Stand: 30.11.2016 14:21 Uhr

Mit Arno Schmidt durch Hamburg

Arno Schmidt: Eine Bildbiographie
von Fanny Esterházy
Vorgestellt von Benedikt Scheper
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Bärbeißig und unverwechselbar - das waren Markenzeichen von Arno Schmidt.

Der Schriftsteller Arno Schmidt wurde in Hamburg geboren, verbrachte in der Hansestadt seine Kindheit und Jugend. Am Ende seines Lebens lebte er völlig abgeschieden im niedersächsischen Bargfeld. Anhand von spannenden, teilweise bisher unveröffentlichten Fotos können Interessierte sich nun erstmals dem Leben Arno Schmidts auch visuell nähern: Nun stellten die Herausgeberin Fanny Esterházy und Autor Bernd Rauschenbach sowie Joachim Kersten und Jan Philipp Reemtsma die erste große Bildbiografie über Arno Schmidt im Literaturhaus Hamburg vor.

Eine akribische Spurensuche

"Man muss schon sehr genau hingucken, um die wenigen Spuren von Arno Schmidt in Hamburg zu finden. Durch den Zweiten Weltkrieg ist sehr viel zerstört worden. Hier gab es einen kleinen Park, in dem Arno Schmidt seine ersten Naturerlebnisse hatte, ein paar Meter weiter gab es eine Buchhandlung, wo der sechsjährige Arno Schmidt sein erstes Buch gekauft, Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde", mühsam vom wenigen Taschengeld gespart. Es gibt also wenige Spuren, man muss sie aber zu finden wissen", sagt Co-Autor Bernd Rauschenbach.

Das ist ihm gemeinsam mit der Herausgeberin Fanny Esterházy meisterlich gelungen. Ihre opulente Bildbiografie ist eine akribische Spurensuche in Werk und Vita eines der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur.

Ein Buch gemäß Schmidts Biografieentwurf

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Arno Schmidt, hier ein Bild aus dem Jahr 1955, hatte klare Vorstellungen davon, wie eine Biografie auszusehen hat.

"Die Biografie ist in entscheidendem Maße vom Ort abhängig, Großabschnitte (sollten) als Titel fast immer den Namen meines jeweiligen Aufenthaltsortes tragen, (... denn das) Leben (ja, die) Existenz (ist) in hohem Grade umwelts- und landschaftsbedingt, (die) Gliederung daher nach Orten!" notierte Arno Schmidt in einem Biografieentwurf - und die Literaturwissenschaftler folgten seiner Anweisung. Die rund 450 Seiten bieten zu sämtlichen Lebensstationen Fotos, Zeichnungen, Manuskirpte und Dokumente unterschiedlichster Couleur.

Die beeindruckende Materialfülle reicht von Arno Schmidts präziser Skizze für ein optimales Lesepult über Bilder seiner ausufernd-imposanten Zettelkästen bis hin zu Einblicken in erstaunliche Materialmappen. Schließlich konnte der eigenwillige Autor nichts wegschmeißen.

Was steckt hinter der Literatur an Leben?

Der neue Band weitet durch viele bisher unveröffentlichte Artefakte aus dem Nachlass den Blick auf den Künstler und seine Kunst, erklärt Rauschenbach, der auch der Geschäftsführende Vorstand der Arno Schmidt Stiftung ist: "Jede Bildbiografie geht davon aus, dass das Werk und das Leben miteinander verbunden sind, und diese Bildbiografie ist eine Schaltstelle, in der man in beide Richtungen schauen kann, aufs Werk und aufs Leben. Eine Bildbiografie schafft Folien, vor denen dieses literarische Werk stattfindet. Und die Geschmäcker sind verschieden, aber es gibt Menschen, die gern wissen wollen, was hinter der Literatur an Leben steckt. Das kann man in so einer Bildbiografie natürlich sehr gut sehen."

"Ein Tablett voll glitzernder snapshots"

Da im wahrsten Sinne des Wortes jeder Zentimeter von Arno Schmidts Refugium im niedersächsischen Bargfeld durch die Forschung bereits vermessen wurde, sind besonders die früheren Lebensabschnitte spannend. Historische Fotografien aus Hamburg etwa visualisieren, wie sehr Kindheit prägen kann, sagt Rauschenbach: "Arno Schmidt hat in seinem letzten fertig gestellten Roman 'Abend mit Goldrand' eine Erzählung eingefügt, in der eine der Personen des Romans seine Kindheit erzählt. Und das ist ziemlich eins zu eins, die Kindheit, die Arno Schmidt erlebt hat. Ein Klassenfoto zum Beispiel zeigt, dass die Klassenkameraden alle sehr ärmlich angezogen waren. Arno Schmidt hat immer sehr darunter gelitten, dass er keine eigene Kleidung hatte, sondern nur aus Uniformstücken seines Vater seine Mutter etwas zusammengenäht hat."

Die gelungene Zusammenstellung von Fotos, Adressen, Tagebuch- und Romanzitaten ergibt ein interessantes Kaleidoskop - ganz gemäß Arno Schmidts Ausspruch: "Mein Leben?!: ein Tablett voll glitzernder snapshots". Die Bildbiografie lädt ein, auf diesen teilweise parallel geführten biografischen und literarischen Spuren des Autors zu wandeln.

Arno Schmidt - Sein Leben

Er wird am 18. Januar 1914 in Hamburg als Sohn des Polizeibeamten Otto Schmidt und dessen Ehefrau Clara geboren. Nach dem Tod des Vaters geht die Witwe mit Arno und dessen älterer Schwester Lucie zurück nach Niederschlesien.

Nach dem Abitur in Görlitz und einer kaufmännischen Lehre wird Arno Lagerbuchhalter. Er lernt Alice Murawski kennen, 1937 heiraten beide. 1940 wird er zur Wehrmacht eingezogen und gerät nach dem Krieg kurz in britische Kriegsgefangenschaft.

Ab 1946 lebt er als freier Schriftsteller in Westdeutschland, kann davon allein aber nie leben. So übersetzt er unter anderem Werke von Poe, Cooper und Faulkner. 1958 ziehen die Eheleute Schmidt nach Bargfeld in der Lüneburger Heide, bis zuletzt ihr Wohnort. 1970 verfasst er sein Hauptwerk "Zettel’s Traum", für das er 1973 den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main erhält.

Schmidt stirbt am 3. Juni 1979 im Alter von 65 Jahren in Celle an den Folgen eines Schlaganfalls.

Arno Schmidt: Eine Bildbiographie

Seitenzahl:
460 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Suhrkamp
Preis:
68 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 29.11.2016 | 19:00 Uhr

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Informationen über Leben und Werk. Auch Teile seines Zettelkastens sind abrufbar. extern

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