Stand: 01.08.2019 14:49 Uhr

Tatort Paris: Ein Fall für einen "Neuen Maigret"

Lacroix und die Toten vom Pont Neuf
von Alex  Lépic
Vorgestellt von Andrea Heußinger

Vor ziemlich genau zwei Jahren hat Daniel Kampa etwas auf den ersten Blick ziemlich Verrücktes getan: einen neuen Buchverlag gegründet. Sein Startkapital waren die Rechte am Gesamtwerk von Georges Simenon inklusive seines berühmten Kommissars Maigret. Zuvor waren die Bücher 40 Jahre lang im Diogenes Verlag erschienen, für den Kampa übrigens 20 Jahre lang gearbeitet hatte. Genau wegen Simenon und Kommissar Maigret passt der erste Krimi "Lacroix und die Toten vom Pont Neuf" eines gewissen Alex Lépic in das Programm des Kampa Verlags wie der berühmte Deckel auf den Topf.

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"Lacroix und die Toten vom Pont Neuf": ein Buch für Parisliebhaber und Fans des belgischen Schriftstellers Georges Simenon, dem Erfinder der Maigret-Kriminalromane.

Gerade erst ist er aus dem Urlaub zurück, da erreicht Kommissar Lacroix ein Anruf: Ein toter Clochard wurde gefunden - er liege, "um das Klischee vollständig zu bedienen", so der Chef am Telefon, ausgerechnet unter dem Pont Neuf, jener Brücke über die Seine, die als der Pariser Treffpunkt schlechthin für Wohnungslose und Aussteiger aller Art gilt.

Aus Lacroix wird "Der neue Maigret"

Weil die Kollegen im eigentlich zuständigen Kommissariat alle beschäftigt sind, soll Lacroix den Fall übernehmen:

"Er ging in sein Büro, nahm sein Notizbuch und seine Pfeifentasche, griff den grauen Mantel vom Haken und hielt kurz inne. Sollte er? Sein Zögern ärgerte ihn. Selbstverständlich sollte er. Er nahm den braunen Hut, setzte ihn auf und warf sich den Mantel über. Es war Herbst. Man brauchte Hut und Mantel. Sollten sie doch reden." Leseprobe

Wenn die Kollegen, die Presse oder die Pariser Bürger über ihn reden, nennen sie ihn Maigret. Weil er sich kleidet wie die legendäre Romanfigur - vor allem aber auch, weil er als der beste Ermittler von Paris gilt.

Mordserie am Seine-Ufer

Sein neuer Fall entpuppt sich als deutlich komplizierter als gedacht: In den darauffolgenden Nächten werden zwei weitere Männer am Seine-Ufer niedergemetzelt. Viele müssen an eine ähnliche Mordserie in den 80er-Jahren denken, deren Verursacher nie gefasst wurde.

"Lacroix und die Toten vom Pont Neuf" ist Krimi, vor allem aber auch viel Savoir-vivre und Paris:

"Es war nur ein kurzer Fußweg vom Pont Neuf bis zum Quai. In der Rue de Buci war es ruhig, nur ein Kellner schichtete Eis auf die Tische, die vor dem Restaurant standen und auf denen später Austern, Langusten und Seespinnen ruhen würden, bevor sie auf den Tellern der Touristen landeten. An der Ecke öffnete Alains Obstladen, sein Sohn schob eben den Rollladen hoch, die Früchte des Herbstes leuchteten. Späte Aprikosen, Pflaumen, die ersten Kürbisse. Lacroix liebte diese Straße, sah schräg gegenüber das Hotel La Louisiane, in dem Sartre und Beauvoir zusammen abgestiegen waren. Die zweihundert Meter Straße atmeten so viel Geschichte - das gab es nur in Paris." Leseprobe

Der Kommissar liebt Spaziergänge, seine Frau und gutes Essen - moderne Technik dagegen verschmäht er.

Ein Commissaire, der aus der Zeit fällt

Deshalb hat Maigret, pardon, Lacroix, noch nicht einmal ein Handy - sondern lässt sich lieber in den zahlreichen Geschäften, Bars und Bistros anrufen, in denen er Tag für Tag verkehrt. Wenn ein Fall kompliziert wird, so wie dieser hier, starrt er stundenlang ins Leere oder auf eine riesige Fläche in seinem Büro, an die alle für den Fall wichtigen Infos gepappt sind. Oder er geht ins Polizeimuseum, das sich praktischerweise im Stockwerk unter seinem Büro befindet.

"Er war genervt. Er wusste, dass er etwas übersehen hatte. 'Bonjour, Commissaire', sagte die Polizistin, die am Eingang saß. 'Bonjour, Madame', entgegnete Lacroix, 'ich brauche mal ein paar Minuten.' Sie nickte und senkte den Blick wieder in ihre Zeitung. Jeder im Kommissariat des fünften Arrondissements wusste, dass Lacroix bei schwierigen Ermittlungen durchs Museum wandelte, als suchte er Rat bei den Ahnen der Pariser Polizei." Leseprobe

So liebevoll, wie die Figuren beschrieben werden, so liebevoll ist auch das Buch gestaltet. Das Design versprüht einen Charme vergangener Zeiten, passend zum herrlich altmodischen Protagonisten - und auch zur Geschichte selbst: Alex Lépic setzt hier den Klassikern ein Denkmal: solide Polizei- und Kombinationsarbeit mit wenig technischen Finessen, dafür einigen Verdächtigen - und am Ende einem Täter, mit dem wohl nur die allererprobtesten Hercule-Poirot-, Miss-Marple- oder eben Maigret-Fans gerechnet hätten. Gerne schnell mehr davon!

Lacroix und die Toten vom Pont Neuf

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kampa Verlag
Bestellnummer:
978-3-311-12500-6
Preis:
16,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.08.2019 | 12:40 Uhr

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