Stand: 16.01.2020 10:40 Uhr

Annette Kolbs Briefe an Schriftstellerinnen und Schriftsteller

von Juliane Bergmann

Kurt Tucholsky war ihr "Tucho", Thomas Mann nannte sie liebevoll "Thommy". Die Schriftstellerin Annette Kolb, 1870 in München geboren, lebte und schrieb abwechselnd in Deutschland und Frankreich. Während der Weltkriege kehrte sie - als beherzte Pazifistin - ihrem Geburtsland jedoch konsequent den Rücken.

Annette Kolb: "Ich hätte dir noch so viel zu erzählen" (Buchcover) © S. Fischer Verlag
Annette Kolb war eine intelligente Frau, die konsequent für den Frieden eintrat.

Befreundet war Annette Kolb mit den großen Köpfen der Literaturgeschichte zwischen 1900 und 1970: darunter Hermann Hesse, Gerhard Hauptmann und Rainer Maria Rilke. Jetzt sind ihre Briefe erschienen: "Ich hätte dir noch so viel zu erzählen".

 

Wie liebenswert doch so Menschen sind, die zweifeln. Vor allem an sich selbst:

"Ich schrieb Ihnen eben einen so saudummen Brief, dass es nicht zum aushalten war, und ich ihn wieder zerriss." Leseprobe

Eine mutige und kluge Frau

Man kann Annette Kolb eigentlich nur wunderbar lässig und uneitel finden, in diesen Zeilen 1909 in einem Brief an Alfred Walter Heymel, ihren Freund und Schriftstellerkollegen. Die bis dahin als Übersetzerin bekannte Kolb hatte gerade ihren Dialog "Der Schatten" in einer Literatur-Zeitschrift veröffentlicht, Heymel muss ihn gemocht haben. Sie bildet sich nichts drauf ein.

"Wenn man volle 2 Jahre (oder mehr) an einer derartig jämmerlich kurzen Sache laborierte, so verliert man alle Fühlung zu ihr - ist aber umso abhängiger vom Urteil der anderen! Wenn nur einer durch seine Grobkörnigkeit mich nicht verletzt! und verletzbar bin ich leider bis zur Stupidität." Leseprobe

Wir lernen die private Seite einer klugen Frau kennen, die sich von Anfang an stark gemacht hat für die deutsch-französische Verständigung, für Frieden in Europa. Nicht nur öffentlich, sondern auch in diesen Korrespondenzen zeigt sie sich beeindruckend angstfrei, auch zornig. Ihre Sprache ist aufrichtig emotional. Eben wie unter Freunden. Wieder an Heymel:

"Tausendmal lieber wäre ich tot, als diesen vermeidlichen Krieg erleben zu müssen." Leseprobe

Die Pazifistin Kolb geht ins Exil

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, hat Annette Kolb gerade für ihren ersten Roman Das Exemplar" den Fontane-Preis erhalten. 1915 ein Vortrag in Dresden: Kolb spricht sich aus für Pazifismus und europäische Völkerverständigung. Man beschimpft sie als Landesverräterin, erteilt ihr Brief- und Reisesperre. Sie versteht die Welt nicht mehr, geht ins Exil in die Schweiz.

"Mein liebes Alfrederl, es ist so schwer, keine wilden Briefe zu schreiben, wenn man innerlich so durchwühlt von Wildheit ist." Leseprobe

Anfang der 20er-Jahre zieht Annette Kolb nach Badenweiler, schreibt fleißig Bücher - und Briefe. Als eine der ersten Leserinnen gibt sie Hermann Hesse Feedback zu den Figuren im "Steppenwolf" und Thomas Mann zur Dramaturgie im "Zauberberg". Erika Mann schlägt sie vor, selbst zu schreiben.

Die Antworten der Adressaten lassen sich nur erahnen

Zugegeben: Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Einseitigkeit dieser schriftlichen Gespräche. Zu lesen gibt es nur die Briefe von Annette Kolb. Die Antwort können wir maximal erahnen. Das hat was von Dachboden-Funden. Aber ist auch schön irgendwie.

Kolbs engster Vertrauter ist René Schickele, ihr langjähriger Nachbar. Der, wie sie, mit seiner Weltoffenheit stets aneckt und den nahenden Zweiten Weltkrieg bereits spürt. Zwei Schläge auf einmal: Bei den Wahlen 1932 legt die NSDAP massiv an Stimmen zu - und Kolb erfährt, dass Schickele wegzieht:

"Ich bin so erschlagen von den Wahlen, habe dich in meiner Trostlosigkeit wie einen Leuchtturm gesucht und wusste nicht einmal, wo du standest. Das ist das erste Mal seit so viel Jahren. Du glaubst nicht, von was für Seiten mir alles zukam, dass du von Badenweiler wegziehen willst. Ich begreife es ja vollkommen, aber bedenke den Stoß, es auf solche Weise mitgeteilt zu erhalten. Ich seh kein Gehen und kein Bleiben mehr." Leseprobe

Aus Protest emigriert die Dichterin nach Frankreich

Während des Krieges emigriert Kolb dann nach Paris, wird französische Staatsbürgerin.

"Noch ist die Zeit nicht gekommen, da die Dichter die Welt regieren, sie, die allein dazu in der Lage sind." Leseprobe

Die Briefe sind vieles gleichzeitig: Sie porträtieren sehr sinnlich ihre sympathische Verfasserin, ganz nebenbei auch den harten und unsicheren Schriftstellerberuf mit finanziellen Engpässen und elenden Honorar-Verhandlungen.

"Mein Leben hier ist so ausgetüffelt, dass ich mir manchmal vorkomme wie ein Finanzgenie." Leseprobe

Wohl aber das Wichtigste - von dem wir in Tagen wie diesen immer wieder lesen sollten: Es sind historische Dokumente eines dramatischen Jahrhunderts, das die Menschen innerlich durchwühlte, aufrieb, zerriss. Selbst die Mutigsten.

"Ich lach so gern und lache nie." Leseprobe

Ich hätte dir noch so viel zu erzählen

von Annette Kolb, herausgegeben von Cornelia Michél und Albert M. Debrunner
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-103-97422-5
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.01.2020 | 12:40 Uhr

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