Anne Stern: "Meine Freundin Lotte" © Kindler Verlag bei Rowohlt

Anne Stern: "Meine Freundin Lotte"

Stand: 26.09.2021 12:40 Uhr

Autorin Anne Stern ist fasziniert von den 1920er-Jahren. Schon ihre Reihe "Fräulein Gold" um die Hebamme Hulda, die immer wieder in Kriminalfälle verstrickt wird, spielt in Berlin Anfang der 20er-Jahre.

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von Katharina Mahrenholtz

Auch ihr neuer Roman "Meine Freundin Lotte" nimmt dort seinen Anfang. Romanfigur Lotte Laserstein gehört zu den vielen Künstlerinnen, die zur falschen Zeit fast berühmt wurden. 1921 bis 1927 studiert sie an der Hochschule für bildende Künste in Berlin und bekommt danach viel Anerkennung für ihre Bilder im realistischen Stil, hat sogar eine Einzelausstellung in der Galerie Gurlitt.

Doch Lotte Laserstein ist Jüdin. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten darf sie weder ausstellen noch unterrichten. Sie flieht nach Schweden und kann nie wieder an ihren Erfolg anknüpfen.

Die Roman-Idee entsteht bei einem Museumsbesuch

Anne Stern ist durch Zufall auf die Malerin aufmerksam geworden: Eine Nachbarin hatte ihr einen Ausstellungskatalog geliehen. Sie sagt: "Mein Glück war, dass die Ausstellung noch lief und ich mir ganz viele Werke ansehen konnte. Da war ich gleich sehr begeistert und habe mir vor allem die Porträts von ihrem Modell Traute Rose gesehen. Dann habe ich begonnen, mich für diese beiden Frauen zu interessieren."

Sie hatte ein längliches Gesicht, schmal, aber ausdrucksstark, und die vollkommensten rot geschminkten Lippen, die ich je gesehen hatte. Leseprobe

Lotte Laserstein begegnet ihrer zukünftigen Muse zum ersten Mal in einer Suppenküche.

Was mich am meisten faszinierte, waren ihre Bewegungen, die vollkommende Balance, in der alle Glieder ihres Körpers miteinander in Verbindung standen, die fließenden Gesten beim Schöpfen und Weiterreichen der Suppe, die Harmonie ihres Ausdrucks beim Lachen und Senken des Kinns. Leseprobe

Lotte spricht die Unbekannte an und fällt gleich mit der Tür ins Haus: Ob sie ihr Modell sitzen würde? Traute sagt zu. Es ist der Beginn einer besonderen Freundschaft. Die fordernde, rastlose Lotte findet bei Traute den Ruhepol, den sie dringend braucht.

Traute kam immer morgens und setzte sich vor die hohen Fenster oben im Atelier am Steinplatz. Ich kochte uns Kaffee und dann malte ich bis zum Mittagessen. Es waren wiederkehrende Rituale und meine Zufriedenheit, den Schaffensprozess mit jemandem teilen zu können, grenzte an Seligkeit. Leseprobe

Sorgfältige Recherchen für eine fiktive Geschichte

Anne Stern hat für diesen Roman lange recherchiert. Über Traute Rose ist wenig bekannt. Sie hat eine Ausbildung als Fotografin gemacht, früh geheiratet und vieles ausprobiert. Von Lotte Laserstein hingegen ist ein Nachlass in der Berlinischen Galerie erhalten. Hier konnte Anne Stern alte Briefe lesen, Fotoalben betrachten und viele Informationen zusammentragen.

"Ich wollte aber keine Biografie schreiben, sondern einen fiktiven Roman. Das heißt, aus diesen ganzen Fakten und auch Originalzitaten von ihr habe ich dann diese beiden fiktiven Stimmen erfunden und einen Roman gemacht, in dem sich die beiden unterhalten - und davon ist dann viel von mir ausgedacht", erklärt die Autorin.

Anne Stern schreibt abwechselnd aus Lottes und aus Trautes Perspektive und sie verwebt geschickt die Vergangenheit mit der Gegenwart. Das Buch setzt ein im Jahr 1961, in Schweden, wo Lotte seit ihrer Emigration lebt und versucht, wieder als Malerin Fuß zu fassen. Traute besucht sie dort.

Ein literarisches Denkmal für zwei besondere Frauen

Ihre Freundschaft hat Risse bekommen, Vorwürfe stehen im Raum und werden doch nicht ausgesprochen. Daraus ergibt sich von Anfang an eine Spannung: Was ist wirklich passiert, als die Nationalsozialisten Lotte das Berufsverbot aussprachen?

Vor allem aber geht es um Künstlerinnen in den 20er- und 30er-Jahren, die belächelt wurden, immer kämpfen mussten und deren Schicksal von so vielen Dingen abhing, die sie selbst gar nicht in der Hand hatten. Anne Stern hat für beide Frauen eine eigene Stimme gefunden und ihnen ein literarisches Denkmal gesetzt.

Meine Freundin Lotte

von Anne Stern
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kindler Verlag bei Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-463-00026-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.09.2021 | 12:40 Uhr

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