So wundert es nicht, dass dieses Buch aus einem zu lang geratenen Filmskript entstanden ist. Und trotzdem wünscht man sich, dass dieser Roman wiederum irgendwann einmal verfilmt wird. So bildlich stellt man sich den in seiner eigenen Wohnung gefangenen Rektor vor. Und auch die Szene, in der Janniks Vater, wie der Vater des Autors Trainer für Turmspringen, den schlanken Tai gegen seinen dicken Sohn ausspielt.

Als ich, ohne mir darüber bewusst zu sein, das dritte Stück von Mamas grandiosem Rübenkuchen mit Buttercreme auf meinen Teller schaufelte, rastete mein Vater erneut aus.
"Du frisst schon wieder wie ein Scheunendrescher!"
Für einen kurzen Moment herrschte erschrockene Stille am Tisch. Dann bat er Tai, der sich in Gefangenschaft seiner Höflichkeit nicht dagegen wehren konnte, sein T-Shirt auszuziehen, und präsentierte mir dessen makellosen Oberkörper als perfektes Vorbild.
Seiner Ansicht nach hätte Tai auch das Zeug zu einem hervorragenden Turmspringer gehabt. […]
Dann sah mich Papa herausfordernd an.
"So, jetzt zieh du mal dein T-Shirt aus!" Leseprobe

"Nackt über Berlin", Axel Ranischs schräger Debütroman, wird sicher viele Leser finden. Und es ist anzunehmen, dass es nicht bei diesem einen Buch des Klassikliebhabers und gelegentlichen Opernregisseurs bleibt:
"Ich bin blöderweise irgendwie Filmregisseur geworden. Ich bin gar nicht so ein visueller Mensch, bin eigentlich sehr auditiv. Ich habe jetzt beim Schreiben gemerkt: ist eigentlich sehr viel musikalischer", stellt Axel Ranisch fest.

Nackt über Berlin

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Ullstein
Bestellnummer:
9783961010134
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.03.2018 | 12:40 Uhr

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