Stand: 26.02.2020 16:57 Uhr

Das Leben der Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir

von Lisa Kreißler

Den Dialog zwischen der deutschen und der französischen Sprache betreibt wohl kaum jemand so intensiv wie die Schriftstellerin Anne Weber. 1964 in Offenbach geboren, zog es sie schon in den frühen 80er-Jahren zum Studieren nach Paris, wo sie seither lebt. Anne Weber übersetzte nicht nur französische Romane ins Deutsche, sondern brachte auch deutsche Autoren wie Wilhelm Genazino und Sibylle Lewitscharoff dem französischen Publikum nahe.

Anne Weber: "Annette, ein Heldinnenepos" (Buchcover) © Matthes & Seitz
Zeit ihres Lebens kämpft die 1923 geborene Anne Beaumanoir für Freiheit und Demokratie.

Seit 1999 schreibt sie eigene Texte. Ihre Romane wie "Tal der Herrlichkeiten" oder "Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch" arbeiten sich formbewusst an den Fragen nach Herkunft und Handlungsmotivation des Menschen ab. Ihr jetzt bei Matthes und Seitz erscheinender Roman "Annette, ein Heldinnenepos" widmet sich der Biografie der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir.

Im Laufe der Lektüre von "Annette, ein Heldinnenepos" hat man immer wieder das Gefühl, gerade eine neue Freundin kennenzulernen. Eine schlaue, witzige Person, mit der man in Zukunft lange Spaziergänge unternehmen möchte, Schnaps trinken und ihr die dunkelsten Geheimnisse anvertrauen. Diese Freundin ist nicht die Heldin des Romans, Annette Beaumanoir, sondern die Erzählerin.

Eine Biografie wie ein Epos aus der Gegenwart

Die Wahrheit ist, dass wir die Wahrheit gar nicht kennen, aber Grund haben zu denken, dass sie einige Widersprüche und mindestens zwei Fassungen umschließt. Leseprobe

Ihre Fassung der Wahrheit über das Leben der Widerstandskämpferin Annette übermittelt uns die Erzählerin nicht wie im Märchen, sondern als Epos der Gegenwart. Beweglich, intuitiv und voller Lust, alle Gewissheiten im nächsten Satz wieder in Frage zu stellen, baut sich hier, Vers für Vers, das Bild einer Frau auf, die ihr eigenes Leben der Idee der Demokratie unterstellt hat.

Annette wird Anfang der 20er-Jahre in eine einfache Arbeiterfamilie in der Bretagne hineingeboren. Sie schafft den Sprung ins Bildungsmilieu mit dem gleichen befremdenden Gefühl, nicht dazu zu gehören, wie es uns Didier Eribon anschaulich gemacht hat. Die offizielle biografische Bezeichnung lautet: Medizinstudentin, die verdeckte: Mitglied der Résistance.

Zwei jüdische Mädchen können überleben

Zunächst unterstützt Annette die Widerstandskämpfer mit kleinen Botengängen, schnell aber brennt sie für eine brisantere Tat. Sie will eine jüdische Familie, Vater, Mutter und drei Kinder, vor den Deutschen verstecken.

Er fragt sich wohl, wer dieses fremde Mädchen sei, das aus dem Nichts und ohne Grund oder nur aus dem einen, dass sie ein Mensch ist und sie auch Menschen sind, sie alle retten will. Leseprobe

Annette schafft es, die zwei älteren Kinder vor der Deportation zu bewahren. Die Eltern und ihr Baby überleben nicht. 1944 nimmt der Terror der Nazis in Frankreich ein Ende. Vorerst herrscht ein Gefühl der Erlösung, aber lange währt es nicht. Schnell wird Annette klar, dass in dem euphorischen Chaos nach der Befreiung sich das Böse längst neu zu formulieren beginnt.

Nach Kriegsende hört Beaumanoir nicht auf, sich zu engagieren

Trotzdem: kurzes Aufatmen. Annette heiratet den wohlhabenden Joseph, bekommt zwei Kinder und geht ihrer Arbeit als Neurologin nach. Ein gutes Leben. Aber da ruft schon ein anderes Land nach Befreiung. In Algerien werden die Auseinandersetzungen mit dem Besatzer Frankreich immer gewaltvoller. Annette begibt sich ein zweites Mal auf große Heldinnenfahrt in den Untergrund.

Warum sollte man unter Franzosen bleiben, wenn man den kämpfenden Algeriern helfen will? Sie lässt sich anwerben von einem Mann vom FLN und wird beauftragt, einem Verantwortlichen der Region Südfrankreich oder Wilaya Süd, dessen Deckname Georges ist - statt Mohamed, wie sie später erst erfährt -, als rechte Hand oder Kurier zu dienen, eine Funktion, die sie aus der Résistance schon kennt. Leseprobe

Festnahme und Verurteilung

Sie hat gerade bemerkt, dass sie schwanger ist, da nimmt die französische Polizei sie fest. Zehn Jahre Haft drohen ihr, und zu Hilfe kommt ihr in dieser Lage ihre Weiblichkeit. Nicht im Sinne der sexuellen Unterwerfung, sondern im Sinne der Schöpferin.

Das feministische Projekt des Romans steht gleichberechtigt neben der Frage, wie der Aufbau einer Demokratie in Zeiten des Krieges gelingen kann. Anne Weber ist eine viel zu intelligente Erzählerin, als dass sie in den Chor der von der #MeToo-Debatte etablierten Schlachtrufe miteinstimmen würde. Es geht ihr um die Heldentaten ihrer Namensvetterin Anne Beaumanoir.

Das Neue an ihrer Geschichte ist, dass sie eine Kraft auslotet, die bisher in den großen Strophen der Geschichte kaum angeklungen ist. Annette schöpft ihre Kraft aus ihrer Naivität. Sie glaubt daran, dass ein gutes und gerechtes Zusammenleben möglich ist. Ein Traum, der gerade jetzt von uns allen in die Tat umgesetzt werden sollte.

Weitere Informationen
Anne Weber © picture alliance/Arne Dedert/dpa Foto: Arne Dedert

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Annette, ein Heldinnenepos

von Anne Weber
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Matthes & Seitz
Bestellnummer:
978-3-95757-845-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.02.2020 | 12:40 Uhr

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