Friedrich Dürrenmatts Gemälde "Die Welt der Atlasse" © Friedrich Dürrenmatt / Centre Dürrenmatt Neuchâtel / Schweizerische Eidgenossenschaft

Apokalypsen mit feinem Pinselstrich - Dürrenmatt als Maler

Stand: 08.09.2021 12:07 Uhr

Der Bildband "Wege und Umwege mit Friedrich Dürrenmatt" stellt den Schriftsteller als Maler und Zeichner vor.

von Guido Pauling

Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt dürfte den meisten ein Begriff sein. Der Maler und Zeichner Dürrenmatt ist dagegen vergleichsweise unbekannt. Dabei waren Malen, Zeichnen und Schreiben für diesen genialen Kopf gleichermaßen wichtig, um die Themen zu bewältigen, die ihn sein Leben lang beschäftigten.

Doch während er regelmäßig Bücher veröffentlichte, behielt er seine weit über tausend Bilder für sich, stellte sie so gut wie nie aus und verkaufte kein einziges Gemälde. Drei neue Bildbände sollen dieses Dürrenmatt-Bild in nächster Zeit korrigieren. Sie stellen den Maler und Zeichner vor und erforschen zugleich, wie sich Dürrenmatts Malerei und Literatur gegenseitig beeinflusst haben.

Die Welt der Atlasse

Plumpe, grobschlächtige Kerle, ein Dutzend und mehr, tragen, schultern, stemmen, wuchten, heben grüne Kugeln, fast Glasmurmeln. Oder nein: Erdkugeln! "Die Welt der Atlasse" heißt das Gemälde - zwei Meter breit im Original, immerhin eine Doppelseite im Buch ausfüllend. Friedrich Dürrenmatt nannte es eines seiner "Lieblingsbilder", jahrelang war er damit beschäftigt. "Ich heftete zwei Blätter meines für Gouachen bevorzugten Formats 100x71 nebeneinander an die Wand meines Ateliers. Ich wollte eine flüchtige Skizze machen. Das war 1965. Seitdem arbeite ich an diesem Bild", schrieb er 1978 - dreizehn Jahre später!

Das Bild ist überfüllt mit kleinen Menschlein, winzigen Gestalten, die sich regen, bewegen, zappeln, durcheinanderwimmeln, während die gigantischen Atlasse zwischen diesen Winzlingen unter der Last der grünen Weltkugeln keuchen. Braun- und Grüntöne dominieren, dazu die fleischfarbenen Körper der vielfach multiplizierten Figur des Atlas, der in der griechischen Mythologie das Himmelsgewölbe tragen muss.

Grotesk und fein zugleich

Ein typischer Dürrenmatt also: Abweichend vom Mythos, schafft er sein eigenes Bild. Grotesk im Gesamteindruck, dabei doch mit feinstem Pinselstrich gemalt - wie seine Theaterstücke, Erzählungen, Romane grotesk und zugleich fein geschrieben sind.

"Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen. Ich war immer ein Zeichner." So sinnierte Dürrenmatt über sich selbst und sein Werk. Längst ein weltweit gefeierter Bühnenautor, war er Ende der 70er auch schon wieder von der Kritik verrissen worden und schrieb nun Prosatexte, in denen er über sein Schreiben und sein Denken nachdachte, über seine "Stoffe", die ihn nicht losließen.

Gezeichnete Theaterszenen

Das zeigt sich auch in Gemälden und Zeichnungen. Atlas, Sisyphos, Minotaurus, diese mythischen Helden und Antihelden gestaltet Dürrenmatt in beeindruckender künstlerischer Vielfalt: Mit Filzstift und Tusche, als Aquarell oder in Öl, er nutzt Tempera und Tinte, Gouache und Bleistift, Linolschnitt und Lithografie, Kohle und Kuli.

Sorgsam arbeitet der Band bestimmte Bildthemen heraus, die wiederkehrend durch die Jahrzehnte auftauchen: Kreuzigungen und das Kreuz überhaupt zeigen Dürrenmatts inneres Ringen mit christlichem Gedankengut. Ganze Theaterszenen hat sich der Autor vor Augen gestellt, indem er sie malte oder zeichnete: "Die Wiedertäufer", "Die Physiker" und der kriminelle Bankier "Frank V." tauchen auf zahlreichen Blättern auf, werden von ihrem Schöpfer in unterschiedliche Szenerien gesetzt, verfremdet, weiterentwickelt. Die Figuren beherrschen sein Denken; indem er sie malt oder zeichnet, sucht er sie in den Griff zu bekommen.

Weltuntergänge, Apokalypsen, Katastrophen

Dazu liefern Experten in verschiedenen Aufsätzen den Lesern gute Erklärungsansätze. Die Bilder entfalten jedoch ihre Wirkung, auch ohne dass ein Betrachter Hintergrundwissen zu einzelnen Theaterstücken haben muss. Weltuntergänge, Apokalypsen, Katastrophen durchziehen Dürrenmatts Literatur wie Gemälde. Sonnensysteme explodieren, schwarze Löcher verschlucken ganze Welten. Im Bild "Unheilvoller Meteor" rast eine schwarze, brüchige Kugel aus einem finster-grün-braunen All auf eine gebirgige Erde zu, zahllose rote Ratten rennen panisch davon.

In der quietschbunten Collage "Die Physiker II (Weltraumpsalm)" von 1973 thematisiert Dürrenmatt menschliche Hybris. In einem diagonal das Bild durchziehenden rot-weißen Energiestrahl saust ein Mensch in einer Raumkapsel zwischen Planeten, Kometen und Raketen in die Ferne, umgeben von purzelnden und stürzenden Wesen: Einer Hyäne, einem Gorilla, abgetrennten Gliedmaßen, Papierschnipseln und vielem mehr. Planetarisches Chaos, verursacht von einer Menschheit, die zum Mond fliegt, weil das leichter ist als "mit anderen Rassen friedlich zusammenzuleben".

Am Ende ist Dürrenmatts Bild-Werk wohl nicht ebenso genial wie sein literarisches Schaffen. Aber faszinierend ist es allemal und damit wert, entdeckt zu werden als eine für ihn eminent wichtige Ausdrucksform: "Ich male aus dem gleichen Grund, wie ich schreibe: weil ich denke."

Weitere Informationen

Centre Dürrenmatt Neuchâtel

Das Centre Dürrenmatt hat den Zweck, das Bildwerk von Friedrich Dürrenmatt zu sammeln, zu erhalten und bekannt zu machen. extern

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von Madeleine  Betschart & Pierre Bühler (Herausgeber)
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Fester Einband / Halbleinen, 22 x 27 cm
Verlag:
Steidl Verlag
Bestellnummer:
978-3-95829-776-0
Preis:
65,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 12.09.2021 | 17:40 Uhr

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