Alba de Céspedes: "Das verbotene Notizbuch" © Suhrkamp Verlag

Alba de Céspedes: "Das verbotene Notizbuch"

Stand: 12.12.2021 14:29 Uhr

Alba de Céspedes ist fast in Vergessenheit geraten. Nun wurde ihr Roman "Das verbotene Notizbuch" aus dem Jahr 1953 neu übersetzt - mit einer Protagonistin, die verstrickt ist in ihrer Leidenschaft und den Konventionen der Zeit.

von Claudio Campagna

Alba de Céspedes muss eine spannende Persönlichkeit gewesen sein. Ihr Großvater war bis zu seiner Ermordung der Präsident Kubas, ihr Vater war Botschafter des Karibik-Staates in Rom. Dort wuchs Alba de Céspedes auf und bewegte sich in Adelskreisen. Während des Zweiten Weltkrieges engagierte sie sich im antifaschistischen Widerstand. Später arbeitete sie als Journalistin und Autorin und war eine wichtige Figur für das literarische Leben Italiens. Viele ihrer Erzählungen wurden verfilmt.

Vor zwei Tagen war Weihnachten. An Heiligabend waren Riccardo und Mirella zu einem Ball eingeladen, bei unseren alten Freunden, den Caprellis, die ihre Tochter mit diesem Anlass in die Gesellschaft einführen wollten. Mirella sah in ihrem Kleid entzückend aus: Fast hätte ich gesagt, dass ich sie am liebsten immer so sehen würde, so heiter und anmutig, wie es ein fast zwanzigjähriges Mädchen sein sollte. Doch dann kam mir der Gedanke, dass sie für andere vielleicht immer so und völlig anders ist, als wir sie kennen. Und während ich mich beunruhigt fragte, ob eine ihrer Seiten wohl gespielt und aufgesetzt sei, ging mir auf, dass nicht sie anders ist, sondern dass lediglich die Rollen wechseln, die sie zuhause und woanders zu spielen gezwungen ist. Leseprobe

Ein Notizbuch für geheime Gedanken

Wie der Tochter geht es Valeria auch selbst. Immerzu muss sie eine Rolle spielen, die ihr eigentlich gar nicht entspricht. Das Heft, in welches sie all das notiert, hat sie ein paar Wochen zuvor erstanden; an einem Sonntag, da dürfen Tabakhändler eigentlich nur Rauchwaren verkaufen, deshalb ist es ein "verbotenes Notizbuch". Seither hat Valeria panische Angst, jemand könnte ihr Gedankenjournal entdecken.

Warum, ist nicht ganz klar. Waren die 50er-Jahre wirklich so repressiv, dass eine schreibende Frau schon einen Skandal hervorgerufen hätte? Wohl eher nicht. Das "Notizbuch" ist vielmehr eine Metapher für die innere Welt Valerias: Gedanken und Gefühle, die sie im Alltag, auch und gerade vor ihrer Familie, verborgen hält. Michele, der Ehemann, sagt seit langem nur noch "Mama" zu ihr.

Lange vergessene Gefühle werden wach

Als sie eines Tages auf dem Weg ins Büro mitbekommt, wie ein Fremder sie "bezaubernd" nennt, bricht sich eine verloren geglaubte Empfindung plötzlich wieder Bahn.

Mein Herz schlug heftig, und von einem leisen, bangen Schwindel erfasst, wäre ich am liebsten davongelaufen, aber der Fahrstuhl kam einfach nicht. Ich vermied es tunlichst, mich umzudrehen: Der Mann hätte noch gedacht, ich täte es seinetwegen. Leseprobe

Die Kinder machen Valeria Probleme mit ihren Bestrebungen unabhängiger zu werden, der etwas schluffige Ehemann stellt dabei keine große Hilfe dar. Valerias Notate scheinen zunächst banal. Doch immer mehr ziehen einen die minutiös geschilderten Gedankenkreise in ihren Bann und man taucht immer tiefer ein in diesen Mikrokosmos einer im Grunde gewöhnlichen Familie - die es aber in sich hat.

Valeria entdeckt verwirrende Empfindungen

Valeria ist nicht die einzige mit einem Geheimnis. Die undurchsichtige Beziehung der Tochter zu einem jungen Anwalt etwa raubt ihr fast den Verstand. Aber nicht nur das. Im Büro scheint ihr Chef, sie schüchtern zu umwerben. Valeria hegt ebenfalls Gefühle für ihn und ist verwirrt.

"Es ist doch nichts dabei, ihn anzurufen", sagte ich mir, "das habe ich schon so viele Male getan, was soll daran verdächtig sein." Doch wenn ich an ihn denke, weiß ich nicht mehr, wie ich ihn nennen soll: "der Direktor" klingt für mich auf einmal nach jemandem, der mir bis vor kurzem noch vertraut war und nun aus meinem Bekanntenkreis verschwunden ist. Wenn ich dagegen versuche, seinen Vornamen "Guido" auszusprechen, klingt es nach niemandem, als hätte ich mir diesen Namen ausgedacht, und das macht ihn rätselhaft und verstörend. Leseprobe

Schreibend versucht Valeria das Kuddelmuddel widerstrebender Gefühle zu entwirren: Leidenschaft steht gegen Konvention, Selbstverwirklichung gegen Familienbande. Das Widerspiel der Kräfte in der Psyche eines Menschen schildert dieser Roman aus dem Jahr 1953 eindrucksvoll. Die starren Rollenmuster in der Geschichte, die rigiden Moralvorstellungen, die der Erzählung zu Grunde liegen - aus heutiger Sicht wirken sie aber doch ein wenig verstaubt.

Das verbotene Notizbuch

von Alba de Céspedes, aus dem Italienischen von Verena Koskull
Seitenzahl:
302 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-458-17934-4
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.12.2021 | 12:40 Uhr

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