Stand: 23.02.2017 17:50 Uhr

Welcher Typ verkauft Zwangsjacken?

Von allen guten Geistern
von Andreas  Kollender
Vorgestellt von Jürgen Deppe

Das Oeuvre des in Duisburg geborenen, seit Jahrzehnten aber in Hamburg lebenden Autors Andreas Kollender ist überschaubar. Und das, obwohl er schon seit mehr als anderthalb Jahrzehnten historische Romane veröffentlicht. Sein letzter - "Kolbe" - war ein Riesenerfolg und wird derzeit für den amerikanischen Markt auf Englisch übersetzt. Jetzt ist mit "Von allen guten Geistern" gerade ein neuer Roman des Autos erschienen. Und der belegt einmal mehr: Gut Ding will Weile haben.

Hamburg-Chroniken als Inspiration

"Im Sommer 1864 verkaufte ein Mann Zwangsjacken. Es war heiß auf dem Marktplatz am Heiligengeistfeld vor den Toren Hamburgs. Die Menschen bestaunten seine seltsame Ware. Der Mann kam aus der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg. Er war kein Patient. Er war der Leiter." Buchzitat

Am Abend hat er seine "seltsame Ware" restlos verkauft. Seiner Angebeteten, der Schauspielerin Fanny Nielsen, wird er sagen, er habe den Zwang verkauft. Ihr gefällt dieser Satz. – Er stammt von Andreas Kollender. Die Figur selbst stammt nicht von ihm.  

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Historische Stoffe sind die Spezialität des 1964 in Duisburg geborenen Autors Andreas Kollender.

"Ich bin ja Wahl-Hamburger, sehr gerne Wahl-Hamburger", erzählt der Schriftsteller. "Und weil ich diese Stadt so mag, blättere ich manchmal alte Chroniken durch, gucke in alte Hamburg-Bücher, lese hier und da mal was. Bei einer solchen Aktion bin ich auf einen Zeitungsartikel aus dem Sommer 1864 gestoßen, wo stand, dass Ludwig Meyer - Leiter der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg - auf dem Heiligengeistfeld bei dem großen Markt Zwangsjacken verkauft hat. Da habe ich mich gefragt: Was ist das für ein Typ, der Zwangsjacken verkauft? Und was sind das für Menschen, die diese Jacken kaufen? Und von dieser Szene ausgehend habe ich angefangen, den Roman zu schreiben."

Die erste Anstalt ohne Gitter

Einen Roman, wohlgemerkt, keine Biografie. Genau darin liegt die Stärke dieses Buches. Denn Kollender nimmt sich die künstlerische Freiheit, die historisch verbriefte Figur Ludwig Meyer, den Gründer der "Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg", zum Leben zu erwecken. Diesen Hamburger Kaufmannssohn in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der mit strenger Hand zum Nachfolger seines Vaters erzogen wird. Doch Ludwig schert aus. Er interessiert sich eher für die Psyche des Menschen und deren Erkrankungen. Das umso mehr, als seine eigene Mutter seelisch erkrankt und - wie im 19. Jahrhundert üblich - aus der Öffentlichkeit entfernt wird.

"Die sind weggesperrt worden im Krankenhaus in St. Georg, in irgendwelche schimmligen Keller. Und eigentlich hat sich kein Mensch um die gekümmert. Der Erste, der da mal richtig zugepackt hat, war jener Ludwig Meyer, der eine Zeit lang die Stelle im St. Georg übernommen hat, und von dort aus Gelder gesammelt und für Sponsoren gesorgt hat, um in Friedrichsberg - da, wo heute die 'Schön-Klinik Eilbek' ist - diese Anstalt zu bauen", erklärt Kollender. Es war die erste Anstalt ohne Gitter und mit genügend Freizeitangeboten für die Patienten.

Ein Revoluzzer, aber kein Held

Man könnte Ludwig Meyer dafür zum erfolgreichen Sozial-Revoluzzer stilisieren, Andreas Kollender widersteht dieser Versuchung. Und zwar hervorragend. Stilistisch von ganz großer Kunst, aber auch inhaltlich: Er zeichnet einen Ludwig Meyer, der an den Leiden seiner Mutter leidet, der für die Freiheit kämpft - für die politische während der 1848er-Revolution genauso wie für die individuelle -, der aber auch über sein Ziel hinausschießt, sich im Alleinbesitz der Wahrheit wähnt, der sich mit seinen Kollegen überwirft und so zum Opfer von deren Intrige wird.

Auch Meyer ist - wie es der Romantitel sagt - "Von allen guten Geistern": "Er sagt ja in dem Roman ein, zwei Mal, dass er durch manch einen seiner Patienten mehr gelernt hat als durch einen hochgebildeten, wissenschaftlich arbeitenden Kollegen", meint Andreas Kollender.

Kollender gelingt es - mit notwendigem, aber nicht übertriebenem Zeit- und Lokalkolorit -, überzeitliche Fragen aufzuwerfen: Nach dem Umgang mit psychisch Erkrankten und geistig Behinderten, nach gesellschaftlichen Konventionen und individueller Freiheit. Bis heute ungeklärte Fragen. Ein starker Roman.

Von allen guten Geistern

von
Seitenzahl:
440 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Pendragon Verlag
Bestellnummer:
978-3-86532-575-4
Preis:
17,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.02.2017 | 12:40 Uhr

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